Die Freude sickert nur langsam durch

Von: Bernd Schneiders
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Nicht die komplette Wahrheit:
Nicht die komplette Wahrheit: Drei Spruchband-Träger (Marco Reus, Dante, Roman Neustädter) werden an Borussias Europa-Tour nicht teilnehmen. Foto: dpa

Mönchengladbach. Das letzte Heimspiel, eine sensationelle Saison - aber die Choreographie einer geschichtsträchtigen Spielzeit, die mit Platz vier seit 1996 erstmals wieder die Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb bedeutet, misslang: Ein trostloses 0:0 gegen den FC Augsburg bescherte den Borussen kollektiv einen Seelenzustand zwischen Baum und Borke.

„Wenn Ihr die Frage in den nächsten Tagen stellt, sind wir nur glücklich”, formulierte Mike Hanke den inneren Schwebezustand. „Aber jetzt direkt nach dem Spiel - das werden wir erst mal zwei Tage verarbeiten müssen.”

Durch den Nuller und eine völlig uninspirierte Leistung vergaben die Gladbacher im Fernduell mit Schalke 04 die Hoffnung auf Platz drei und die direkte Qualifikation für die Champions League aufrecht zu erhalten. Doch nach dem Schlusspfiff sickerte nach und nach dann doch ins Bewusstsein der Fans und der Spieler durch, dass es nach der sensationellen Rettung in der letzten Saison erneut etwas zu feiern gab: attraktive Spiele, die sichere Teilnahme an der Europa League und die Zusatzchance, sich über ein Qualifikationsduell den Zugang zu Europas Besten zu ebnen.

Das 0:0 hatte auch Lucien Favres Blick vernebelt. Der notorisch nach jedem Spiel fast depressiv wirkende Fußballlehrer war nicht zu halten - auf der Flucht in die Kabine. Stadionsprecher Knippertz hätte den Schweizer schon abgrätschen müssen, um ihn aufzuhalten. „Das mache ich immer so”, entschuldigte Favre seinen Rückzug. Volkes Stimme aber blieb unüberhörbar: „Wir wolln den Trainer sehn!” verlangte die Nordkurve. Und schließlich hatte sich der sensible Schweizer soweit gefangen - die Überredungskünste von Pressesprecher Markus Aretz taten ein Übriges -, dass der Coach mit den Hardcore-Fans die Welle machen konnte.

Der Grundkonflikt aber schwelt weiter in Favre, die Unzufriedenheit mit dem Bestehenden, die ihn aber letztendlich auch antreibt. „Ich bin nicht zufrieden mit der technischen Leistung heute”, klagte der 54-Jährige. Ob nur deshalb die verbale La-Ola misslang? „Klar, wir können mit 57 Punkten sehr zufrieden sein”, lautete sein „Jubel”-Fazit. Seine Erklärung für den Leistungsabfall auf der Zielgeraden der Saison klingt eher halbherzig. „Das Pokalspiel gegen die Bayern war schwerer zu verkraften als man denkt. Einen Monat lang war es für uns sehr sehr schwierig.”

Vollends überzeugt ist er dagegen von einem grundsätzlichen Manko, das durch den Verlust von Marco Reus, Dante und Roman Neustädter noch verstärkt wird. „Es fehlt uns was. Drei waren besser als wir - Punkt!” Soll heißen, selbst für den Mann, der als Super-Entwickler gilt, war es eine Illusion, noch mehr, also Platz drei oder ein noch längeres Mitmischen im Kampf im Titelrennen, zu schaffen. „Das ist ein Wunder, mehr ist nicht möglich”, stuft er das Erreichte im Vergleich zu seinen personellen Möglichkeiten ein. Der Hilfeschrei in Richtung Sportdirektor Max Eberl: Hol mir mehr Reus, mehr Dantes!

Doch das torlose Remis gegen Augsburg, das sich damit endgültig für ein weiteres Jahr in der höchsten deutschen Spielklasse qualifizierte, gab diesen hohen Anspruch nur bedingt her. Mit mehr Willen, mehr Aggressivität, mehr Druck wäre ein Sieg möglich gewesen. Aber abseits aller personellen Erwägungen legt dies ein Grundproblem offen: Das Primat der defensiven Absicherung ist - auch durch die Doppel-Sechs - extrem ausgeprägt. Zu häufig bleibt man in der Spitze in Unterzahl, selbst wenn man mit den Kombinationen, wie gegen Augsburg zu selten, einmal durchkommt. Hanke ist ein „Neuneinhalber”, Reus auch häufig in die Vorbereitung involviert. Speziell beim Spiel über die Flügel findet die Flanke zu häufig keinen Abnehmer.

Wenn Favre den enttäuschenden Saisonverlauf seines Vorbilds, des FC Barcelona analysiert, verweist er auf die Verletzung von Torjäger David Villa, das Symbol für Durchschlagskraft beim Anrennen gegen defensive Gegner. Bei Borussia ist diese Position gar nicht besetzt. Marco Reus ist eher ein Typ à la Lionel Messi, der als Speed-Stürmer bei zugestellten Räumen auch häufig gegen die Wand läuft.

Eine nette Aufgabe für Max Eberl, nicht nur Messi-Reus zu ersetzen, sondern möglichst auch noch einen Villa-X dazuzuholen. Die Laune des Managers aber kann das nicht trüben. Auch nicht die aktuelle Leistung seines Teams oder der Verlust von drei Leistungsträgern. „Ich spüre keine Wehmut, sondern nur, dass wir etwas Großes geschaffen haben.” Das Strahlen verhindert nicht eine nüchterne Analyse. „Schalke war hinten heraus stabiler. Bei uns war am Ende ein bisschen die Luft raus.”

Noch ein wenig Restluft besaß Lucien Favre. Als ein Journalist zu hartnäckig in der Wunde bohrte, dass womöglich doch noch mehr möglich gewesen sei, ätzte der Schweizer: „Ihr seid krank. Nur ich bin gesund.” Beruhigend, dass Lucien Favre der ideale Mann für eine „gute Besserung” ist - für die neue Saison.

Das Saison-Aus für Harvard Nordtveit

Borussias Mittelfeldspieler Harvard Nordtveit (21) hat sich in der Begegnung gegen den FC Augsburg eine Schultereckgelenksprengung an der rechten Schulter zugezogen.

Der Norweger fällt damit für das letzte Saisonsspiel in Mainz aus.
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