Die Krux mit dem Videoschiedsrichter

Von: Daniel Theweleit
Letzte Aktualisierung:
15158332.jpg
Entscheidungsort mit viel Diskussionspotenzial: der Videoschiedsrichter an seinem Arbeitsplatz in Köln. Foto: Action Pictures
15156336.jpg
Es gibt in Deutschland wahrscheinlich keinen Experten, der besser mit dem großen Gerechtigkeitsprojekt des Fußballs vertraut ist als Hellmut Krug. Foto: imago/Action Pictures

Köln. Es gibt in Deutschland wahrscheinlich keinen Experten, der besser mit dem großen Gerechtigkeitsprojekt des Fußballs vertraut ist als Hellmut Krug. Seit einem Jahr begleitet der 61-Jährige die Ausbildung der Videoschiedsrichter, die morgen fester Bestandteil der Bundesliga sein werden.

Krug besucht Fernsehsendungen, Journalisten-Workshops und Klubs, um das Projekt zu erklären, und er ist erstaunt über die Schärfe der Kritik, die ihm entgegenschlägt. Der Projektleiter des DFB sagt: „Für mich ist es unbegreiflich, wie negativ die Diskussion geführt wird.“ Zuletzt führten selbst richtige Entscheidungen und korrekte Eingriffe der neuen Assistenten zu Ärger, Kopfschütteln und wilden Debatten. Warum ist das so?

Es geht dabei nicht mehr um die Frage, ob der Videoschiedsrichter das Spiel gerechter macht, daran zweifelt niemand. Zum Problem wird die im Fußball ausgeprägte Neigung, alles zu hinterfragen. Früher genossen Schiedsrichterentscheidungen den Status schicksalhafter Wendungen; ungerecht wie das Leben ist eben auch das Spiel. Mit diesem bittersüßen Fatalismus ist es nun vorbei.

Nicht mehr im Hintergrund

Plötzlich gibt es ein Bedürfnis von Zuschauern, Spielern, Trainern und Experten, bei allen knappen Entscheidungen eine Einschätzung des Videoassistenten zu bekommen. Also auch, wenn die Partie weiterläuft, weil die Spezialisten vor den Bildschirmen keinen Grund zum Eingriff sehen.

Deshalb wird erwägt, den TV-Zuschauern und vielleicht sogar den Stadionbesuchern auch in Situationen, in denen keine Korrektur erforderlich war, offizielle Bilder zu zeigen, die das klarstellen. Das würde die Präsenz der Videoassistenten jedoch deutlich erhöhen, zu deren ursprünglichem Charme gehörte, dass sie dezent im Hintergrund agieren und in den meisten Spielen überhaupt nicht sichtbar sein sollten.

Doch nun zeigt sich, dass allein die Möglichkeit einer technischen Überprüfung die Gemüter erregt, wie sich jüngst beim Spiel zwischen dem FC St. Pauli und Dynamo Dresden zeigte. In der Zweiten Liga kommt der Videoschiedsrichter gar nicht zum Einsatz, trotzdem stand die Technik aufgrund einer engen Entscheidung im Mittelpunkt der Nachbetrachtung. Bei den Trockentests der Vorsaison gab es etwa zwei Situationen pro Spieltag, in denen der Videoassistent eingegriffen hätte.

Wenn nun auch korrekte Entscheidungen aufgelöst werden, ist die Hoffnung auf eine dezente Unauffälligkeit nur noch naive Utopie. Hinzu kommt, dass die vielen Grauzonenentscheidungen, die eigentlich fester Bestandteil des Spiels sind, durch die Technik unerträglicher werden. Eigentlich sollten ja nur ganz klare Fehler korrigiert werden, dieser Vorsatz weicht auf, wie sich vor allem bei knappen Abseitsentscheidungen zeigt.

Wenn früher eine Fußspitze oder ein Knie im Abseits standen, das Spiel aber weiter lief, regte sich niemand auf, weil jedem klar ist, dass sich solche Situationen mit bloßem Auge nicht seriös bewerten lassen. Nun sagt Lukas Brud, der Sekretär des Regelgremiums Ifab: „Grundsätzlich ist Abseits eine Tatsache – und Zentimeter, wenn nicht sogar Millimeter im Abseits, zählen als Abseits. Deshalb darf und muss der Videoassistent auch bei einem sehr knappen Abseits einschreiten.“

In Deutschland sah man das lange anders, Krug sagte noch im Juli nach den nicht immer erfreulichen Erfahrungen beim Confederations Cup: „Eine Entscheidung ist dann klar falsch, wenn alle Spieler, Vereinsverantwortliche, Fans und Medienvertreter nach Ansicht der Kamerabilder der Auffassung sind, dass sie falsch war, und auch der Schiedsrichter nach Sicht der TV-Bilder unverzüglich anders entschieden hätte.“

Abseitsentscheidungen, bei denen es um Zentimeter geht, wo der Oberkörper des nach vorne stürmenden Angreifers sich gerade noch auf Höhe der Ferse des eine Abseitsfalle aufbauenden Verteidigers befindet, wie es beim Supercup-Finale der Fall war, lassen sich kaum zuverlässig auflösen.

Im Januar sagte Krug, es sei unmöglich, die Kalibrierungslinien, mit denen nun gearbeitet wird, komplett sauber zu ziehen. Von wirklich knappen Entscheidungen solle der Videoassistent daher besser die Finger lassen. Seit die Firma Hawk Eye, die für die technische Umsetzung des Systems verantwortlich ist, die Linien beim Confed Cup einführte, gibt es aber kein Zurück mehr.

Selbst Brud sieht hier Schwächen, hofft auf „noch viel Entwicklung“ bei der grafischen Aufbereitung von Abseitssituationen, und räumt ein, dass eine „imaginäre Wand noch besser“ wäre als die Linien – schließlich handelt es sich um ein dreidimensionales Geschehen.

Das Problem wird nicht sein, dass die ganz klaren Fehler, wie das berühmte Hand-Tor des Hannoveraners Leon Andreasen im Spiel gegen den 1. FC Köln so schnell korrigiert werden, dass sich am Montag schon niemand mehr an solche Momente erinnert. Dass dafür aber plötzlich über Details gestritten wird, die ohne Videoschiedsrichter kaum jemanden interessiert haben.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert