Die „wilden Brüder“ aus Lammersdorf

Von: Bernd Schneiders
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Torgaranten: die Brüder Tim (links) und Nico Wilden. Foto: Thomas Rubel
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Tragen ihren Vater und Förderer auf Händen: Tim (links) und Nico mit Papa „Manes“ Wilden. Foto: Thomas Rubel

Lammersdorf. Sie hatten keine Chance. Vater Manni war und ist Fußballer, durch und durch. Null Möglichkeiten für die Söhne Nico und Tim, Eiskunstläufer oder Schachspieler zu werden. „Die Frage ist ja auch, ob wir das überhaupt wollten“, schmunzelt Nico, der Ältere (25). Was sie wollten und heute sind, lässt sich in Statistiken einfach nachlesen: Tim, der Jüngere (22), hatte mit seinen 20 Toren maßgeblichen Anteil am Aufstieg des SV Breinig in die Mittelrheinliga.

Nico ließ sich nicht lumpen und traf für Bezirksliga-Aufsteiger Germania Eicherscheid 18 Mal, was nicht ganz reichte, um den Durchmarsch in die Landesliga zu schaffen. Das lag auch an einer unveröffentlichten Statistik, in der der Germania-Torjäger seinen Bruder um Längen schlug: nicht genutzte Torchancen – „das waren rund 30“, grinst Nico über seinen ungewollten Topwert. Zu seiner Ehrenrettung aber ist zu sagen, dass dieser „Rekord“ nicht Ausdruck einer individuellen Krankheit ist, diese Malaise ist eine kollektive, mit der sich der Eifel-Klub völlig unnötig den Aufstieg in die Landesliga verdarb.

Die Wilden-Brüder: schnell, technisch gut, torgefährlich. So wild aber sind sie außerhalb des Platzes gar nicht. Da wirken sie ausgesprochen höflich und zurückhaltend. Zum Foto in Torjägerpose müssen sie fast geprügelt werden. Und das nicht nur, weil Vater Manni Wilden, genannt „Manes“, Augen- und Ohrenzeuge ist. Der 57-Jährige, der mit über 50 Jahren noch in der Ersten Mannschaft des TuS Lammersdorf aushalf, ist nicht die Sorte Vater, die einer menschlichen und erst recht nicht einer positiven Fußball-Entwicklung mehr im Weg steht als förderlich ist. Gezwungen hat er seine ehemaligen Knirpse zu gar nichts. Aber der natürliche Weg des Duos ging natürlich über die Fußballplätze der Region. Papa „Manes“ war mit seinem Lockenkopf eine bekannte Größe im Fußballleben der Eifel. Von der Bezirksliga mit seinem TuS bis hin zur Landesliga mit dem VfR Venwegen. Der Lammersdorfer stand bis ins hohe Alter hinein für gepflegten, schnellen Fußball, wovon sein Heimatverein und vor allem auch seine Söhne profitierten.

„Die kamen mit zum Training der Alten Herren und spielten dort regelmäßig mit“, erzählt „Manes“ Wilden über die ungewöhnliche Verbindung zwischen Alt und ganz Jung. Schnell waren die beiden Jung-Kicker im wahrsten Sinne des Wortes von Haus aus. Bei den Alten Herren aber lernten sie obendrein schnell abzuspielen, was in diesem Alterssegment der nachlassenden Sprintkraft geschuldet ist, beim Fußball-Nachwuchs aber auf fruchtbaren Boden fällt, da dort die Verliebtheit in den Ball oft mannschaftsuntaugliche Blüten treibt.

Abseits vom Seniorentreff aber fand ein wesentlicher Teil der Förderung ungelenkt auf der hauseigenen Wiese statt. Ein ausrangiertes Jugendtor des TuS stand im Mittelpunkt, „morgens um 7 stand schon der erste Nachbarsjunge auf der Matte“, erinnert sich Papa Wilden an die Erweiterung des Heimkaders. „Wir haben gespielt, bis es dämmerte“, erzählt Nico. Allein waren sie als Brüder ja eh nie. Die Nachbarkinder waren aber auch deshalb so beliebt und wichtig als Spielpartner, weil dadurch die Gefahr reduziert wurde, ins Tor zu müssen. „Das war nichts für uns.“

Stattdessen wurde auf dieser Lammersdorfer Wiese die Saat gelegt für später torgierige Offensivspieler. Und wie selbstverständlich wuchsen Nico und Tim unter der Anleitung ihres Vaters beidfüßig heran. Nico bekam obendrein einen Rundum-Service. Als Jugendtrainer prägte Manni Wilden seinen Ältesten von den Bambini bis zur A-Jugend. Anschließend übernahm er auch die Erste Mannschaft, die unter seinen Fittichen von Erfolg zu Erfolg eilte und dieses Jahr mit 81 Toren und einem Durchschnittsalter von 22 Jahren in die B-Liga aufstieg.

„Die Jungs habe ich quasi von der Wiege an begleitet“, schildert der inzwischen nur noch Ex-Trainer seine außergewöhnliche Prägungsphase für den TuS-Nachwuchs. „Das sind alle klasse Fußballer. Die könnten alle höher spielen, aber legen lieber Wert auf ihre super Gemeinschaft. Hier gibt’s keine Sechser-Cliquen, das ist eine Mega-Clique von elf, zwölf Spielern.“ Dennoch spürte er, dass inzwischen zu vieles bereits eingefahren war und übergab den Staffelstab an Georg Bauer, den dieser Talent-Schuppen so interessierte, dass er nach der Station Konzen und A-Liga überzeugt und mit frohem Herzen eine Liga aber nicht Klasse abstieg.

Aber auch „Manes‘“ Söhne waren ein Mit-Grund, nun nur noch als akribisch arbeitender Platzwart in Lammersdorf aktiv zu sein. Er wollte den weiteren sportlichen Werdegang und Aufstieg von Nico und Tim verfolgen. Die Mannschaft mit einem Heimspiel wird ab dem 16. August Vater Wilden als „Ehrengast“ haben.

Seine Jungs stört das nicht weiter. Das Trio bekommt sich nicht im Nachspiel zu Hause in die Haare. Dazu ist „Manes“ auch viel zu einfühlsam. „Das ist, was ich gelernt habe durch die Beiden. Ich weiß genau, wie sie ticken und was sie empfinden. Und das hat mir ungemein geholfen als Trainer. Nur gute Technik und Taktik zu vermitteln, ist nicht genug.“

Aber auch die Chemie zwischen den Brüdern stimmt. Die verbalen Auseinandersetzungen nach ihren Spielen sind ebenso kurz wie humorvoll. Die Rivalität ist wenig ausgeprägt, Kooperation ist stattdessen angesagt. Was natürlich Frotzeleien nicht ausschließt. Wie etwa Tims später Erfolg beim internen Torschützenwettbewerb. Wenige Spieltage vor Schluss lag Nico noch vorn, doch dann startete Tim eine grandiose Aufholjagd bis hin zum Sieg mit zwei Toren Vorsprung. Und das in einer Liga höher.

Apropos Höhenunterschied. Drückt sich die Qualität der Brüder auch in ihrer Liga aus? „Nein“ widerspricht Mittelrheinligist Tim. „Nico könnte ohne Problem höher spielen.“ Der Ältere bestätigt denn auch Angebote, die regelmäßig im Frühjahr ins Haus flattern. Doch der 25-Jährige steht auf die Atmosphäre im Eifel-Team der Germania, die bezeichnenderweise auch keinen Abgang zu verzeichnen hat. Und Nicos Rückpass ist auch nicht von schlechten Eltern: „Tim könnte problemlos ein oder zwei Ligen höher spielen.“

Nur ein Mal gegeneinander

Regionalliga und Dritte Liga also – a la bonheur! Gemeinsam haben sie bei einem ernsthaften Fußballspiel noch nie gespielt, drei Jahre trennten sie sowohl in den Jugendteams als auch bei den Auswahlmannschaften. Gegeneinander aber auch noch nicht, bestätigen beide – bevor sie sich grinsend ans Gegenteil erinnern. Freundschaftsspiel der Roetgener Seniorenmannschaft mit Nico gegen die A-Jugend von Alemannia Aachen mit Tim. Alemannia gewann 7:1, einziger Torschütze des FC war natürlich – Nico. Tim brachte es auf zwei Treffer. „Und dann hat mich der Trainer zur Halbzeit ausgewechselt: Ich hatte so eine Krawatte“, beschreibt Tim.

Das Gegen- und Miteinander ist noch nicht ausgelebt. Tim hält einen Aufstieg der Germania für ein Muss, und von der Landesliga bis zur Mittelrheinliga ist es nur noch ein weiterer Sprung. Auch das gemeinsame Kicken bleibt ein realistischer Traum, ohne dass Nico zu Breinig wechselt oder Tim zu Eicherscheid: „In ein paar Jahren zusammen beim TuS Lammersdorf – das wär’s.“ Ein Positionsgerangel gäbe es auch nicht. Beide spielen in ihren Teams zwar auf Linksaußen, aber sie sind ja dank Papa „Manes“ vermittelter Beidfüßigkeit flexibel: die Lammersdorfer Flügelzange wäre geboren.

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