Alemannias „Spion”: Hermann Grümmer auf Talentsuche

Von: Christoph Pauli
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Nasse Wiese, hartes Training: Peter Hyballas Team hat sich am Donnerstag auf das Testspiel gegen Dynamo Kiew am Freitag vorbereitet.

Walchsee. Die Dunkelheit ist besiegt. Im Kaiserwinkel brennen nach der stundenlangen Finsternis - hervorgerufen durch einen punktgenauen Blitzeinschlag - wieder die Lampen. Alemannias Mannschaft steht ohnehin gewaltig unter Strom.

Das Team arbeitet, während der Regen im buddhistischen Gleichmaß weiterrauscht. Das pittoreske Fleckchen Erde zieht viele Urlauber an, die Profis sind der Gegenentwurf, sie erholen sich nur in der Nacht.

Am Spielfeldrand am Walchsee steht Hermann Grümmer. Alemannias Chefscout beobachtet, wie die Müdigkeit in die Körper einzieht, die Profis quälen sich. Grümmer kennt die meisten Spieler seit Jahren, auch als sie noch andere Vereinstrikots trugen. Sein Leben ist der Fußballplatz.

Im November 1999 holte ihn der damalige Trainer Eugen Hach in den Verein. Es war eine Rückkehr, Grümmer war Anfang der 70er Jahre Lizenzspieler. Der Auftrag war neu für den Klub: Er sollte die Gegner beobachten. Solche organisierte „Spionagetätikeit” gab es vorher im Verein noch nicht.

Der neue Manager Jörg Schmadtke dehnte die Aufgaben Anfang 2002 gleich aus: Fortan sollte Hermann Grümmer auch nach guten Spielern in Holland fahnden. Das professionelle Scouting setzte langsam ein, auch wenn die Ergebnisse noch lange nicht in einer Datenbank zusammengetragen wurden.

Im Jahr 2011 ist der Klub auch hier professioneller geworden: Ab der laufenden Saison fügen die Talentspäher aus der gesamten Republik online ihre Ergebnisse ein. Etwa jedes Quartal gibt es eine große Scoutsitzung, an der Alemannias Perlentaucher teilnehmen. Erik Klasen kommt aus Mayen, Reiner Melters aus Köln, Peter Nahrmann aus Reda-Wiedenbrück, Felix Imm aus Regensburg angereist. Die Männer, allesamt freie Mitarbeiter, haben ihre Rasternetze über die Republik gelegt, im Osten ist das Netz eher großzügig geknüpft, dort fehlt noch ein magisches Auge. In den Niederlanden wird sich demnächst Wim Vrösch, Ex-Manager bei Roda, für Alemannia umschauen, der belgische Markt wird von Maurice Verbunt beobachtet.

Nach jedem Spieltag begibt sich Grümmer in den Datenwald. Jeder Spieler wird benotet, wer besser als 3 abschneidet, wird noch intensiver beleuchtet. Schnelligkeit, Stressresistenz, Ballfertigkeit.... So entsteht im Laufe der Zeit eine schöne Liste - aufgeteilt nach Positionen - von Talenten, die Alemannia weiterhelfen könnten. Vorbei sind die Zeiten, als ein Spieler wie Babacar Gueye verpflichtet wurde, den niemand außer dem ehemaligen Manager kannte.

Die aktuellen Neuzugänge wurden über Jahre begleitet, schon zu Juniorenzeiten gesichtet. Alltag in den Bundesligen. Im Verein wird das Auge des langjährigen Trainer vom TuS Langerwehe geschätzt, sein klarer Blick ist oft die Basis für viele Planspiele. „Der Ausbildungsverein Alemannia hat nur eine Chance, wenn er schneller ist als andere Klubs, die Spieler ansprechen”, sagt Grümmer.

Im Laufe der letzten Monate ist der Klub zu einer guten Adresse für Spieler geworden, die noch ihre Startrampe suchen. Einerseits. Andererseits grassiert gerade der Trend im Profifußball, junge Spieler zu verpflichten, was Aachens Ausgangslage kaum verbessert.

Am Walchsee werden sich die Verantwortlichen noch einmal zurückziehen, die Liste wird besprochen. Welche Möglichkeiten haben wir noch, wo besteht Bedarf, welche Spieler sind plötzlich auf dem Markt? Im Ligaalltag hat Grümmer im Vorfeld jeder Partie mindestens einmal den Gegner vor Ort unter die Lupe genommen. Der Fußball-Junkie bespricht seine Analyse mit den Trainern, der Austausch ist schnell und direkt. „Die Zusammenarbeit mit den jetzigen Trainern ist hervorragend”, sagt der 62-Jährige. Man ahnt, dass es schon andere Zeiten gab.

Jeder Spieler des Gegners wird beleuchtet: Stärken, Schwächen, Zuordnung bei Standards. Gemeinsam wird eine Idee, ein Plan entwickelt, wie die nächste Aufgabe bewältigt werden kann.

Wie denkt Grümmer über Alemannia 2011? Der Kader ist breiter geworden, bietet mehr Möglichkeiten, und „Spieler wie Yabo oder Stiepermann können trotz ihres jugendlichen Alters der Mannschaft weiterhelfen”, sagt er voraus.

200 Spiele sieht der Pensionär im Schnitt für seinen Dienstherrn. Hat er einmal keinen Forschungsauftrag, kehrt er als Zuschauer in die Amateurliga zurück, zum Beispiel nach Walheim, wo sein Sohn kickt. Auch im Trainingslager werden Kilometer gesammelt. An diesem Tag spielt in Going Dynamo Dresden gegen Schachtjor Donezk. Grümmer ist wieder da.

Aktuelles vom Trainingstag: Auch Kevin Kratz ist seit Donnerstag wieder bei seiner Mannschaft. Nur eine Woche nach seiner Leistenoperation in München ist der Mittelfeldspieler schon wieder im intensiven Lauftraining. Die Mannschaft hat am Freitag um 18 Uhr in Jenbach das letzte Testspiel in Österreich: Gegner ist Dynamo Kiew. Das Rennen um die Startnummer 1 im Tor geht dann weiter. Diesmal wird Boy Waterman gegen den prominenten Gegner eingesetzt.
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