Busblockaden, Hass-Tiraden und die Suche nach Sinn

Von: Mischa Wyboris
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Aachen. Als aufgebrachte Frankfurt-Fans am 32. Spieltag der vergangenen Bundesliga-Saison den Mannschaftsbus „ihres” Klubs an der Commerzbank-Arena abpassten und Polizisten angriffen, gab einer der Beamten bekanntermaßen einen Warnschuss ab. Symbolischer könnte dieses Bild kaum sein.

„Wir sind am Scheideweg”, warnt der DFL-Fanbeauftragte Thomas Schneider. Während das Verlangen der Fans nach Mitbestimmung in bald 50 Jahren Bundesliga immer weiter zunimmt, tun das auch Begleiterscheinungen wie Busblockaden oder Transparent gewordene Hasstiraden gegen Spieler wie Manuel Neuer.

„Wie viel Fan-Sein verträgt ein Verein?”, fragt Michael Gabriel von der Koordinationsstelle der Fanprojekte am Aachener Tivoli während der 18. Jahrestagung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte. „Manche Sprechchö­re sind nicht gerade mit Intellekt hinterlegt. Nicht die Länge des Banners, die Tiefe des Inhalts sollte zählen”, wirft DFL-Mann Schneider in die Runde der Fan-Vertreter von Ale­mannia Aachen, Hamburger SV, Arminia Bielefeld und VfL Wolfsburg. Ein illustrer Kreis, den Thorsten Pracht, Moderator und Pressesprecher des Gastgebers Ale­mannia Aachen, als „schöne Krisenrunde” bezeichnet.

Und so kommt es, wie es kommen muss: Von der „Notwendigkeit beidseitiger Gesprächsbereitschaft” ist die Rede, vom „Fußball, der doch Emotion ist”, vom „Dialog statt Monolog”. Und zwischendrin ein Häppchen durchaus erfreulicher Realität: „Trotz der prekären Situation beim HSV sind wir für unsere Verhältnisse derzeit ziemlich ruhig”, erklärt Christian Bie­berstein vom „Supporters Club Hamburg”. Vielleicht ein angeneh­mer Nebeneffekt der Tatsache, dass der HSV mittlerweile bewusst die Nähe zu seinen Anhängern sucht, manche Spieler gar per SMS mit den Fans kommunizieren oder sogar mal ein Bierchen mit ihnen trinken gehen, wie Bieberstein beschreibt.

Auch Frithjof Kraemer set­zt auf das direkte Gespräch mit den Fans - so zum Beispiel beim alle zwei Monate stattfindenden Gespräch des Alemannia-Geschäftsführers mit der „Stadionarbeitsgruppe”, Vertretern der Aachener Ultras, Fanbeauftragten und Fan-IG. Nur so seien auch jene Dinge, die hinter den Kulissen laufen, etwa die Praxis der Ticketvergabe für DFB-Pokalspiele, für jeden nachvollziehbar zu machen, sagt Kraemer.

Der Dialog mit den Fans: Auch der VfL Wolfsburg hat ihn gesucht, erklärt Ex-Profi Holger Ballwanz, heute Fanbeauftragter des aktuellen Tabellen-Vierzehnten, dessen Spieler sich zum Ende der vergangenen Saison den kritischen Fragen der VfL-Anhänger stellten. „Das ist um Längen besser, als dass 20 Leute bei einer Busblockade gleichzeitig auf dich einschreien.”

Sie ist allerorts zu spüren, die vielzitierte Macht der Kurve - mit den Fanbeauftragten zwischen den Fronten. Bleibt für den Aachener Fan- und Fußball-Frieden zu hoffen, dass die Alemannia im doppelten Sinn die Kurve kriegt.
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