Entscheidung mit dem Herzen getroffen

Von: Helga Raue und Klaus Schmidt
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Türkische Wurzeln, aber die H
Türkische Wurzeln, aber die Heimat ist Deutschland: Tolgay Arslan (von links), Volkan Yaman, Taner Yalcin, Bilal Cubukcu, Abdul Özgen, Ugur Inceman sowie Alper Uludag (unteres Foto). Fotomontage: Günter Foto: Dahmen (1), Ratajczak(1); imago (5)

Aachen. Integration bzw. die mangelnde Integration ist ein großes Thema in Deutschland. Nur nicht im Fußball, denn auf dem Platz ist die ethnische Zugehörigkeit kein Thema.

Gerade junge Deutsch-Türken sind immer mehr in allen Fußball-Ligen anzutreffen. Ein Thema wird die Nationalität erst, wenn ein Einsatz in einer Nationalmannschaft bevorsteht. Denn zumeist haben die in Deutschland geborenen Türken beide Staatsangehörigkeiten. Erst im Alter von 21 Jahren müssen sie sich entscheiden. Ebenso für das Land, für das sie spielen wollen. Denn mit dem ersten Einsatz im A-Länderteam ist man „festgespielt”. Die Frage, Bundesadler oder Halbmond auf dem Trikot, haben Mesut Özil und Nuri Sahin gegensätzlich entschieden. Auch die jungen Deutsch-Türken von Alemannia Aachen & Co. haben unterschiedliche Meinungen.

Tolgay Arslan (Alemannia)

Geboren am 16. August 1990 in Paderborn, wo er bis zu seinem Wechsel von Borussia Dortmund zum Hamburger SV im Sommer 2009 auch lebte. Die Eltern, beide in der Türkei geboren, waren vor über 30 Jahren nach Deutschland gekommen. „Mit meinem Vater habe ich deutsch gesprochen, mit meiner Mutter türkisch. Aber ich bin eher unter deutschem Einfluss und mit deutschen Freunden aufgewachsen. Der türkische Einfluss war nach dem Tod der Großeltern relativ gering”, sagt Arslan, der kein Muslim ist, „ich esse auch Schweinefleisch”.

Der offensive Mittelfeldspieler kam zu drei Einsätzen in der U.19 und in der U 21 der Türkei. „Weil der Verband angefragt hatte und der DFB nicht. Ich hatte immer die Hoffnung, dass die mal anklingeln, und deshalb auch für viele Spiele der Türkei abgesagt.” Schließlich wurde der DFB „doch noch fündig, es kam ein Anruf von Trainer Rainer Adrion. Da habe ich mich für Deutschland entschieden.” Begründung: „Die Mentalität in der türkischen U 21 war nicht meine. Ich habe mich nicht wohlgefühlt. Du konntest lange schlafen, Training und Einstellung sind viel lockerer. Es wird nicht auf einem so hohen Niveau trainiert, nur ein Mal am Tag und nicht so anstrengend. Ich bin immer mit einem Kilo mehr zurückgekommen, ­ das kenne ich sonst nicht.”

Nachdem die Formalitäten erledigt waren ­ - Arslan musste der Fifa belegen, dass er neben der türkischen schon immer die deutsche Staatsbürgerschaft besaß -­, erhielt der Alemanne die erhoffte Einladung vom DFB, allerdings für die U.20. Im Team von Frank Wormuth debütierte Arslan Ende März beim 1:1 gegen Polen in Cottbus. „Meine Zukunft sehe ich ganz klar in Deutschland.Vielleicht sehe ich mir aber den Fußball in der Türkei zum Ende meiner Karriere ein paar Jährchen an.”

Alper Uludag (Alemannia)

Geboren am 11. Dezember 1990 in Heusden-Zolder. Großeltern und Eltern sind gemeinsam von der Türkei nach Belgien ausgewandert.

Bis zu seinem Wechsel von PSV Eindhoven nach Aachen im Sommer 2007 sprach Uludag nur türkisch und flämisch, deutsch lernte er erst am Tivoli. Den Scouts des belgischen Fußballverbandes war der Mittelfeldspieler nie aufgefallen. „In der U.15 hatte ich mal eine Einladung der Türkei ­- das war sportlich allerdings nicht so gut von mir.” Ins Blickfeld geriet Uludag erst wieder durch seine Leistungen bei den Alemannia-Profis; im Oktober 2010 debütierte er in der türkischen U 21. „Die Mannschaft ist mehr spielerisch als kämpferisch veranlagt. Das ist mal gut und mal schlecht.” Die Akzeptanz im Team war gleich da: „Alle wussten, da kommt ein Belgier aus Deutschland. Es gab kein Problem, und ein paar Spieler kannte ich bereits.”

Alper Uludag, der gerade seinen Vertrag am Tivoli bis 2014 verlängert hat, träumt davon, eines Tages in der türkischen Liga zu spielen. „Es gibt aber keinen favorisierten Verein. Ich muss einfach Spaß dort haben.” Der Muslim besitzt auch den belgischen Pass und ist eigentlich ganz froh, dass er „noch nicht in der Situation war”, sich im Hinblick auf eine mögliche Karriere in der A-Nationalmannschaft entscheiden zu müssen. „Ich lasse das mal so stehen, dass Belgien noch nicht gekommen ist. Darüber kann ich nachdenken, wenn es so weit ist. Aber eine Entscheidung wäre schwer.”

Bilal Cubukcu (Alemannia)

Geboren am 16. Mai 1987 in Berlin-Kreuzberg. Dort aufgewachsen und wohnhaft bis vor knapp drei Jahren. „Mit meinen Eltern” - die vor rund 30 Jahren aus der Türkei übersiedelten - „habe ich meist türkisch gesprochen. Und mit meinen Geschwistern deutsch-türkisch.” Cubukcu wurde die türkische Kultur mitgegeben, muslimisch geprägt und mit einer Mutter, „die ständig Tee gekocht hat”. Deutsche Einflüsse blieben überschaubar: „In Kreuzberg gibt es ja mehr Ausländer als Einheimische. Die müssen sich eher den Türken annähern.”

Seine erste Einladung zu einer Junioren-Auswahl erhielt Cubukcu in der U.16, über den ehemaligen türkischen Nationalspieler Metin Tekin, der für das Talent-Scouting in Deutschland zuständig war. Bis zur U 21 kam der Mittelfeldspieler auf mehr als 40 Einsätze in Nachwuchs-Teams. „Aber es war schon eine Überlegung, für Deutschland zu spielen.” Der Antrag auf den deutschen Pass, den seine Frau schon besitzt, ist auf dem Weg.

Als die Karriere bei Hertha BSC unter Lucien Favre ins Stocken geriet, suchte Cubukcu sein Glück woanders. „Aus der Türkei kam ein sehr gutes Angebot”, das passte, „weil es damals unserer Familie finanziell nicht so gut ging”. Die Anfangszeit bei Genclerbirligi war „super, toll”, doch dann landete Cubukcu in der Reserve und wurde kaum eingesetzt. „Ich habe mich unwohl gefühlt, und meine Frau war in Berlin.” Auch deshalb schlug der Profi Angebote türkischer Klubs aus. „Ich wollte zurück nach Deutschland. Hier gefällt mir außerdem der Fußball besser”, so Cubukcu, der aktuell mit einem Schien- und Wadenbeinbruch außer Gefecht ist. Animositäten während seiner Zeit in Ankara hat Cubukcu nicht erlebt. „Das war früher extrem”, dass in Deutschland geborene Türken wie Fremde behandelt wurden. „Mittlerweile hat doch fast jeder Klub drei, vier Profis mit solch einem Hintergrund.”

Taner Yalcin (1. FC Köln)

Geboren am 18. Februar 1990 in Köln. Der offensive Mittelfeldspieler wuchs in Nippes auf, als Sohn von Vater Cemal und Mutter Handan. „Der Einfluss der türkischen Kultur lag bei 50 Prozent. Ich bin mit beiden Kulturen vertraut, und die deutschen als auch türkischen Gewohnheiten sind mir sehr wichtig. Ich fühle mich als Kölsch-Türke”, sagt der Kölner.

Für die türkische U 18 und U 19 hatte Yalcin bereits mehrere Länderspiele bestritten. Dann entschied er sich für Deutschland. „Weil die Verantwortlichen des DFB mich mit ihrem Konzept am meisten überzeugt haben und ich beim DFB eine größere Perspektive und bessere Voraussetzungen für meine Entwicklung in den Jugend-Nationalmannschaften sehe.” Einen Wechsel zu einem türkischen Klub schließt Yalcin für die Zukunft nicht aus. „Aber zurzeit fühle ich mich beim 1. FC Köln rundum wohl.”

Volkan Yaman (Eskisehirspor)

Geboren am 27. August 1982 in München. Seine Familie kam vor gut 30 Jahren nach Deutschland, lebt traditionell und ist gläubig. „Mein Glaube gibt mir Kraft, auch auf dem Platz. Ich gehe regelmäßig in die Moschee”, sagt Yaman, der zu Hause zwar türkisch, zudem aber perfekt deutsch spricht.

Nach der Jugendzeit bei 1860 München und einem schweren Beinbruch schien der Traum vom Profi unrealistisch. Der Linksfuß spielte in der Bezirksliga für den Türk SV München, als er 2005 vom damaligen türkischen Zweitligisten Antalyaspor eine Einladung zum Probetraining bekam und mit einem Dreijahresvertrag zurückkehrte. Yaman stieg 2006 mit Antalya in die Süperlig auf, wechselte 2007 zu Galatasaray Istanbul und wurde 2008 türkischer Meister. Seit Juli 2009 spielt der linke Außenverteidiger bei Eskisehirspor, als Fünfter auf Europaliga-Kurs.

Ex-Nationaltrainer Fatih Terim berief Yaman vier Mal in die Nationalmannschaft, zu Gus Hiddink hat der 28-Jährige bisher (noch) keinen Kontakt. „Es stand außer Frage, dass ich für die Türkei spiele, aber ich hätte auch gerne für Deutschland gespielt”, so Yaman. „Deutschland ist meine Heimat, ich bin von der deutschen Mentalität geprägt, und als ,Almanyali (Deutschländer) hat man es nicht einfach in der Türkei.” Der Linksfuß hat noch einen Vertrag bis 2012 in Eskisehir, kann sich aber danach ein Engagement in der Bundesliga sehr gut vorstellen.

Abdul Özgen (Bucaspor)

Geboren am 8. September 1986 in Stolberg. Seine Familie kam aus dem konservativen Konya nach Deutschland und ist gläubig. Von Landesligist SV Breinig wechselte der junge Stürmer 2006 zu Alemannia Aachen II in die Oberliga, erhielt 2009 einen Profivertrag, verpasste aber aufgrund eines Meniskusrisses fast die komplette Hinrunde. Im Sommer 2010 folgte Özgen dem Lockruf in die türkische Süperlig zu Kayserispor.

„Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich besser auf Eric van der Luer gehört hätte und noch ein Jahr bei der Alemannia geblieben wäre. Das hätte mir gut getan”, sagt der 24-Jährige, der mit der Mentalität in der Türkei keine Probleme hat. In der Winterpause war Özgen innerhalb der Süperlig von Kayserispor zu Bucaspor gewechselt. „Ich hatte nur zehn Einsätze mit Kayseri und habe mir von dem Wechsel mehr Einsatzzeiten versprochen”, so Özgen, der in vier Spielen für den abstiegsgefährdeten Klub aus Izmir drei Tore erzielte. Zwei davon gegen Tabellenführer Fehnerbahce Istanbul.

Sollte die Nationalmannschaft einmal ein Thema werden, könnte sich auch der 24-Jährige sowohl ein Engagement für die Türkei als auch für Deutschland vorstellen. „Meine Wurzeln sind in der Türkei, aber Deutschland ist und bleibt meine Heimat.”

Ugur Inceman (Antalyaspor)

Geboren am 25. Mai 1981 in Aachen. Inceman wuchs gläubig, aber in der deutschen Kultur auf. „Meine Eltern haben mir alle Freiheiten gelassen”, sagt Inceman. Als 20-Jähriger wechselte der defensive Mittelfeldspieler von Arminia Eilendorf zu Alemannia Aachen und war bis zu Lewis Holtby mit 2,75 Millionen Mark Ablösesumme Aachens teuerster Transfer.Nach zwei Jahren beim FC St. Pauli und einem halben Jahr bei Greuther Fürth ging Inceman im Januar 2004 in die Türkei zuerst zu Manisaspor, dann zwei Jahre zu Besiktas Istanbul und wurde 2009 Türkischer Meister.

Seit August 2010 schnürt Inceman für Antalyaspor, aktuell Elfter, die Schuhe. „Ich habe gemerkt, dass ich in den Planungen von Bernd Schuster keine Rolle spiele”, begründet Inceman den Wechsel am letzten Tag der Transferperiode. Der Vertrag läuft bis 2012, und seine sportliche Zukunft sieht er auch weiterhin in der Türkei. „Ich bin im achten Jahr in der Türkei und fühle mich hier richtig wohl. Müsste ich mich jetzt entscheiden, wo ich nach der Profikarriere leben will, würde es 60:40 für die Türkei stehen.”

Entscheiden musste Inceman sich, als Uli Stielike ihn für die deutsche U 21 haben wollte. „Ich habe mein Herz sprechen lassen, und das schlägt für die Türkei”, begründet er seine Entscheidung, die er wieder so treffen würde. „Auch wenn ich mich im Kopf für Deutschland entschieden hätte.” 17 Einsätze hatte Inceman mit der türkischen U 21, einen mit der A-Nationalmannschaft.

Drei Fragen an Volkan Yaman

Herr Yaman, Sie leben den Traum vieler junger Deutsch-Türken, haben den Sprung von der Bezirksliga in den türkischen Profi-Fußball geschafft.

Yaman: Das habe ich alles meinem Vater zu verdanken. Als ich mit sieben Jahren in einen Klub gegangen bin, hat er mich jeden Tag gefahren und dann im Auto geschlafen, während ich trainiert habe. Denn morgens ging er vor sechs Uhr zur Arbeit aus dem Haus, und nach meinem Training ging er mit meiner Mutter putzen. Wir sind neun Geschwister, und mein Vater hat nur für uns gearbeitet. Ich weiß nicht, wie ich ihm das jemals danken soll. Es war immer sein Traum, dass ich einmal Fußball-Profi werde - und es macht mich glücklich, wenn er voller Stolz meine Spiele verfolgt.

Traum hin, Traum her - eine richtige Ausbildung ist aber wichtig.

Yaman: Ganz richtig - ich habe eine Ausbildung zum Informatikkaufmann gemacht und abgeschlossen. Das war meinem Vater sehr wichtig, weil man von Träumen nicht leben kann. Ich weiß, wie hart es ist, Geld zu verdienen. Denn als ich alt genug war, habe ich meine Eltern nachts zum Putzen begleitet und später auch mit Putzen neben der Ausbildung und dem Training meinen Lebensunterhalt verdient. Ich würde jedem jungen Fußballer raten, zuerst eine Ausbildung zu machen und nicht alles auf die Karte Fußball zu setzen.

War es für Sie als Deutsch-Türken ein Problem, sich schnell in der Türkei zurechtzufinden?

Yaman: Ich hatte relativ wenig Probleme damit, andere junge Spieler dagegen schon. Man muss dann ganz schnell erwachsen werden. Gelacht wurde auch immer über unser Türkisch, man hört eben, dass wir aus Deutschland kommen. In Deutschland sind wir Ausländer, und in der Türkei „Deutschländer”. Mentalität und Kultur sind einfach anders, für uns fremd, weil wir mit der deutschen Mentalität und Kultur aufgewachsen sind. Ich lebe gerne hier, hatte eine tolle Zeit in Antalya und Istanbul und fühle mich in Eskisehir sehr wohl, aber meine Zukunft sehe ich in Deutschland.
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