„Das war die beste Zeit meines Lebens, sie war zu kurz”

Von: Mischa Wyboris
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Setzt sich immer noch energisc
Setzt sich immer noch energisch durch: Dirk Lehmann, hier im Spiel von Freialdenhoven gegen den FC Hennef. Foto: Günther Kròl

Freialdenhoven. Als Dirk Lehmann 1998 zum FC Fulham wechselt, hat er von so vielem keine Ahnung. Zum Beispiel, dass er Pornofilme gedreht hat und ihn die Deutschen deshalb nicht mehr wollen. Und dass sich Trainer Kevin Keegan davon nicht hat beirren lassen, ihm eine Chance auf der Insel geben wollte. Dass Lehmann von all dem nichts weiß, hat einen Grund: Nichts davon stimmt.

Aber es entspricht zu dieser Zeit der Wahrheit jener englischen Fans, die Dirk Lehmann für Dirk Diggler halten, eine Porno-Figur mit Schnauzbart, wie ihn auch der damals 27-jährige Aachener trug. „Das war die beste Zeit meines Lebens”, sagt Lehmann heute, „und sie war zu kurz.” Am Dienstag wird Dirk Lehmann 40 Jahre alt - und denkt nicht daran, mit Fußball aufzuhören.

Warum auch? „Ich habe damals mit meiner Profi-Karriere zu früh aufgehört. Das habe ich manchmal bereut”, sagt Lehmann. „Solange ich das Glück habe, verletzungsfrei zu bleiben, spiele ich weiter.” Gerade erst hat er drei weitere Jahre beim Mittelrheinligisten Borussia Freial­denhoven unterschrieben. „Ohne Wenn und Aber: Dirk ist ein absoluter Stammspieler, denn er ist von der Einstellung her immer noch ein Vollprofi, der für den Fußball lebt”, sagt Trainer Winnie Hannes.

Dieses Leben beginnt bei Alemannia Aachen. 1990 kommt er in die erste Mannschaft der Ale­mannia, als der Klub gerade aus Liga 2 abgestiegen ist. Ein Jahr später verpasst die Mannschaft vom Tivoli unter Winnie Hannes am letzten Spieltag der Saison nur knapp den Aufstieg.

Der kommt in sportlicher Hinsicht am 3. Oktober 1992: Dirk Lehmann feiert sein Bundesliga-Debüt im Trikot des 1. FC Köln unter Trainer Jörg Berger und darf später gar ein wenig Uefa-Cup-Atmosphäre schnuppern. Doch der Durchbruch gelingt ihm erst gute fünf Jahre später - als Schmuddelfilm-Held mit dunklem Schnauzer, blonden Strähnen und goldenen Ohrringen, der nebenbei ganz passabel Fußball spielt. „Die Fans in England haben wirklich geglaubt, dass ich ein Pornostar bin”, wundert sich Lehmann heute noch.

Lehmann, der in Deutschland nur mäßig erfolgreich war, spielt gegen ManU und Liverpool, gegen Beckham und Konsorten. „Fulham war der beste Verein, für den ich jemals auf den Platz gegangen bin”, sagt der 1,84-Meter-Mann, der im Laufe seiner Karriere von Morten Olsen, Kevin Keegan, Eric Gerets und Terry Butcher trainiert wurde.

2004, nach 20 Toren in 135 Spielen auf der Insel und einem kurzen Intermezzo beim japanischen FC Yokohama, wechselt der Aachener zum damaligen Zweitligisten Jahn Regensburg, der kurz darauf absteigt. Lehmann ist ohne Verein - bis ihm der Mittelrheinligist aus Freialden­hoven einen Vertrag anbietet. Lehmann unterschreibt - kurz darauf erreichen ihn auch wieder Angebote aus England. „Ich ha­be mich entschlossen, mehr Wert auf meine Ausbildung zu legen”, sagt Lehmann, der mit 36 einen Job als Industriekaufmann annimmt.

Der Schnauzbart, den auf der Insel nur Lehmann und Nationalkeeper David Seaman trugen, ist längst Geschichte - so wie die legendäre Zeit, als die Fans mit angeklebten Schnurrbärten und „Porno-Transparenten” in die Stadien pilgerten, um ihren Lehmann stürmen zu sehen. Bald ist er 40 Jahre alt und stürmt weiter für den 14-fachen Kreispokalsieger Borussia Freialdenhoven. Man wird nie so ganz den Eindruck los, dass Lehmann noch was nachzuholen hat. Ob er demnächst doch die Schuhe an den Nagel hängt?

„Ja . . ., irgendwann”, sagt Winnie Hannes und fügt nach einer Weile hinzu: „Irgendwann ist ja leider immer Schluss."
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