Ex-Schiedsrichter Jakob Wippker ist ein Anekdotenbuch

Von: Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:
9950539.jpg
13. August 1983: Jakob Wippker (Mitte) vor dem Anpfiff des Spiels zwischen dem VfB Stuttgart und Eintracht Braunschweig mit den Kapitänen Karlheinz Förster (rechts) und Ronnie Worm. Foto: sport/Sportfoto Rudel

Aachen. Paul Breitner wartete im Spielertunnel des Betzenbergstadions in Kaiserslautern. Draußen tobte das Fanvolk, wartete auf die Gladiatoren, wie das häufig so war, wenn der FC Bayern München vorbeischaute. Jakob Wippker wollte die Situation ein bisschen entkrampfen. „Sind Sie nervös, Herr Breitner?“, kontaktierte er den Nationalspieler. Breitner antwortete cool feixend, als sei er gerade einem Italo-Western entsprungen: „Ich bin sicher, dass Sie nervöser sind, Herr Schiedsrichter.“

Herr Schiedsrichter Jakop Wippker kann viele Geschichten aus Tagen erzählen, als Spieler und Spielleiter noch einen herrlich unverkrampften Umgang pflegten. Wippker war Schiedsrichter in der Bundesliga. Daran erinnern nicht nur viele Ehrennadeln und Wimpel im Partykeller und Feuerzeuge, die die Vereine den Referees damals noch überreichen durften. Der heute 75-Jährige ist ein fröhliches zweibeiniges Anekdotenbuch.

Der Mann war ein Spätberufener. 1967 wollte er den Trainerschein machen, die Voraussetzung dafür: Erste-Hilfe-Kurs und Schiedsrichter-Schein. „Das Schiedsrichtern hat von der ersten Sekunde an Spaß gemacht.“ Die Trainerpläne verschwanden in der Schublade, auch der Erste-Hilfe-Kurs fand nicht mehr statt. Mit 28 Jahren hatte Jakop Wippker seine beste Idee. Er war ein Spätberufener, aber ein ziemliches Talent. Ein paar Sprossen auf der Karriereleiter waren schnell übersprungen, er durfte schnell die unteren Ligen verlassen. Er war gut, wurde gefördert und sechs Jahren, nachdem er fast zufällig seine Leidenschaft entdeckt hatte, pfiff er sein erstes Zweitliga-Spiel: Oberhausen gegen Siegen. Eine aufregende Zeit begann. Bei Walter Eschweiler oder Volker Roth stand er oft an der Seitenlinie auch bei internationalen Spielen. Die Karriere startete spät, aber sie nahm Fahrt auf.

Wippker kam herum. Einen einzigen Platzverweis verhängte er in dieser Zeit für den Bielefelder Matthias Westerwinter. Der Schiedsrichter kam ohne überzogene Theatralik aus, im Zweifel überzeugte ein klares Wort. „Meine Maxime war es immer, menschlich zu sein.“ Schiedsrichter verstanden sich damals nicht als Hauptdarsteller, sie waren fast immer Partner der Spieler. An eine Rudelbildung auf dem Platz kann er sich jedensfalls nicht erinnern.

Schiedsrichter waren noch Autoritäten, deren Fehler nicht in Zeitlupe seziert wurden, die am nächsten Tag nicht mit Tomaten auf den Augen in den Boulevard-Zeitungen abgebildet wurden.

Wippker jedenfalls hatte mehr Spaß als Probleme. Es war ein Hobby, für ein Bundesliga-Spiel gab es 72 Mark pro Tag, manchmal wurde so ein Ausflug zum Betzenberg dann auf ein Wochenende ausgedehnt. Sein Geld verdiente Wippker als Straßenbauer, 35 Jahre lang pendelte er täglich nach Köln. Und nicht selten half Wippker am Sonntag in den unteren Klassen noch weiter aus, wenn kurzfristig ein Kollege in der Landesliga ausgefallen war. Anruf genügt.

Am Ende der Saison 1983/84 musste er nach 85 Einsätzen in den ersten beiden Ligen und im Pokal aus Altersgründen den Profibereich aus Altersgründen verlassen. Wippker war noch eine Saison bei den Amateuren unterwegs. Der Abschied vom großen Fußball sei ihm schwer schwergefallen, gibt er zu. Er vermisste die große Bühne. Er suchte sich ein neues Betätigungsfeld- im Fußball. Wippker wurde Dritter, Zweiter, Erster Vorsitzender beim VfR Venwegen, und die Dinge entwickelten sich in die richtige Richtung. Sein Verein kletterte bis in die Landesliga.

Auch das liegt schon ein paar Jahre zurück. Wippker ist dem Fußball verbunden geblieben, noch heute geht er regelmäßig zum Tivoli. Die Sitten haben sich verändert, sie sind verroht. „Es ist doch ekelhaft, wenn ein Spieler vehement eine Gelbe Karte für einen Kollegen fordert. Den würde ich sofort verwarnen, weil er gegen das Fair-Play verstößt.“ Natürlich wirft Wippker ein Auge darauf, was seine Nachfolger leisten. „Wir waren vielleicht manchmal zu alt, sie sind öfter zu jung. Sie sind geschulter und athletischer, aber zuweilen fehlt es ein bisschen Lebenserfahrung bei der Spielführung, weil sie das Spiel nicht spüren.“

Der einst ranghöchste Schiedsrichter im gesamten Fußballverband Mittelrhein lebt fast schon zurückgezogen mit seiner Frau Elisabeth am Rande der Eifel, genießt die Landschaft und die Natur. Das Paar verreist viel, und manchmal kramt er in noch in den alten Erinnerungen. „Die Schiedsrichterei hat mir viel gegeben. Ich möchte diese Zeit nicht missen.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert