Der „Abstiegskampf pur” hat eingesetzt

Von: Christoph Pauli
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Ein jammervolles Bild der Ratl
Ein jammervolles Bild der Ratlosigkeit: Alemannias Profis schlichen nach der erneuten Niederlage mit hängenden Köpfen vom Platz. Anschließend meldeten die frustrierten Fans Redebedarf an. Foto: Wolfgang Birkenstock

Aachen. Die Kameras hielten die Momente fest, als die Spieler wie Büßer vor die schreienden Fans traten. Dokumente der Emotionen, auch des Hasses, der Wut. Eindrucksvoller waren die Bilder, die niemand geschossen hatte.

Von Fans, die schon lange auf dem Heimweg waren, oder mit feuchten Augen auf den oberen Rängen ausharrten. Alemannias 1:3 gegen den FSV Frankfurt ließ niemanden kalt, denn an diesem Abend platzte die gut gepflegte Illusion, dass die bisherige Saison sich nur geirrt hatte.

„Wir sind viel besser”, war die Standardstereotype der Profis nach jedem der sieglosen Spiele. „Der Kader ist gut genug für die 2. Liga”, ist unverändert die Überzeugung von Manager Erik Meijer, der für die Spielersammlung verantwortlich ist. Diese Partie gegen eine kaum spektakuläre Mannschaft war nur geeignet, alle Zweifel zu zerstreuen: Alemannia ist nicht willkürlich oder zufällig nach dem 10. Spieltag die schlechteste Mannschaft. Das harmloseste Team seit Gründung der Liga ist mit Recht abgestürzt.

„Torjäger” Feisthammel

Dieses Spiel gegen einen finanziell eher limitierten Gegner war der nächste Hilferuf: Gebt uns eine neue Struktur! Baut unseren Kader um! Die Mannschaft weiß gar nicht mehr, wie Druck machen geht, sie kann nicht mehr kreativ spielen und nicht mehr schnell.

Die erste Halbzeit war gemessen an der Ausgangslage noch akzeptabel. Die Aachener spielten nicht souverän, aber als die Kabinen zu den Halbzeitansprachen geschlossen wurden, lagen sie endlich einmal in Führung, weil „Torjäger” Tobias Feisthammel zum zweiten Mal in dieser Saison zugeschlagen hatte. Nach zehn Spieltagen steht ein Abwehrspieler alleine auf der Liste der Torschützen. Einmalig!

Mit dem Gegentreffer, als man trotz Führung im eigenen Stadion ausgekontert (!) wurde, fiel die Mannschaft dann nicht zum ersten Male auseinander wie eine alte, morsche Bretterbude. „Es fehlt der Leader” beobachtete der pensionierte Leader Meijer vom Managerstuhl aus. Dabei ist die Gruppe durchaus erfahren. Olajengbesi, Achenbach, Auer, Sibum, Radu haben schon hunderte Spiele in den ersten Ligen abgespult. Aber wenn der Gegner es wagt, ein Tor zu schießen, hört man es schnell knistern im Gebälk. Und weit und breit ist niemand da, der diesen Prozess stoppen kann. Für den Trainer sind das keine guten Voraussetzungen, denn mentale Robustheit lässt sich kaum in noch so vielen Einheiten vermitteln.

Die Partie gegen Frankfurt hätte das Umkehrspiel für die Saison werden sollen, die Erwartungen wurden eine Halbzeit lang weiter aufgepumpt, ehe der Mannschaft die Luft ausging. Eine solche Körpersprache wie sie in der letzten halben Stunden auf dem Spielfeld zu beobachten war, vermutet man bei Galeerensklaven.

Spieler wie der formschwache Alper Uludag schwiegen später, wollten keine Kommentare abgeben, „solange die eigene Leistung nicht passt”. Die Spieler sammeln ihre Erfahrungen in einer neuen Situation. „Niemand kennt eine solche Lage, in der er nicht mehr gewinnt”, sagt Erik Meijer. Zur Folklore gehörte diesmal, dass sich die frustrierte Mannschaft noch den frustrierten Fans stellen musste. „Das muss auch sein, finde ich: Die Jungs können ruhig einmal die Angst der Anhänger spüren, die um ihren Klub fürchten”, sprach Erik Meijer, der später selbst in den „Binnenclinch” mit einigen Krakeelern ging. „Die Spieler müssen schon mal durch die Hölle gemeinsam gehen, aber auch daraus kann man Kraft schöpfen.”

Das sind die schwierigen Voraussetzungen für die Restsaison, die nur noch eine Überschrift kennt: Rette sich, wer kann. Mit den Worten des Managers: Der „Abstiegskampf pur”, hat eingesetzt. Der erhoffte Effekt des Trainerwechsels ist verpufft, ärger noch: Er ist erst gar nicht eingetreten. Vielleicht ist wie kolportiert die Stimmung in der Kabine besser, die Leistung auf dem Platz ist seit dem Eintreffen von Friedhelm Funkel nicht besser geworden. Eher im Gegenteil.

Der größte Vorteil des neuen Chefausbilders ist immerhin, dass er auch in dieser Situation die Ruhe bewahren wird. Das Training wird verschärft, die große Gruppe steht unter Beobachtung, nach der Winterpause könnte der üppige Kader verkleinert werden, deutet Meijer an. Zeit der Bewährung. Einige Profis kamen am Wochenende bei der 2. Mannschaft zum Einsatz. Falkenberg und vor allem Stiepermann überzeugten, während Hartmann und vor allem Bäcker deutlich abfielen, beobachteten Meijer und Funkel am Spielfeldrand. Und auch der im August für alle Zeiten aussortierte Aimen Demai, der unter Funkel wieder eine Chance erhält, sammelte kaum Pluspunkte in der NRW-Liga. Spätestens seit diesem Spiel gegen Frankfurt wird die Tonart rauer in dem gefährdeten Klub. „Wir schauen uns genau an, wer unseren Weg mitgehen will”, sagt der Trainer. Diese Partie hat den Verein verändert. Es war der Tag, an dem das bekannteste Gespenst der Nation einzog.
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