Die Macht der Anhänger, die Angst der Vereine

Von: Robert Flader
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„Es reicht”: Nicht nur in MÀ
„Es reicht”: Nicht nur in München fühlen sich Fußballfans von ihrem Verein nicht ausreichend ernst genommen und respektiert. Sie wollen auf ihre Weise Einfluss auf die Club-Politik nehmen. Foto: imago/Sven Simon

Aachen. Fußballanhänger, vor allem sogenannte Ultras, werden zu Wutfans und damit zu „Problemfans”. Das ist das Bild in der Öffentlichkeit, es wird gern und oft gezeichnet.

In München mögen sie den neuen Torwart nicht und greifen deshalb den heiligen Präsidenten persönlich an. In Frankfurt hat der ganze Verein Angst vor ihnen und der heutige Gegner im DFB-Pokal, der Hallescher FC, erst recht. In Aachen wollten sie die Vereinssatzung ändern. In Köln haben sie im Februar Polizisten krankenhausreif geschlagen.

Im Fußballjahr 2011 ist es ausgesprochen leicht, um nicht zu sagen „in Mode”, organisierten Fußballfans, den Ultras, für viele Vorgänge rund um den Fußballplatz den Schwarzen Peter zuzuschieben und ihnen gleichzeitig die Existenzberechtigung im Stadion abzusprechen. Frei nach dem Motto: Die machen ja ohnehin nur Ärger.

Von München bis Hamburg, von Berlin bis Aachen, werden in diesen Tagen mahnend Zeigefinger erhoben, es wird laut über Stadionverbote diskutiert. Böse seien sie, feindselig, fordern Macht und Teilhabe im Verein.

Felix Magath beispielsweise gibt zu bedenken: „Wir müssen aufpassen”, sagt Wolfsburgs Trainer, „die organisierten Fans wollen einen immer größeren Einfluss auf die Vereinspolitik nehmen.”

Er meint damit nicht etwa die Krawallmacher aus Frankfurt oder von der Kölner „Wilden Horde 96”, die nach dem Bayern-Spiel im Frühjahr (Köln siegte 3:2) auf Polizeibeamte losgingen. Er meint damit den Teil der organisierten Fans, der Ultras, die schlicht ein gewisses Mitspracherecht in ihrem Verein fordern, die nicht nur zusehen, sondern sich einmischen wollen.

Sie werden oft - und das ist das Tragische -mit gewalttätigen Hooligans in einen Topf geworfen. Die Grenzen verschwimmen, doch das Bild passt einfach zu gut, als dass man es auch mal kritisch hinterfragen könnte.

Nur: Ultras sind nicht nur irgendwelche Jugendliche auf der Suche nach Halt und Identität, die im Stadion Frust und Aggression abbauen wollen. Als Ultras bezeichnen sich zum Teil auch hochgebildete Akademiker, Lehrer und Selbstständige.

Beispiel Frankfurt: Vermummte Eintracht-„Fans” waren beim vorerst letzten Bundesliga-Heimspiel gegen den 1. FC Köln im Mai auf den Platz gestürmt, der „Deutsche Randalemeister 2011” war geboren. Aber sind das alle?

„Das Problem ist, dass diese Anti-Sozialen in einen Topf mit anderen organisierten Fans gesteckt werden”, sagt David E. (Name von der Redaktion geändert), Mitglied der berühmt-berüchtigten Münchener Ultra-Gruppe „Schickeria”.

Beim FC Bayern München ist diese gerade so etwas wie der Sündenbock für alles, was auf den Rängen (schief) läuft. Sie wollen Deutschlands Nummer 1, Manuel Neuer, einen ehemaligen Schalke-Ultra, nicht. Das muss man nicht gut oder schlecht finden, das ist einfach so.

Bayern-Präsident Uli Hoeneß sah sich durch Kundgebungen gegen seine Person im Zuge der Hilfe für den ungeliebten Nachbarn TSV 1860 München und sein Werben um Neuer im Frühjahr in seiner Ehre verletzt. „Wir müssen”, sagte Hoeness im April, „der Schickeria deutlich machen, wer die echten Fans sind.”

Dass es nicht nur eine Gruppe ist, die auf Missstände beim deutschen Rekordmeister aufmerksam macht, wird dabei verschwiegen. Es geht nicht nur um Neuer oder 1860. David E.: „Organisiertes Fantum ist längst zu einer emanzipatorischen Bewegung geworden, die sich nicht alles diktieren lassen will.”

Das ließ sich vor ein paar Monaten auch ganz gut bei Alemannia Aachen beobachten: Auf der Jahreshauptversammlung der Mitglieder Ende März wollte die Interessengemeinschaft der Fans die Vereinssatzung dahingehend verändern, dass Fanvertreter auch in den Gremien Platz nehmen können und so an der Vorauswahl von zum Beispiel Präsidentschafts-Kandidaten direkt beteiligt sind.

Dieser Antrag wurde letztlich deutlich abgelehnt, die Satzung hätte eine Zweidrittelmehrheit gebraucht. „Die Versammlung sollte wieder eine Auswahl bekommen”, sagte Hans-Werner Fröhlich, Sprachrohr der Satzungskommission, zu der auch Vertreter der Ultra-Szene gehörten.

Sie wollen keine Kandidaten vorgesetzt bekommen, zumindest in Teilen in ihrem Verein mitreden. Die Basis, insbesondere die organisierten Fans in Aachen, möchten nicht alles mittragen, sie wissen, dass bei Schwarz-Gelb längst nicht alles rosarot ist.

Die Zeiten, in denen bedingungslos, zuhause und auswärts, und vor allem ohne Murren hinter dem Verein gestanden wird, sind vorbei. In Zeiten der zunehmenden Kommerzialisierung des Fußballs, hin zum reinen „Event”, erst recht.

Auch dem neuen Tivoli stehen viele ausgesprochen kritisch gegenüber, nicht nur ewig Gestrige.

Doch die Frage, die auch bei der medialen Jagd nach immer neuen negativen Fan-Schlagzeilen ein bisschen vergessen wird, lautet: Was wollen eigentlich die Vereine? Nur zahlende Zuschauer wie in den USA, ein reines „Eventpublikum”? Zuspruch gerne, Kritik eher nicht.

Und immer schön das Portemonnaie aufmachen, ansonsten bitte alles mittragen, was der Verein beschließt. Immer mehr Fans wollen eben genau das sich nicht gefallen lassen und machen mit Spruchbändern und Plakaten ihrem Unmut Luft.

Lutz van Hasselt, Fanbeauftragter von Alemannia Aachen, sagt: „Die Fanszene ist ein Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung, das Fußballstadion ist ein zentraler Punkt, in dem sich einiges entlädt.” Und bei den Fans nehmen die Ultras nochmal eine gesonderte Stellung ein. Van Hasselt: „Die Ultras haben ein neues Selbstverständnis, das nicht überall auf Zustimmung stößt.”

Fakt ist, dass kritische Fans zunehmend als lästig empfunden werden - auch wenn die Vereine wissen, dass vor allem ohne die Fanclubs in den Arenen nichts los wäre. Respekt und Anerkennung? „Das ist wohl ein Witz”, sagt David E. von der „Schickeria”.

„Vom Verein bekommt man viel eher Steine in den Weg gelegt.” Kein anderer Klub in Deutschland hat sich durch seinen wirtschaftlichen Erfolg so weit von der Fan-Basis des Fußballs entfernt wie der FC Bayern.

Er ist ein Erfolgsklub mit Erfolgsfans geworden, die Ultras werden da eher als störend wahrgenommen, zumal sie - nicht nur in München - gegen den Kommerz des Fußballs eintreten und sie nicht wollen, dass ihr Verein nur einer unter vielen ist, ohne eigenes Profil, Tradition hin oder her.

Was fordern die organisierten Fans? In einem offenen Brief auf der Homepage der „Schickeria” heißt es: „Die Fankurve, der organisierte Teil der Fans kann und will sich gar nicht ins Tagesgeschäft eines Clubs einmischen.”

Sondern? „Wir wollen für Bedingungen werben, unter denen es möglich ist, eine freie, selbstbestimmte und kreative Kurve aufzubauen.”

Ex-Bundesliga-Profi Ansgar Brinkmann stört eine solch einseitige Berichterstattung: „Ich mag es nicht, wenn von den Fans als einer Gruppe gesprochen wird”, sagt der heute 42-Jährige. „Anhänger sind das große Potenzial eines Vereins. Das wird von offizieller Seite leider manchmal vergessen und das Augenmerk auf Sponsoren und Fernsehgelder gelegt.” Philipp Lahm, Kapitän des FC Bayern, sieht das anders: „Es ist irritierend, wenn Fans Politik machen wollen.”

Immerhin: Im Dauerkonflikt um bislang verbotene Pyrotechnik, es geht um kleine, bunt glühende Fackeln, zwischen Ultras und Verbänden zeichnet sich eine Lösung ab.

Mehrere Ultra-Gruppen wollen auf den nicht ungefährlichen Einsatz vorerst verzichten. Sie sagen, für einen echten Kompromiss seien jetzt der Deutsche Fußball Bund (DFB) und die Deutsche Fußball Liga (DFL) am Zug.

Durch die Krawalle in den vergangenen Monate, den folgenden Restriktionen (in Köln wurde in der vergangenen Woche eigens ein „Fan-Kodex” für gutes Benehmen veröffentlicht), entsteht ein einseitiger Eindruck von organisierten Fans, die sich vielerorts selbst von den einzelnen Chaoten abgrenzen.

Nur eben nicht deutlich genug, weil sie Gewalttäter oftmals decken, ihre Namen nicht preisgeben und diese leicht in der Menge untertauchen können.

Die Fans von Eintracht Frankfurt galten bis zum Desaster gegen Köln als mit die besten in ganz Deutschland, vor allem auswärts. Eintracht verlor gegen den FC mit 0:2, danach begann das Chaos. Nun steht die gesamte Fanszene unter Generalverdacht.

Was viele nicht sehen (wollen): Nach wie vor begleiten tausende Frankfurter ihr Team zu jedem Spiel in die Ferne, friedliche Zuschauer wohlgemerkt, darunter viele Ultras. Das gilt auch für Köln oder St. Pauli.

Die Süddeutsche Zeitung sprang bei den Fan-Protesten im Frühjahr an Hoeneß Seite, auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hieß es, hinter den Kundgebungen gegen Manuel Neuer („Du kannst auch noch so viele Bälle halten, wir werden dich nie in unserem Trikot akzeptieren”) stecke die „Schickeria”. Das ist schlicht falsch. Van Hasselt, der Alemanne, sagt dazu: „Die Medien brauchen eben immer einen Aufhänger.”

Eintracht Frankfurt spielt am Samstag in der ersten Pokalrunde in Halle. Gerechnet wird mit 3000 Fans aus der Bankenmetropole, obwohl nur 250 Karten an Gästefans verteilt wurden. Der Regionalligist hatte vergeblich eine Ausweichspielstätte gesucht, Wolfsburg und Nürnberg lehnten aus Angst vor Krawallen ab.

Das Spiel findet nun in einem nur 2800 Zuschauer fassenden Stadion statt. Die unverbesserlichen unter den Eintrachtlern haben im Vorfeld zu Randale rund um das Spiel aufgerufen. Nicht nur ihrem Verein, viel mehr der gesamten Ultra-Szene, erweisen sie damit einen Bärendienst.

Bei sogenannten Ultras handelt es sich um fanatische Anhänger, deren Ziel es ist, den eigenen Verein „immer und überall zu unterstützen”.

Neben der akustischen Unterstützung, von einem sogenannten „Capo” mittels Megaphon oder Soundsystem koordiniert, treten Ultras durch farbige Choreographien, Konfettiregen, bengalische Feuer und Fahnenmeere in Erscheinung.

Der Begriff Ultrà (lat.: darüber hinaus) entstand im Italien der frühen 1950er Jahre. Eine Zeitung bezeichnete Anhänger des FC Turin, die einem Schiedsrichter nach einem Spiel bis zum Flughafen folgten, als Ultras.

Während bei Hooligans die gewalttätige Auseinandersetzung mit anderen Gruppen im Vordergrund steht und Fußballspiele nur einen Anlass dazu bieten, ist die für Ultras der Sport entscheidend. Allerdings sind bei manchen Gruppierungen Schlägereien akzeptierte Mittel der der Auseinandersetzung mit gegnerischen Fangruppen.

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