Die Antwort aufs Bayern-Werben: Marco Reus hält den Ball flach

Von: Bernd Schneiders
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Zweite Geste, zweites Tor: Mar
Zweite Geste, zweites Tor: Marco Reus kommentiert nach seinem 2:1 die Kritik an seiner Foto: imago/Sven Simon

Mönchengladbach. Beim ersten Mal hielt er sich den Finger vor die Lippen. Beim zweiten Mal klappte Marco Reus demonstrativ die Ohren nach. Gut, dass Borussia Mönchengladbach nicht noch durch ein weiteres Tor des Nationalspielers 3:1 gegen Hannover 96 gewonnen hatte.

Als dritte Geste wäre in Anlehnung an die buddhistischen Affen wohl das Verdecken der Augen gefolgt. Das aber hatte das Publikum am Samstag im Borussia-Park nicht verdient. Zwar zeigte sich Sportdirektor Max Eberl überrascht über die „Unruhe” des Anhangs, als das 3:1 nicht fallen wollte. Doch schon früh merkten die Borussen-Fans, was ihre Mannschaft benötigte: Bis zum herbeigesehnten Schlusspfiff wurden Reus & Co. von einem Phon-Sturm getragen, der Beine machte, wenn auch keine Tore mehr.

Eine solche Phase ist man von der Borussia unter Favre nicht gewohnt. Nach dem erneuten Führungstreffer durch Reus (50.) - Emanuel Pogatetz hatte zuvor per Kopf ausgeglichen (26.) - der auch schon das 1:0 erzielt hatte (21.), brach die Dominanz weg. Nun kann man auch gegen einen überstarken Gegner zurückgedrängt werden. Doch Gladbach ging obendrein die Struktur verloren. Von einer organisierten Konter-Haltung konnte man nicht sprechen, auch wenn Juan Arango noch eine Chance (71.) hatte.

Das kollektive frühe Draufgehen war perdu, die Aggressivität auch, die Borussen liefen zwar noch, aber immer nur hinterher. Solche Zitterpartien hatten die Zuschauer zuletzt in der desaströsen Hinrunde 2010 erlebt. Damals aber wäre sie schier zwangsläufig in eine Niederlage gemündet. Unter Favre wurde der Rückfall in die Kaninchen-Phase nicht bestraft, die defensiven Rest-Qualitäten reichten, um der Schlange keine echte Torchance zu gewähren und das 2:1 über die Zeit zu retten. „In der zweiten Halbzeit haben wir es nicht so gut gemacht wegen Hannover”, entschied Borussias Schweizer Trainer für sich die Frage nach Ursache und Wirkung.

Viel lieber beurteilte er - zumindest öffentlich - die vorangehende Leistung seines Teams: Gegen einen schwierig spielenden Gegner stimmten nicht nur Dominanz (63 Prozent Ballbesitz) und Zahl der Torchancen, sondern diesmal auch die Verwertung.

Die Erleichterung war Favre anzumerken. Ausgerechnet Borussias einziger Torjäger, der er eigentlich nicht sein sollte, wartete mit einer verblüffenden Kaltschnäuzigkeit auf. Und so schaffte es der Trainer, der normalerweise noch extrem lange im Spiel verstrickt bleibt, sein Lob in einen Scherz zu verpacken: „Eins mit Links, eins mit Rechts, fehlt nur eins mit dem Kopf.” Da war aber auch schon eine Stunde seit dem Schlusspfiff vergangen. Und unbewusst füllte der Schweizer einen vorherigen Wunsch mit Leben. „Er kann schon sehr viel. Aber er kann noch viele Fortschritte machen. Ich würde das gerne zusammen mit ihm machen.”

Das ist zumindest ein konkretes Angebot - eines Lehrers an den Schüler. Ein anderes wird zeitgleich beinahe herbeigeredet bzw. -geschrieben: Die Bayern auf der Jagd nach Gladbachs neuem Juwel. Das bringt Sportdirektor Max Eberl nicht aus der Fassung, aber mittlerweile reagiert er genervt auf das indirekte Buhlen. „Das Thema sollte endlich vom Tisch. Die Bayern haben erklärt, dass sie die Champions League gewinnen wollen. Damit sollten sie sich acht Monate lang beschäftigen.”

Reus hat noch Vertrag bis 2015 und gestand: „Ich hatte erst eine andere Idee...” Der 22-Jährige sprach allerdings über sein erstes Tor. Das, was ihm in anderen Szenen in den letzten Spielen wertvolle Sekundenbruchteile raubte, wurde zum Erfolgsweg. Statt mit Gewalt mit Rechts setzte er überraschend mit dem linken Fuß den Ball ins kurze Ecke. Und auch der Siegschuss hatte eine neue Qualität: zwar diesmal mit Rechts, aber erneut flach und präzise, statt hoch und wuchtig. Womit geklärt ist, dass Reus nicht nur verbal den Ball flach halten kann. „Ich bin bei Borussia unter Vertrag und fühle mich wohl”, lautet sein gebetsmühlenartig vorgetragener Kommentar auf das inszenierte Bayern-Werben. Inszeniert?

Taktik-Fuchs Favre sieht seinen Jungstar durchaus in Gefahr. „Wenn die Bayern dementieren, ist es das untrügliche Zeichen, dass sie den Spieler wollen.” Der Lehrer kämpft um seinen Meister-Schüler - und um Realismus angesichts zu hoch fliegender Ideen. „Das ist das gleiche Team, das in der letzten Saison gerade noch den Klassenerhalt geschafft hat. Wir dürfen nicht träumen. Das ist unseriös.”
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