Chong Tese: Unbekannter Neuzugang im eigenen Kader

Von: Daniel Theweleit
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Randthema? Die Kommunikation z
Randthema? Die Kommunikation zwischen Kölns Trainer Stale Solbakken (links) und seinem Vorgesetzten Volker Finke gilt als ausbaufähig. Foto: imago/Herbert Bucco

Köln. Demut ist noch nie eine Stärke des kölnischen Charakters gewesen. So mancher Rheinländer glaubt gar, allein der Karneval verwandle die Stadt mit dem Dom in eine unwiderstehliche Weltmetropole, und mit dieser Grundhaltung wird auch der lokale Fußballklub betrachtet.

Man muss also verstehen, dass viele Kölner ziemlich gekränkt waren, als ihnen am Montag nach wochenlangen Spekulationen über einen neuen Stürmer ausgerechnet Chong Tese vorgesetzt wurde.

Schließlich hatte Sportdirektor Volker Finke eine Reise zum Afrika-Cup unternommen, Trainer Stale Solbalkken hatte zahllose DVDs mit Kandidaten von internationalen Topklubs gesichtet, und nun kommt ein Mann aus der zweiten Liga, der zuvor im nur 90 Kilometer entfernten Bochum gespielt hat. Ein Fußballer auch noch, über den der Trainer kaum etwas weiß. „Ich kenne den Spieler nicht so gut, ich habe am Freitag zum ersten Mal davon gehört”, sagt Solbakken und heizt mit diesen Worten eine Geschichte an, die seit Wochen für Unruhe sorgt.

Schon im Herbst wurde am Geißbockheim gemunkelt, Solbakken und Finke hätten Mühe, konstruktiv zusammen zu arbeiten. Dem Sportdirektor wird nachgesagt, dass er Zweifel am eigensinnigen System des Trainers habe, und Solbakken sei empört über derlei Einmischung in sein Ressort, heißt es. „Die Vermutung, dass ich da in irgendeiner Form versuche, Einfluss auf die Spielweise zu nehmen, ist abwegig”, sagt Finke.

Allerdings hat das 1:4 gegen Schalke wieder einmal deutlich gezeigt, dass Solbakkens Plan auch nach einem halben Jahr in Köln ziemlich fehleranfällig und damit kritikwürdig ist. Den Innenverteidigern ist es nicht erlaubt, außen auszuhelfen, die Gegner dürfen ruhig flanken, Tore sollen innen verhindert werden, doch wenn wie am Samstag fast 30 hohe Bälle vors Tor fliegen, dann wird eben der eine oder andere reingeköpft.

Und Solbakken kann mit Recht darüber klagen, dass sein Sportdirektor während des langen Transferfensters am Ende nur ein Last-Minute-Geschäft realisieren konnte, einen Transfer, der dem Trainer keine Gelegenheit ließ, sich ausführlich mit seinem neuen Stürmer zu beschäftigen. Bei den Kandidaten, die mit Solbakken abgesprochen waren, musste der Klub „aus wirtschaftlichen Gründen abbrechen”, sagt Finke. Auf dem Transfermarkt dieses Winters konnte der hoch verschuldete Klub nicht einmal mit dem SC Freiburg und dem FC Augsburg mithalten.

Das ist eine bittere Erkenntnis für diese stolze Fußballstadt - und sicher auch für den Trainer. Der „Express” will erfahren haben, dass Solbakken nach dieser Geschichte „fuchsteufelswild” gewesen sei, und die „Bild” fragt mit bedrohlichem Unterton: „Wie lange tut sich Solbakken das noch an?” Finke räumt sogar gewisse Meinungsverschiedenheiten ein, „es geht ja immer um Vorstellungen die man davon hat, wie Menschen in einem Profiverein zusammenleben”, sagt er und fragt: „Soll das eine harmonische Wir-sind-immer-einer-Meinung-Familie sein?” und seine Antwort lautet: Nein. „Es geht um eine sachliche Arbeit und nicht um Verhältnisse zwischen Menschen.”

Bereits im vorigen Sommer hat Finke Solbakken als Trainer vorgestellt, mit dem er streiten könne, und angesichts der schwierigen Umstände mit 30 Millionen Euro Schulden und einer menschlich hoch komplizierten Mannschaft leisten beide grundsätzlich auch ganz gute Arbeit. Solbakken hält Podolski am Laufen, tüftelt akribisch an fußballerischen Inhalten und hat eine passable Hinrunde zu verantworten. Und Finke hat fast ohne Geld Leistungsträger wie Jemal und Riether nach Köln geholt und den zuvor nur ausgeliehenen Jajalo unter Vertrag genommen. Außerdem hat er Solbakken verpflichtet und den maßlos aufgeblähten Kader ausgedünnt. Vielleicht hat Finke sogar Recht, wenn er sagt, dass der Tese-Transfer „angesichts der Möglichkeiten des 1. FC Köln etwas sehr Gutes” ist.

Das sind die Dinge, die der Sportdirektor viel lieber in der Zeitung lesen möchte, als „Geschichten, die nichts mit dem Spiel zu tun haben”. Ihm gehe es „um die Sache, um Fußball, aber das ist nicht so leicht hier.” Denn dem Kölner Fußballanhang geht es um mehr, um Emotionen zum Beispiel. Und dazu gehört auch, dass die Wut über den jüngsten sportlichen Misserfolg an einem Sündenbock abgeladen werden kann, es sieht schwer danach aus, als sei diese Rolle vorerst für Volker Finke reserviert. Zumindest bis Chong Tese beginnt, Tore zu schießen.
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