Mailand - Alexander Merkel: „Der blondeste Milan-Spieler seit Schnellinger”

Alexander Merkel: „Der blondeste Milan-Spieler seit Schnellinger”

Von: Tom Mustroph
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Junger Kerl mit Selbstbewusstsein: Alexander Merkel. Foto: imago

Mailand. Der junge Kerl besitzt Selbstbewusstsein. „Ich will, dass die Kinder irgendwann zu ihren Eltern gehen und das Trikot mit der Nummer 52 geschenkt haben wollen”, erzählt Alexander Merkel einem deutschen TV-Journalisten.

Ihm wurde vor wenigen Monaten erst beim AC Mailand eine Arbeitskleidung mit eben dieser Rückennummer ausgehändigt. Und jetzt peilt er schon an, nicht nur auf dem Rasen für einen wie Robinho eingewechselt zu werden, sondern den auch gleich noch an der Merchandisingfront zu übertrumpfen.

Einen Typen wie ihn hätten die Männer, die in Vereinen mit so klingender Bezeichnung wie Schachtjor Karaganda oder Wostok Öskemen ihr Geld verdienen, sicherlich gern dabei, wenn sie am Samstag als kasachisches Nationalteam in Kaiserslautern gegen die DFB-Auswahl antreten.

Merkel und Merkel: Keine Verwandtschaft

Von der Geburtsurkunde her gesehen ist dieser 19-jährige Blondschopf mit den ausgemachten Regisseursqualitäten tatsächlich einer der Ihren. Merkel, nicht mit der Kanzlerin verwandt, stammt noch weiter aus dem Osten als diese: aus Perwomaiskij, einem in alter Sitte dem Arbeiterkampftag 1. Mai gewidmetem 10.000-Seelendorf (Volkszählung 1999) im Osten Kasachstans. Weil sich seine Eltern im Jahre 1998 aber dauerhaft im noch kleineren Waldernbach im Westerwald (Zählung 2006: 1731 Einwohner) niederließen, spielte der Filius fortan auf deutschen Bolzplätzen und galt bald als das neue Riesentalent.

Die Italiener wiederum, die seit einigen Jahren mit einer Mischung aus Neid und Bewunderung auf den blühenden deutschen Fußballgarten starren, wollten auch einmal einen dieser jungen Wunderkönner in den eigenen Reihen haben. Die Wahl der Späher des AC Mailand, die im April 2007 einen Trip zum U.15-Länderspiel zwischen Deutschland und der Schweiz in Stuttgart spendiert bekamen, fiel schließlich auf Merkel.

Ein Jahr später war der Junge aus Perwomaiskij und Waldernbach bereits in Mailand (1,3 Millionen Einwohner) zu Hause. Er lernte fleißig italienisch und übersetzt zuweilen für Kevin-Prince Boateng, das zweite deutsche Migrantenkind bei den Rossoneri. Nach zwei Spielzeiten im Jugendbereich wurde Merkel im Dezember 2010 von Trainer Massimiliano Allegri schließlich für gut genug für die Champions League befunden und bei seinem Männerdebüt gegen Ajax Amsterdam auf den Platz geschickt.

Das Spiel ging 0:2 verloren, was Merkel nicht schmerzte, er hatte die große Bühne betreten. Zehn Begegnungen hat er mittlerweile für Milan bestritten: sechs in der Serie A, zwei in der Champions League und zwei im Pokal. „Ich lebe jetzt meinen Traum”, bekennt Merkel nach den wilden Wochen, in denen er von den italienischen Medien als „Baby-Genie” und „Milans Zukunft” gefeiert und von den deutschen wenigsten als „der blondeste Milan-Spieler seit Karl-Heinz Schnellinger” zur Kenntnis genommen wurde. Mit einer gehörigen Portion Realismus führte er seine Einsätze aber auch auf das Verletzungspech seiner Kollegen zurück.

Zuletzt gab es Rückschläge

Zuletzt musste Merkel allerdings Rückschläge erleiden. Am letzten Spieltag - Milan verlor gegen Palermo - war er gar nicht mehr im Kader. Beim Spiel davor, einem mühevoll errungenen Unentschieden gegen den Tabellenletzten Bari, konnte er als Einwechselspieler nur wenige Akzente setzen. Er forderte von seinen Mitspielern den Ball. Er erhielt ihn auch, was man als Zeichen für die Akzeptanz des Youngsters werten darf. Doch seine Anspiele gerieten meist zu ungenau. „Merkel geht nicht”, kanzelte ihn die „Gazzetta dello Sport” ab. Der mediale Wind dreht sich schnell. Ein „Wunderkind” kann in Blitzesschnelle zum „Versager” werden, nur weil er den unermesslich gewachsenen Erwartungen nicht gerecht wird.

Seinen kasachischen Landsleuten wird Merkel von alldem nichts erzählen können. Er hat es kategorisch ausgeschlossen, jemals für sein Geburtsland zu spielen. Vom deutschen U 19-Coach Ralf Minge ist er in diesen Tagen für die Spiele gegen Belgien und die Ukraine nominiert worden. Merkel rechnet sich einiges bei der Junioren-EM im Mai diesen Jahres in der Türkei aus. Wie es danach weitergeht, hält er offen. Wegen der Herkunft seiner Eltern kann er auch für Russland spielen. Viel hängt davon ab, welche Karriereaussichten sich dieser vielsprachige Migrant mit den begabten Beinen an den diversen Arbeitsplätzen ausrechnet.
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