Alarmstufe Rot bei den „Rouches“

Von: Boris Cremer
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Nicht gut auf den Vorgänger zu sprechen: der neue Standard-Eigner Bruno Venanzi (links) und Ex-Besitzer Roland Duchâtelet. Foto: sport/Belga
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Wenn Bilder mehr sagen als tausend Worte: Standard-Kapitän Jelle Van Damme (rechts) und Corentin Fiore. Foto: sport/Belga

Lüttich. Bruno Venanzi hat als Gründer des belgischen Stromanbieters Lampiris ein kleines Vermögen gemacht. Der Mann weiß, wie der Rubel rollt. Umso erstaunlicher, dass dieser Industrielle, nachdem er den Traditionsklub Standard Lüttich gekauft hat, so wirkt wie ein naiver Rentner, der auf einer Kaffeefahrt abgekocht wurde.

 „Die Vereinskasse ist leer, und jeden Tag kommen aus der Buchhaltung neue böse Überraschungen ans Tageslicht“, erklärte Venanzi unlängst. Standards neuer Boss fühlt sich und seinen Klub hintergangen – von Roland Duchâtelet, auf den er beide Zeigefinger richtet.

Dem Flamen Duchâtelet gehörte Standard Lüttich bis zum Sommer. Sein familiengeführtes Unternehmensgeflecht ist aber auch bei Ligakonkurrent Sint-Truiden, Charlton Athletic (England), Alcorcón (Spanien), Ujpest Budapest (Ungarn) und beim Regionalligisten Carl Zeiss Jena involviert.

Innerhalb von Duchâtelets Klubportfolio habe Standard Lüttich als „Melkkuh“ gedient, kritisiert Venanzi. Einige Spieler seien von Standard gekauft und wenig später mit hohem Verlust an andere Duchâtelet-Vereine weitervermittelt worden.

Am Klub bereichert?

Damit spricht Venanzi den eingefleischten Fans der „Rouches“ („Die Roten“) nach dem Mund. Sie werfen Duchâtelet vor, sich an Standard bereichert zu haben. 2012 hatte der limburgische Milliardär den Verein vom vorbestraften Spielervermittler Luciano d‘Onofrio und von der Witwe des einstigen Adidas-Chefs Robert Louis-Dreyfus gekauft.

Die 41 Millionen Euro, die Duchâtelet damals auf den Tisch legte, schienen gut angelegt. Denn Standard war auf Rosen gebettet, hatte 2008 und 2009 nach 25 Jahre langer Durststrecke gleich zweimal die belgische Meisterschaft gewonnen und verfügte mit seiner Nachwuchsakademie über ein scheinbar unerschöpfliches Reservoir an Talenten.

Doch in der Ära Duchâtelet ging es mit Standard stetig bergab. Die meisten Spieler der Meistermannschaft von 2009 sind längst im Ausland aktiv, wo sie gutes Geld verdienen. Standard hingegen ist blank. Die sportliche Realität ist trist wie das Umfeld des Sclessin-Stadions, wo die Stahlhochöfen entlang der Maas einst Sinnbild des Aufschwungs einer ganzen Region waren. Jetzt siechen sie nur noch dahin – wie Standard Lüttich.

Der Verein hat den schlechtesten Saisonstart seit 13 Jahren hingelegt und bietet nur noch fußballerische Hausmannskost. Eine 1:7-Niederlage beim FC Brügge wird wohl noch viele Jahre im kollektiven Gedächtnis des Lütticher Anhangs bleiben, und durch das Europa League-Aus gegen das norwegische Molde entging Standard dringend benötigtes „Kleingeld“. Am vergangenen Wochenende konnte Standard gegen Aufsteiger OH Löwen zwar die fünfte Ligapleite in Folge verhindern (2:2), blieb aber auf dem vorletzten Tabellenplatz.

Stars wie Fellaini und Witsel

Kaum zu glauben, dass noch vor einigen Jahren Stars wie Marouane Fellaini (heute Manchester United) und Axel Witsel (Zenit St. Petersburg) im Trikot der „Rouches“ aufliefen. Längst vorbei die Zeiten, als die Gegner mit schlotternden Knien ins Sclessin-Stadion einliefen. Lokeren gewann dort in dieser Saison, Ostende auch, Löwen fast.

Yannick Ferrera soll es als Standard-Coach nun richten. Der erst 34-Jährige, der 2012 – damals beim SC Charleroi – zum jüngsten belgischen Erstligatrainer aller Zeiten avanciert war, versprach bei seinem Amtsantritt vollmundig: „Unsere Fans sollen das bekommen, was sie verdienen.“ Für Standard ist der perfekt fünfsprachige Ferrera bereits der fünfte Coach in den letzten elf Monaten.

Und Ex-Klubboss Roland Duchâtelet? Der ist fein raus. Für Standard bekam er von Venanzi immerhin noch 17 Millionen Euro. Rechnet man hinzu, dass er sich im Laufe der letzten Jahre insgesamt 30 Millionen Euro als Dividende auszahlen ließ, hat Duchâtelet mit dem Lütticher Krisenklub sogar Gewinn gemacht. „Schön für ihn“, sagt Venanzi, „aber wenn ich mir die sportliche Entwicklung von Standard unter seiner Ägide anschaue, kann ich nur sagen: armer Mann!“

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