Aus der Reha-Hölle zurück in den Fußball-Himmel

Von: Bernd Schneiders
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Sportlich auf dem Weg nach vorne: Jean-Sebastien Jaures. Foto: imago/Uwe Kraft

Mönchengladbach. Das Knie schwillt immer noch an, das Selbstvertrauen aber auch: Jean-Sebastien Jaures war für viele Beobachter ein Fragezeichen. Doch der Franzose, der den verletzten Kapitän Filip Daems links in der Viererkette vertritt, entwickelt sich immer mehr zum Ausrufezeichen. Auch in Bochum lieferte er eine knochen-solide Partie ab und setzte sogar verstärkt Akzente nach vorn. Hatte der 31-Jährige sich in den Testspielen und im Pokal noch bewusst auf die elementaren Dinge des Verteidigerseins konzentriert, erhöhte er im ersten Ligaspiel auch den Offensivdrang.

Vom Einfachen zum Schwierigen also? „Wie einfach? Fußball ist einfach. Barcelona spielt einfach.” Sein Primat: Der Pass muss ankommen, für Risiko-Aktionen sind dann andere zuständig. Aber „mir fehlt natürlich noch der Rhythmus, aber es wird mit jedem Spiel besser”. Er ist ein Defensivspezialist, und da passt es, dass er handelsübliche Fragen für Rekonvaleszenten unbeantwortet lässt: „Bei wieviel Prozent ich jetzt bin? Das weiß ich nicht”, sagt der Mann, der fast sein ganzes Fußballleben beim Idylle-Klub AJ Auxerre verbrachte.

Die Hölle brach über ihn schon früh in der letzten Saison ein. Nach zwei Spielen verletzte sich Jaures schwer - zum ersten Mal in seiner Karriere. Acht Monate musste er passen. Und selbst Sportdirektor Max Eberl gesteht: „Ich war skeptisch, dass das Knie hält.” Es hält, das Anschwellen ist ein normaler Anpassungsprozess, der langsam abebben wird. Für den zurückhaltenden Mann, dessen Vater von der südostafrikanischen Insel Reunion stammt, war die Rückkehr in den Profi-Alltag der Schritt zurück in den Himmel.

„Ich war sehr traurig und allein”, sagt er und deutet nach oben. Dort befindet sich Borussias Reha-Zentrum „medicoreha”, in dem er sich nach überstandener Meniskus-Operation an beiden Knien monatelang quälte. „Ich bin so glücklich, wieder zu spielen, wieder zur Mannschaft zu gehören. Ich genieße jeden Tag, jedes Training, die Anspannung vor dem Spiel, das Spiel selbst - wie ich das alles vermisst habe!”

Als Kronzeuge, was sich gegenüber dem Start in die letzte Saison verändert hat, taugt er nicht wirklich. „Es waren ja nur zwei Spiele.” Aber immerhin konstatiert er, dass „wir besser kombinieren, der Ball besser zirkuliert”. Auch sein Vorarbeiter ist ein anderer: Juan Arango, Gladbachs bisher auffälligster Spieler. „Sehr intelligent, passsicher, torgefährlich”, schnalzt Jaures mit der Zunge. „Er ist wichtig für mich. Er weiß genau, wie er sich stellen muss. Und er ist ein Linksfuß.”

Als ganz großen Profiteur sieht er sich nicht. „Das ist doch nicht wichtig für mich. Das ist wichtig für unseren Fußball, für die Mannschaft.” Auch von indirekter Kritik am Defensiv-Legastheniker und Arango-Vorgänger Marin ist der Abwehrspieler weit entfernt. „Juan ist anders als Marco.” Und überhaupt: „Jedes Spiel hat seine eigene Geschichte.”

Aber auch schon mal zwei Gesichter. Wie das in Bochum. „In der ersten Halbzeit haben wir unser schönes Gesicht gezeigt. In der zweiten dann ...” Die kommenden Wochen und Spiele geht es also darum, „das schöne Gesicht zu wiederholen”. Was aber speziell Sonntag gegen Hertha BSC schwierig wird. Speziell auch für Jaures. Einmal sind die Berliner ein unangenehmer Gegegner per se. Motto: unattraktiv spielen - aber gewinnen. Zum anderen wird Hertha tief stehen.

Das wird für den Franzosen eine ganz andere, aber viel schwierigere Aufgabe als in Bochum. Auch wenn er sich mental schon mit „Raffael beschäftigt” hat, „weil er sehr gut ist und unsere Wege sich wohl kreuzen werden”. Sein Freiraum wird eher der Knackpunkt sein. Und das ausgerechnet im ersten Heimspiel. Schließlich erinnert er sich noch zu gut an die maßlos überzogene Skepsis, die ihm kollektiv nach seinem schweren Schnitzer im Auftaktspiel der letzten Saison gegen Stuttgart entgegenströmte. „Das war ein Fehler”, sagt Jaures, „aber Mönchengladbach ist auch meine erste Station im Ausland.”

Der Einstand war unglücklich, auch weil die damalige Mannschaft - wie sich zeigen sollte - nicht die Struktur besaß, die erstligatauglich war. Das hat sich geändert, dank Hans Meyer, Max Eberl und jetzt auch Michael Frontzeck. Und Jean-Sebastien Jaures könnte ein Teil des neuen Borussia-Mosaiks werden, auch wenn Filip Daems zurückkehren wird. „Konkurrenz gibt es immer im Fußball. Selbst in Auxerre. Das ist gut für mich - und für den Klub.”

Mit Meeuwis und ohne Bradley

Sechs Tore sind anders als in Bochum am Sonntag im Borussia-Park nicht zu erwarten. Auch, weil Hertha BSC zu Gast sein wird. Spezialist für knappe, unansehnliche und deshalb für viele Fußball-Ästheten eher „dreckige” Siege.

Seinen Einstand wird Marcel Meeuwis auf der Doppelsechs geben. Der Ex-Kerkrader hat seine importierte Rotsperre abgesessen. Weichen wird wohl Michael Bradley. Der US-Amerikaner kehrte erst am Freitag von einem Länderspiel-Trip aus Mexiko zurück. Zudem wurde bei seinem Teamkollegen Landon Donovan die Schweinegrippe festgestellt. Bradley ist symptomfrei, wurde aber vorsorglich auf den das Virus getestet.

Voraussichtliche Aufstellung: Heimeroth - Levels, Brouwers, Kleine, Jaures - Marx, Meeuwis - Matmour, Arango - Bobadilla, Colautti

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