Mönchengladbach - Favre-Plan: „Tak, tak, tak und dann puch!”

Favre-Plan: „Tak, tak, tak und dann puch!”

Von: Bernd Schneiders
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Sieht sich vor allem als Ausbi
Sieht sich vor allem als Foto: Lucien Favre arbeitet mit Akribie an der Entwicklung seiner Mönchengladbacher Profis. imago/Team 2

Mönchengladbach. Für Interviews hat er eigentlich grundsätzlich keine Zeit. In dieser Woche, wo es am Freitag schon wieder gegen den VfL Wolfsburg geht, schon mal gar nicht. „Die Woche ist immer zu kurz. Und jetzt fehlen zwei Trainingstage”, stöhnt Lucien Favre.

Der Trainer von Mönchengladbach ist ein Workaholic. Mit Akribie arbeitet er daran, Borussia nach der sensationellen Rettung vor dem Abstieg diese Saison eine nervenschonendere zu bescheren.

Was gefällt Ihnen besser: ein 5:4 oder ein 1:0?

Favre: Beide gefallen mir gut, weil du jeweils gewinnst. Das 1:0 gefällt mir besser, wenn es auf eine gute Art und Weise erzielt wurde und nicht mit Glück; wenn es also klar war und die Mannschaft noch zahlreiche Chancen herausgespielt hat. Wenn du schlecht spielst und trotzdem gewinnst, ist es auch gut. Aber damit kannst du nicht langfristig planen.

Also hätten Sie auch nichts gegen einen Sieg mit vier Gegentoren?

Favre: Nein, damit wäre ich zufrieden. Aber ein 5:0 wäre natürlich besser . . .

Kommt Borussia da auch mal hin?

Favre: Das braucht ein wenig viel mehr Zeit bis dahin.

Ihnen wird nach Ihrer Zeit bei Hertha BSC nachgesagt, dass Ihre Mannschaft hauptsächlich mit 1:0 oder allenfalls 2:1 gewinnt. Stimmt das?

Favre: Nein, aber ich wurde geholt, als die Mannschaft nicht weit vom Abstieg war. Mit Hertha haben wir mit dem Etat Nummer 13 um den Titel gespielt. In Zürich habe ich die ersten sechs Monate mich auch um eine gute Organisation bemüht. Nach eineinhalb Jahren aber waren wird dann eigentlich zu offensiv.

Borussia hat für diese Saison auch nicht viel investiert . . .

Favre: Das akzeptiere ich.

Wenn man den Erfolg mit Zürich hochrechnet, kann man in der Saison 2012/2013 dann mit extrem offensivem Fußball und ersten Titeln rechnen?

Favre (schmunzelt): Nein!

Haben Sie schon einmal ein perfektes Spiel gesehen?

Favre (überlegt): Perfekt? Mit dem FC Zürich sind wir mit einer klasse Mannschaft mit einem Altersdurchschnitt von 20,5 Jahren Meister geworden. In der Champions-League-Qualifikation gegen Red Bull Salzburg, damals mit Giovanni Trapattoni und Lothar Matthäus, gab es ein Festival. Wir haben fantastisch gespielt. Trapattoni hat nachher gesagt: „Das war unglaublich!” Aber wir haben nur 2:1 gewonnen durch ein völlig unnötiges Gegentor statt 6:0 oder 7:0. Also war es kein perfektes Spiel. Wir sind dann auch durch ein 0:2 in Salzburg ausgeschieden.

Und wie siehts mit Ihrem Lieblingsklub, dem FC Barcelona aus?

Favre: Sicher, das 5:0 im Heimspiel über Real im letzten Jahr. Das dritte, vierte, fünfte Tor - perfekt. Aber . . . beim 1:0 und 2:0 war auch viel Glück dabei.

Solch ein Spielermaterial fanden Sie in Mönchengladbach nicht vor. Was sind die Pluspunkte Ihrer Profis?

Favre: Alle, wirklich alle haben eine Top-Mentalität. Im Training geben sie immer 100 Prozent. Und das Beste ist, wenn einmal einer nicht gut mitmacht, sagen es ihm die anderen. So etwas habe ich zuvor noch nicht erlebt.

Geht denn die defensive Organisation immer zu Lasten der offensiven Stärke und Kreativität?

Favre: Als ich gekommen bin, war die einzige Lösung für mich, die Defensive zu verstärken. Sonst hätten wir keine Chance mehr gehabt. 2,7 Tore pro Spiel - damit bist du ein Absteiger. Das war also die erste Aufgabe, auch um der Mannschaft das Selbstvertrauen zurückzugeben. Aber ich bin nicht dumm. Wir müssen vorne mehr Chancen kreieren. Daran arbeiten wir. Die erste Ballannahme muss besser sein, die zweite auch, um dann zu beschleunigen. Dazu brauchen wir auch Schnelligkeit, Beweglichkeit und das richtige Laufen.

Sie spielen seit der Rückrunde mit einem 4-4-2, obwohl Sie es selbst als schwierig bezeichnen.

Favre: Ich habe in meiner Karriere alles gespielt. Ich konnte hier kein anderes System einführen, weil der Kader für ein 4-4-2 oder 4-2-3-1 zusammengestellt war. Wir haben es erfolgreich gespielt, die Spieler haben Vertrauen in dieses System.

Warum aber ist es denn so schwierig?

Favre: Es kann sehr leicht stereotyp oder unfruchtbar werden. Du hast eine gute Ordnung, aber es ist ein sehr flaches System, du hast keine Winkel. Also brauchst du Schnelligkeit und Tiefe, damit es auch effektiv wird.

Sie unterbrechen viel im Training, arbeiten wie Sie es nennen an Details: Ist Fußball auch auf diesem Niveau Unterricht?

Favre: Mein Job ist es, jeden Spieler besser zu machen. Du musst es demonstrieren, korrigieren, das braucht viel Zeit. Fabio Capello hat einmal gesagt: Ein Ausbilder ist auch ein guter Trainer. Das sehe ich auch so. Wenn du nicht korrigieren kannst, solltest du einen anderen Job machen. Motivieren, eine Taktik erarbeiten, der Trainingsaufbau - das ist alles ok. Aber das Wesentliche ist auszubilden.

Sind Sie privat auch der Hundertprozentige, der Perfektionist und der detailversessene Arbeiter?

Favre: Ich mache meinen Job, dafür gebe ich alles. Ich mache aber auch Fehler. Privat aber bin ich ganz anders: Ich bin cool, zwar seriös, aber wenn ich mit meinen Freunden zusammen bin, feiere ich gerne.

Sie sind mit Ihrer Akribie also auch kein schwieriger Vater?

Favre: Dafür wäre es jetzt eh zu spät. Mein Sohn ist 28 mittlerweile, meine Tochter 31. Wir hatten nie Probleme. Aber ich möchte nach meiner Karriere unbedingt etwas mit Kindern machen. Vielleicht gründe ich eine Fußballschule in meiner Region.

Sie haben einmal die Arbeit mit einer Mannschaft mit dem Backen verglichen: Man muss die richtigen Zutaten finden.

Favre: Das stimmt. Vor allem aber brauchst du Kontinuität. Und das ist in Deutschland sehr schwierig. Die durchschnittliche Verweildauer eines Trainers liegt hier bei zehn bis 14 Monaten. Da ist es schwer, etwas aufzubauen. Deshalb sehe ich auch nicht, dass ein deutscher Verein in den nächsten ein, zwei Jahren die Champions League gewinnt. In Dortmund aber hat man gesehen, wohin Kontinuität führen kann. Jürgen Klopp hatte auch eine schwierige Startphase. Aber der Klub hat die Ruhe bewahrt. Und heute stehen sie oben.

Kontinuität hat auch der FC Barcelona.

Favre: Ja, Kontinuität und eine Philosophie. Jede Saison holt man einen aus dem eigenen Nachwuchs hoch. Dazu kaufen sie aber auch gezielt Verstärkungen - eine perfekte Mischung.

Wie sehen denn die Zutaten für Ihren Borussia-Kuchen aus?

Favre: Wir haben eine gute Mischung aus erfahrenen und sehr jungen Spielern. Es fehlt uns derzeit noch etwas an Schnelligkeit. Damit meine ich nicht nur die läuferische. Wir müssen schneller sehen, schneller denken. Wenn du für die Ballannahme drei Sekunden brauchst, musst du wieder zurück. Wir brauchen Ballzirkulation - und dann im richtigen Moment den Vorstoß: tak, tak, tak und dann puch!

Gegen Stuttgart hat die Mannschaft phasenweise wieder sehr tief gestanden. Gewollt?

Favre: Nein. Balleroberung - und dann kontern, ist zu wenig. Ein wesentlicher Teil muss im Mittelfeld stattfinden: Den Ball halten und das Gespür haben, für die richtige Lösung nach vorn.

Die Zutaten sind vorhanden. Fehlt Ihnen mal ein Klacks Sahne auf dem Kuchen, ein richtiger Top-Transfer?

Favre: Dazu haben wir weder jetzt noch in der nahen Zukunft die Möglichkeiten. Dafür brauchst du zehn Millionen Euro. Und wenn es dann ein Flop wird? Ein Schweizer Spieler kostet heute schon vier Millionen. Das Geld haben wir nicht.

Wenn Max Eberl einen Goldschatz ausgegraben hätte und Sie sich einen Spieler wünschen könnten, für welche Position wäre das?

Favre: Wir haben alles, fast alles. Junge Spieler auf der einen Seite wie Leckie und King, aber auch erfahrene. Wir haben uns für diesen Weg entschieden, überwiegend mit jungen Spielern zu arbeiten. Wir können nicht anders. Punkt!

Weiter ohne Igor de Camargo und Martin Stranzl

Borussia muss am Freitag gegen Wolfsburg neben dem gesperrten Roel Brouwers weiterhin auf Igor de Camargo (Brustwirbel) und Martin Stranzl (Wadenprobleme) verzichten. In der Innenverteidigung wird wohl Harvard Nordtveit neben Dante spielen, auf die Sechser-Position des Norwegers könnte Thorben Marx rücken.
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