Alemannia muss Insolvenz anmelden

Von: Christoph Pauli
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Seite an Seite: Bis vor kurzem
Seite an Seite: Bis vor kurzem waren Frithjof Kraemer und Meino Heyen - hier bei der letzten Jahreshauptversammlung - unzertrennlich. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Noch in den Abendstunden wehrte sich der Klub gegen die Insolvenz wie Deichbewohner gegen eine drohende Sturmflut. Es waren dramatische Stunden hinter den Kulissen von Alemannia Aachen. Der Verein, konkreter die Fußball-GmbH, ist enorm gefährdet. Die Insolvenz ist nach Informationen unserer Zeitung nicht mehr abwendbar. Die Mannschaft wurde für Freitagmorgen einbestellt, sie wird über die dramatische Lage informiert.

Am Donnerstag ging es in Gesprächen bei der Stadt nur noch darum, die Möglichkeiten eines geordneten Insolvenzverfahrens auszuloten. Am Freitag wollen die Herren öffentlich ins Land der (tiefroten) Zahlen aufbrechen. Die Insolvenz und ein Rettungsplan sollen vorgestellt werden.

Inzwischen hat sich Frithjof Kraemer über einen Anwalt bei seinem ehemaligen Arbeitgeber gemeldet. Vermutlich hat auch der fristlos gekündigte Geschäftsführer inzwischen mitbekommen, dass Alemannia existenzielle finanzielle Sorgen hat, aber natürlich ist es sein verbrieftes Recht, arbeitsrechtliche Forderungen an den Klub zu stellen.

Kraemers Ende des Jahres auslaufender Vertrag war erst Ende September auf Bitten von Meino Heyen verlängert worden. Die Verbindung des Aufsichtsratsvorsitzenden zu Kraemer ist eines der vielen Rätsel, die diesen Klub so zuverlässig wie die jahrelange Finanzmisere begleiten. Heyen war ein eifriger Fürsprecher des Geschäftsführers, er ließ kaum eine Gelegenheit aus, dessen Verdienste hymnisch zu besingen. Seine Bereitschaft, sich im Verein weiter zu engagieren, machte er sogar abhängig von dieser Personalie.

„Ich stehe komplett hinter seiner Arbeit”, sagte Heyen. „Er ist enorm fleißig, lädt viel Verantwortung auf seine Schultern. Er hat keinen einfachen Job, wenn das Geld so knapp ist. Er hat mein volles Vertrauen.” Aber worauf basierte das Lob? War es nicht ein völlig blindes Vertrauen, unabhängig von der harten Realität der Zahlen?

Hinweise im Aufsichtsrat

Eindeutige Hinweise aus den eigenen Reihen gab es ausreichend. Seit vielen Monaten kritisierte Horst Rambau die Arbeit von Kraemer fachlich. Mitte des Jahres wurde der Aufsichtsrat dann quasi unehrenhaft vom Präsidium entlassen, nachdem Heyen sich über ein juristisches Gutachten abgesichert hatte. Der satzungsgemäße Weg über den Verwaltungsrat war vorher gescheitert. Auch andere Mitglieder des Aufsichtsrats wie Helmut Kutsch und Michael Nobis versuchten wochenlang erfolglos, entsprechende Bilanzen und Auskünfte zu bekommen. Konsequenzen solcher „Geheimniskraemerei” gab es nicht. Heyen stellte sich stets schützend vor seinen wichtigsten Mitarbeiter. Auch Fan- und öffentliche Kritik irritierten Heyen nicht. Sponsoren, Dienstleister und Politiker beschwerten sich ohne erkennbare Reaktion. Selbst als der Verwaltungsrat ungefragt anregte, den Vertrag mit Kraemer Ende des Jahres auslaufen zu lassen, änderte das die Lage nicht. Heyen setzte die Vertragsverlängerung durch, der am Ende auch die Binnenkritiker Kutsch und Nobis zustimmten. Ein paar Stunden später gab der Verein bekannt, dass Kraemer nur noch befristet beim Verein arbeitet, gleichzeitig kündigte Heyen den Rückzug von allen Ämtern im Frühjahr an.


Erst Ende Mai hatte Kraemer bei der Stadt Aachen eine Vollständigkeitserklärung unterschrieben. Schon wenige Wochen später explodierten die Bilanzen wie Landminen. War doch nicht alles erklärt worden, waren Parlamentarier, ja vielleicht sogar die eigenen Leute nicht umfassend unterrichtet worden? Die Fragen sind gestellt, die Antworten stehen aus. Warum ist es so gekommen? Hatte der Aufsichtsrat bei der Vertragsverlängerung nicht die Erkenntnis einer millionenschweren Unterdeckung? Das würde Fragen nach der Kontrollfunktion aufwerfen.

Oder hatte er Kenntnis vom aufziehenden Desaster, dann wäre die Vertragsverlängerung noch unverständlicher. Erklärt worden ist dieser offenkundige Widerspruch bislang nicht, obwohl die Herren ja eine vollständige Ausleuchtung aller Vorgänge versprochen haben. Unverändert sagt Heyen, dass es keine Anzeichen für eine strafbare Handlung gäbe. Alles ganz normale Vorgänge am Tivoli?

Einen Monat nach seiner Vertragsverlängerung wurde Kraemer, der vorher mehrfach seinen Rückzug angeboten hat, rausgeworfen. Fristlose Kündigung. Die Trennung wurde nicht mit einem gewachsenen internen Misstrauen begründet. Vielmehr müsse man das verlorengegangene Vertrauen zu Partnern und Gläubigern wiederherstellen. „Um die Trennung sei man vor dem Hintergrund nicht vorbeigekommen”, stand in der Abschiedsbotschaft. Heyen rief ihm am Ende hinterher: „Wir bedanken uns bei ihm für seine Arbeit in den letzten Jahren.”


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