Fast ein Meisterstück gegen den Meister

Von: Bernd Schneiders
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Als Ex-Schalker jubelt es sich
Als Ex-Schalker jubelt es sich gegen Dortmund besonders schön: Mike Hanke nach seinem 1:1 für Gladbach. Foto: Johannes Kruck

Mönchengladbach. Dante stand im Stadionkeller vor dem Aufzug. Einzig mögliche Richtung: aufwärts. Nicht schlecht für einen Klub, der in der Vorsaison fast schon abgestiegen war und nun spiegelbildlich die Tabelle von oben betrachtet.

Minuten zuvor 1:1 gegen den amtierenden Deutschen Meister Borussia Dortmund gespielt, 30 Punkte und Platz 3 nach 15 Spielen. Und dennoch wusste Borussia Mönchengladbachs Abwehrchef nicht, ob er sich freuen oder ärgern sollte. „Ich wollte unbedingt das Tor zum 2:1 machen.” Das Adrenalin in den Blutbahnen des Brasilianers war noch nicht abgebaut. Zu knapp war er speziell mit seinem letzten Kopfball gescheitert, als ihn bei einem Eckball in der Nachspielzeit ausgerechnet Abwehrkollege Martin Stranzl störte. „Das wärs gewesen: Wie gegen Bochum!”

Igor de Camargo hatte vor einem halben Jahr mit dem 1:0 in letzter Sekunde im Relegationshinspiel gegen Bochum den Weg zum Klassenerhalt geebnet und das Stadion zur Explosion gebracht. Ein später Siegtreffer nun gegen Dortmund wäre ein neues i-Tüpfelchen auf einer bisher so sensationell gut verlaufenen Spielzeit gewesen.

Ein Meisterstück passenderweise gegen den Deutschen Meister, mit einem Sieg gegen den BVB hätte Gladbach Platz 1 noch vor den Bayern erobert. Der Traum aber lebt auch noch nach einem 1:1: Der Nichtabstieg könnte von Lucien Favre selbst zur Gesellenprüfung degradiert werden. Schließlich hatte seine Mannschaft gerade einem bärenstarken Dortmunder Team ein Remis abgetrotzt - und das ohne Marco Reus! Doch der Vater des Aufschwungs war erst einmal groggy. „Machen Sie schnell, ich bin müde”, bat der Schweizer die Journalisten.

Ein Trainer müde? „Das Spiel war sehr anstrengend”, bekräftigte Marc-André ter Stegen. Der ist kein Trainer. Der 19-Jährige ist Torhüter und eigentlich in der Position auch nicht unbedingt ein Kilometerfresser. Was also hatte die niederrheinische Borussia so müde gemacht? „Es war ein richtig gutes Fußballspiel”, sagte Jürgen Klopp, „super intensiv.” Dazu hatten seine Borussen wesentlich beigetragen. So sehr, dass sein Schweizer Kollege zugeben musste: „Wir haben teilweise am Limit gespielt.”

Der Perfektionist fand natürlich noch ein, zwei Härchen in der für die Zuschauer köstlichen Remis-Suppe. „Wir haben die Lücken nicht so gefunden wie in anderen Spielen.” Doch zum einen fehlte eben Lückenreißer Reus, zum anderen schockte der westfälische Gast die Favre-Elf von der ersten Sekunde an mit einem Extrem-Pressing. Zehn BVB-Feldspieler in der Gladbacher Hälfte, Dante & Co. benötigten Zeit, mit dieser Schock-Taktik klar zu kommen.

Doch unter Favre stimmt die Defensivqualität auch dann noch, wenn die strukturierte Vorwärtsbewegung zu verkümmern scheint. Und so war es auch ein Verdienst der Abwehr, dass der BVB für seine Führung einen Standard benötigte. Eine Ecke von Mario Götze beeindruckte ter Stegen dermaßen, das er erst zwei Schritte aus dem Tor herauskam, um dann eilig den Rückwärtsgang einzuschalten. Zu spät: Robert Lewandowski durfte von Roman Neustädter unbedrängt einen Kopfball auf das Tor setzen, der nicht mehr optimal platzierte ter Stegen tatschte den Ball noch ab und nahm damit Filip Daems jede Chance, auf der Linie noch rettend einzugreifen (40.).

Für den Kombinations-Liebhaber Lucien Favre muss der Ausgleich eine besondere Genugtuung gewesen sein. Der Meister benötigte einen Standard, der Quasi-Aufsteiger setzte einen Spielzug à la Favre dagegen: Dante passte scharf und lang auf Juan Arango, der kurz ablegte zu Raul Bobadilla, der Argentinier spielte Mike Hanke den Ball brillant in den Lauf. Gladbachs „Neuneinhalber” bewies wie gegen Köln längst verschüttet geglaubte Torjäger-Qualitäten und verwandelte flach zum 1:1 (72.).

„Solche Szenen haben wir zu 99 Prozent verhindert, da nicht”, stöhnte Jürgen Klopp. Gladbach kam nicht auf diese Prozentzahl, erlaubte dennoch nur einen Gegentreffer. Auch weil ter Stegen gegen Götze herausragend klärte (76.). Die Favre-Elf verdiente sich das Remis durch eine Steigerung in der Offensive nach der Pause. Doch der Treffer fiel, als die permanente Konzentration in dem hochklassigen Spiel fast schon zu ersten Ermüdungserscheinungen bei den Gastgebern zu führen schien.

Der Balance-Akt zwischen mehr Risiko und guter Organisation zehrte an den Kräften. Aber Klopp bescheinigte: „Die ziehen ihr Ding durch.” Auch ohne Reus, sogar mit einem Bobadilla als Passgeber. „Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Gladbach eine Spitzenmannschaft ist”, lobte Jürgen Klopp, „dann war es dieses Spiel.”

Mike Hanke widmete seinen Treffer auch Marco Reus. „Er wird sich gefreut haben, dass wir auch ohne ihn erfolgreich sind. Zuletzt lag schon arg viel Last auf seinen Schultern.” Reus musste sein Comeback verschieben, weil sich der gebrochene Zeh verschoben hatte.

Roel Brouwers wurde geschont, weil er am Freitag Vater eines Sohnes geworden ist.

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