Favres Abwehrkampf gegen das Etikett Top-Mannschaft

Von: Bernd Schneiders
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„Gut gemacht, Kleiner”: Marc
„Gut gemacht, Kleiner”: Marco Reus (links) und Patrick Herrmann. Foto: imago/Contrast

Mönchengladbach. „Bist du gleich oben?” rief Patrick Herrmann einem hübschen Mädel im Hintergrund zu. Der 20-Jährige selbst befand sich zu dieser Zeit noch ganz unten - in der Mixed-Zone des Borussen-Stadions.

Und sehnte sich nach dem 125. Interview wohl auch nach etwas Entspannung und prickelnderen Gesprächen mit attraktiveren Gesprächspartnern im höhergelegenen VIP-Treff.

Die Erhöhung setzte sich in der anschließenden Pressekonferenz fort, fand in Lucien Favre nur einen wenig geeigneten Mitspieler. „Patrick ist sehr schnell und vor dem Tor sehr, sehr gut”, befand Borussia Mönchengladbachs Trainer. „Aber einen Vergleich mit Marco Reus halte ich für übertrieben.” Doch die mediale Helden-Produktionsmaschinerie ist mindestens so schnell wie das Konterspiel seiner Mannschaft. Und so wusste Favre schon an diesem Abend, dass seine Zurückhaltung keine Chance und kaum Schutz für den Jüngling, der am 12. Februar 21 Jahre alt wird, sein würde.

„Er ist seit drei Monaten Stammspieler”, ließ Lucien Favre in seine Beschreibung einfließen. Und die Übersetzung aus dem Schweizerischen hieß: So schnell galoppieren auch die vermeintlich wiedergeborenen Fohlen nicht. Zumindest wurde der zweifache Torschütze (noch) nicht nach einer Ausstiegsklausel gefragt.

Der Vertrag des schnellen Stürmers, der als 17-Jähriger vom 1. FC Saarbrücken ins Gladbacher Jugendinternat gekommen ist, läuft noch bis 2014. Der 20-Jährige ist aber genau aus dem Stoff, den der Entwickler Lucien Favre braucht: technisch gut, spielintelligent, lernfähig und -bereit. Und sein Tor zum 3:0 belegt vor allem in der Entstehung die Qualitäten von Herrmann, seines Teams und vor allem auch von Lucien Favre.

Die Laufwege von Marco Reus und seinem angeblichen Nachfolger waren mindestens ebenso brillant wie die kaltblütige Verwertung durch den schmächtigen Doppeltorschützen. Geplant, trainiert, verinnerlicht: „Ich komme von Spiel zu Spiel besser rein”, sagt Patrick Herrmann. Ab durch die Mitte war das Erfolgsrezept auch für Marco Reus, der erst richtig aufblühte, als Favre ihn ab dem 9. Spieltag (2:2 gegen Leverkusen) von der rechten Außenposition in die Offensiv-Zentrale zog. Dort treffen sie in der Regel auf hochgewachsene, körperlich starke aber nicht sehr schnelle Innenverteidiger. Folgerichtig setzte hier der Schweizer Fußballlehrer auch gegen die Bayern den Hebel an. „Wir waren perfekt vorbereitet”, sagte Herrmann, der weiß, dass die so selbstverständlich aussehenden Spielzüge auf permanentem Einüben beruhen. „Mike und Marco haben überragende Pässe gespielt - aber es sah sicher leichter aus als es war, die Tore zu machen.”


Bayern-Trainer Jupp Heynckes fühlte sich in seiner Einschätzung, die er schon vor der Niederlage besessen habe, nur bestätigt: „Gladbach wird in der nächsten Saison in der Europa League oder Champions League spielen.” Der Trost seines Schweizer Kollegen aber wird ihm fast noch mehr weh getan haben als der Fehler seines Torhüters Manuel Neuer zur Gladbacher Führung. „Es war schwer gegen uns zu spielen”, lautete die lakonische Bestätigung Lucien Favres.

Nur zwei Münchner Chancen

Borussia hat den Bayern mit dem 3:1 nun auch den Zwischen-Titel „Beste Abwehr der Liga” abgerungen. „Unsere Abwehrleistung war sehr gut”, lobt denn auch der Gladbach-Coach. Das tiefe Stehen jedoch behagt dem Schweizer nicht. Doch das beherrscht seine Mannschaft perfekt, ohne sich das Stigma „Mauer-Mannschaft” anheften lassen zu müssen. Selbst den Bayern wurden kaum Chancen gewährt. Nur zwei echte Chancen bei 67 Prozent Ballbesitz für die Münchner.

Doch auch die Spieler beschleicht ein ungutes Gefühl bei der Konzentration in der eigenen Hälfte. „Wir finden das auch nicht gut”, gestand Martin Stranzl. Der Abwehrrecke weiß, dass sein Trainer eigentlich auch eine Dominanz im Ballbesitz und bei den Spielanteilen anstrebt. „Aber gegen die Bayern akzeptiere ich das”, sagt Lucien Favre. Erst wenn seine Mannschaft fähig ist, auch gegen Gegner à la Bayern in puncto Ballbesitz mithalten zu können, sei sie wirklich eine Top-Mannschaft. „Das kann noch dauern.”


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