Die Renaissance Gladbacher Konterkunst

Von: Bernd Schneiders
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Fünf Jubler, ein Frustrierter: Während Michael Bradley (von links), Thorben Marx, Dante, Patrick Herrmann und Juan Arango den zweiten Treffer Herrmanns zum 3:1 bejubeln, schleicht Leverkusens Michael Ballack wohl schon das Unheil ahnend zur Mittellinie. Foto: imago/Sven Simon

Leverkusen. Wer den Schaden hat - muss die Tore beschrieben. „Und immer wieder so´n blödes Tor”, versuchte Stefan Kießling die verbale Annäherung an ein sensationelles Fußballspiel. Gerade war der Nationalstürmer mit seiner Leverkusener Mannschaft im eigenen Stadion mit 3:6 zerlegt worden.

Ein Erlebnis, das nicht nur bei zahlreichen Bayer-Fans Fluchtverhalten auslöste: „Wenn du sechs Tore kassiert hast, willst du nur ganz schnell raus aus dem Stadion”, gestand Nationaltorhüter René Adler.

Gladbach düpierte beim historischen Sieg - der letzte Dreier datiert vom 5. März 1994 (1:0) - vor allem die Leverkusener Defensive. „Es war ein perfektes Auswärtsspiel - für unsere Verhältnisse”, zeigte sich Michael Frontzeck schon fast euphorisch - für seine Verhältnisse. Gladbachs Trainer spielt gerne mit seiner verbalen Defensivkraft. Ein Beispiel gefällig? „Ich kann nicht sagen, dass ich mich nicht gefreut habe”, sagte der Borussen-Coach.

Und dennoch war es ein schmerzhafter Sieg. „Zwischendurch musste ich mich immer wieder kneifen”, gestand Frontzeck. Vor (noch) größeren Schäden durch Dauerkneifen bewahrten ihn die Leverkusener. „Dann haben sie wieder ein Tor erzielt.” Gladbachs jüngere Vergangenheit beförderte lange Zeit das Misstrauen, trotz einer 4:1-Führung (56.) nach einem perfekten Freistoßtor von Juan Arango. Oder nach dem 5:2, als Mo Idrissou zu seinem zweiten Saison-Treffer abstaubte (60). Oder selbst noch nach dem 6:2 durch eine feine Einzelleistung von Marco Reus, nur neun Minuten später.

Borussia hatte in der letzten Saison auch schon mal eine 3:0-Halbzeitführung in Bochum verspielt. Doch natürlich musste Frontzeck nicht bis zur 90. Minute warten - wie er behauptete -, bevor er sich des Sieges sicher war. Die Elf von Trainer Jupp Heynckes war am Ende zermürbt von der Renaissance der Mönchengladbacher Konterkunst. Was nutzte das Strafstoßtor zum 2:4 (58.) durch den von Thorben Marx gefoulten Arturo Vidal, der selbst verwandelte? Oder das 3:6 durch ein Kopfballtor von Kießling, der ein Luftduell knapp außerhalb des Fünfmeterraumes robust gegen Torhüter Logan Bailly für sich entschied? Borussia hatte an diesem Nachmittag immer die bessere Antwort.

Eine falsche hatte eigentlich Patrick Hermann. „Nach oben sind keine Grenzen gesetzt”, beurteilte der 19-Jährige die Tabellensituation keck vor laufender Kamera. Platz 6, da ist alles weiter oben schon beinah schwindelerregend, besonders für den erdnahen Frontzeck. Doch in der Stunde des Erfolges zeigte sich der Borussen-Trainer gnädig. „Einem jungen Spieler muss man so etwas auch mal verzeihen. Und verstehen, dass er nach so einem Spiel ein bisschen euphorisch ist.”

Im Gespräch mit der schreibenden Zunft war er dann auch schon deutlich ernüchtert. Zwar bekannte er: „Zwei Tore in so einem Spiel zu machen und dann noch zu gewinnen - besser geht es nicht.” Wenig später aber schwenkte er auf weniger verfängliche Urteile ein und bewarb sich bei der Analyse des Geschehens um die Poleposition. „Wenn man vorn mehr Tore macht als man hinten bekommt, dann gewinnt man die Spiele halt.”

Hart bedrängt aber wurde der Jungstürmer von einem Alttrainer. Jupp Heynckes zitierte die beliebte Weisheit: „Mit der Defensive gewinnst du Titel und Spiele.” Eine niederschmetternde Erkenntnis für den Leverkusener Dauertraum, wenn diese Leistung nicht nur ein Ausrutscher war. Das hofft Bayer-Keeper Adler: „Lieber einmal richtig auf den A... kriegen und dann wieder aufstehen.”

Spaziergänger Ballack

Ob ein Michael Ballack - ausgewechselt in der 61. Minute - in der am Sonntag gezeigten Verfassung dabei helfen kann, ist zweifelhaft. Als Spaziergänger im Mittelfeld ist er im Hochgeschwindigkeitsfußball kaum tragbar. Vor allem nicht, wenn der Gegner es schafft, das Spielfeld bei eigenem Ballbesitz groß zu machen, wie Heynckes in Richtung eigene Mannschaft beklagte, die eben dies zugelassen habe. Auch das Gegenstück gelang Borussia, anders als in der Startphase des Spiels gegen Nürnberg, besser: Die Frontzeck-Elf machte die Räume eng, stand wieder kompakt. „Daran haben wir in der Woche gearbeitet.”

Diese Kompaktheit ist elementar für Gladbachs Spiel. Und nur daraus vermag Frontzecks Elf die gloriosen alten Zeiten der „Fohlenelf” zu zitieren. Das weiß auch Heynckes, selbst ein wichtiger Bestandteil jener Erfolgsmannschaft. Und versprach seinem ehemaligen Schüler Michael Frontzeck: „Wenn ihr das noch zehn Mal schafft, dann rufe ich an und sage: Wie wir früher!” Doch der ist weit entfernt davon, den Spektakel-Sieg zu überschätzen. „Es war ein gutes Spiel - mehr nicht.”
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