Mönchengladbach - Ein Leben nur für halb vier

Ein Leben nur für halb vier

Von: Bernd Schneiders
Letzte Aktualisierung:
bradleyfo07
Unterlegen - möglichst nur beim Jubeln: Michael Bradley. Foto: imago/Team2

Mönchengladbach. Da mag man fast einen Hauch von Masochismus mitschwingen hören, wenn ein Spieler des Tabellenletzten sagt: „Ich würde alles noch einmal so machen.” Michael Bradley heißt der Mann, und der US-Amerikaner bestreitet nicht pflichtbewusst sondern glaubhaft, dass er den Wechsel zu Borussia Mönchengladbach nicht bereue.

Bradley ist jung, groß gewachsen (1,89 m) und hat ein sympathisches Gesicht. Nur lächeln ist offensichtlich nicht so sehr sein Ding. Das mag am Thema liegen. Es dreht sich - überraschenderweise - um Fußball. Und den nimmt Bradley sehr ernst.

„Fußball ist mein Leben”, lautet sein Credo. Und mit der entsprechenden Ernsthaftigkeit betreibt er seine Passion, die nebenbei auch noch ein sehr gut bezahlter Beruf ist. Hobbies? Nein, wenn Bradley in seinem Appartement ist, dass er allein bewohnt, geht´s auch um Fußball. Keine Freundin, keine Discos („Tanzen ist nicht mein Ding”), wenig Ablenkung: „Ich konzentriere mich auf die wichtigen Dinge. Ich muss gut auf mich aufpassen.”

Da empfiehlt er sich beinah als Zimmergenosse des afrikanischen Lebe-Fußballers Steve Gohouri. Der US-Boy, der in Princeton geboren wurde, könnte auch aus Sparta stammen. Er ist von Kopf bis Fuß auf Fußball eingestellt. Einmal in der Woche Essen gehen mit Tobias Levels, er bringt sich Deutsch selbst bei per Internet und geht auf Tour mit Alexander Baumjohann - zum Derby Schalke gegen Dortmund natürlich.

Mit dieser Fokussierung verblüffte er auch einen Hans Meyer, als der 21-Jährige vor einigen Wochen auf den Borussen-Trainer zukam und über spezifische Probleme im Spiel des Teams diskutieren wollte.

Kann Fußball so ausfüllen? Sieht so der perfekte Profi aus? „Ich bin so aufgewachsen”, erklärt Michael Bradley. Sein Vater startete die Trainerkarriere bereits mit 25. Heute ist er 51 und Coach der US-Nationalmannschaft. „Er hat mich immer mitgenommen. Zum Training, im Mannschaftsbus, zu den Spielen, zum Training - ich war immer dabei.”

Das riecht leicht nach hyper ehrgeizigem Vater, der seinen Filius in eine Karriere presste, die ihm verwehrt geblieben ist. „Nee, nee”, widerspricht Jung-Bradley, „er hat nie Druck ausgeübt. Er hat mich deshalb so aufgezogen und gefördert, weil er genau wusste, dass ich den Fußball liebe.”

Jeden Abend telefoniert er mit Papa Bob. Nicht, um sich Gute-Nacht-Geschichten anzuhören. Thema ist - na? Jawoll, Fußball! Bereits mit 18 wagte er den großen Sprung rüber zum kleinen Verein - nach Heerenveen. „Als junger Spieler in den USA weißt du, du musst rüber, um weiterzukommen.”

Darum geht es: „Alles aus mir rauszuholen, meine Möglichkeiten vollkommen auszuschöpfen, mich weiterzuentwickeln.” Auch wenn´s hart ist. „Natürlich wäre es ein Traum, das zusammen mit der Familie zu machen.” Doch die Abnabelung war programmiert. „Mein Vater hat mich gedrängt, das zu machen.”

Und auch der Wechsel von Friesland zum Niederrhein war nötig. Herausforderung Bundesliga, die nächste Etappe im Entwicklungsprozess. Die Begeisterung quillt dem Fußball-Narr aus allen Poren. „Halb-vier”, spricht er geradezu beschwörend aus. Seine magische Zahl. „Jeden Samstag, Bundesliga, ein Spiel auf Leben und Tod.”

Das hört sich martialisch an, ist typisch amerikanische Sportsprache. Aber er lebt sie auch - sogar unter besonders schwierigen Bedingungen. Ohne als Klopper oder à la van Bommel als Fiesling daherzukommen. „Ich will nicht gerade sagen, ich mag Probleme”, erläutert er. „Aber das ist, was ich liebe: Auf diese 90 Minuten hinzuarbeiten und sie dann ab 15.30 Uhr ganz hinter mir zu lassen.”

Für 2,5 Millionen Euro als Last-Minute-Transfer im Sommer verpflichtet, kann der 21-Jährige über seinen offiziellen Beipackzettel als Kauf für die Zukunft nur lächeln. „Alter ist nicht wichtig. Nur wie du trainierst und spielst und was du dem Team geben kannst.” Das ist nicht wenig. Nicht nur wegen seines Ausgleichstores in Bremen.

Aber er scheint an seiner Aufgabe und Position geradezu zu wachsen. „Im Zentrum die Schlacht zu gewinnen, offensiv und defensiv zu überzeugen” - das ist, was ihn treibt. Und da kommt ihm die sportliche Malaise seines Klubs gerade recht. „Es gibt jüngere Spieler in besseren Klubs. Aber sie spielen nicht.”

Bradley aber ist Stammkraft. Und der Kampf um den Klassenerhalt mit all den Nebengeräuschen „macht mich mental noch härter”. Er liebt den Druck, ein noch besserer Kämpfer, ein noch besserer Spieler zu werden.

Wie sind denn diese Komponenten verteilt? 50 zu 50 etwa? „Ich will ein 100-prozentiger Kämpfer und ein 100-prozentiger Spieler sein.” Der 200-Prozent-Mann liebt eben die Übergrößen. Wie auch heute gegen den scheinbar übermächtigen HSV. „Es gibt keine einfachen Spiele mehr für uns, jedes ist Krieg. Es gibt nur noch Sechs-Punkte-Spiele.”

Ein Paradies für Michael Bradley.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert