80.000 Verrückte, Leidenschaft pur. Ich bin dabei.

Von: Jan Mönch
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Auch nicht gerade Alltag eines Fußballfans: unser Redakteur Jan Mönch am Sonntagabend im Bernabéu-Stadion in Madrid.

Madrid. Kaum habe ich meinen Sitzplatz erreicht, habe ich einen Freund weniger. Ich bin es selbst schuld; ich konnte es nicht lassen. Bei Facebook hatte ich ein Foto von mir hochgeladen – im Hintergrund das Bernaubéu-Stadion. Viele recken öffentlich den berühmten Facebook-Daumen

Der Neid hingegen prasselt im Verborgenen auf mich nieder – in Form von Privatnachrichten. Ein Freund, nennen wir ihn an dieser Stelle einfach Martin, will fortan nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich kann ihn verstehen. Martin ist ein sehr viel größerer Fußballfan als ich. Aber ich habe es geschafft: Real Madrid gegen FC Barcelona – ich bin dabei. Live. In Farbe. Im Stadion. Mit allen Sinnen.

Das Mordkomplott

Längst nicht mehr nur die Spanier bezeichnen die Begegnung als „El Clásico“, den Klassiker. Das liegt auch – aber nicht nur – an der sportlichen Qualität. Es gibt auch noch die politische Dimension. Real gegen Barça – das ist Ronaldo gegen Messi. Bis vor nicht sehr langer Zeit war es Mourinho gegen Guardiola. Auf ewig wird es aber auch Spanien gegen Katalonien sein. Wahnsinn gegen Wahnsinn. Es ist die größte Rivalität im Vereinsfußball weltweit. Und diesmal bin ich dabei. Hatte ich es schon erwähnt?

Vorzügliche private Kontakte in die spanische Hauptstadt haben mich in diese Situation gebracht. Ein Privileg, wie ich in den vergangenen Wochen festgestellt habe, auch für langjährige Madrid-Fans. Einige aus dem Freundeskreis haben im Netz ein Mordkomplott gegen mich geplant: „Lassen wir es wie einen Unfall aussehen.“ Ich nehme an, sie haben Spaß gemacht. Das stärkste Indiz hierfür: Ich befinde mich am Bernabéu – unverletzt und lebendig.

Den Anhängern von Real Ma-drid eilt in Spanien der Ruf voraus, ein wenig erfolgsverwöhnt zu sein. Ungefähr so wie die Anhänger von Bayern München in Deutschland. Sie sind schwer zu begeistern. Nur für die fanatischen Ultras gilt das nicht. Und es gilt für niemanden, wenn Barcelona in die Stadt kommt. Sogar beim Stadtrivalen Atletico, dem Arbeiterverein, drückt man dann Real die Daumen. Barcelona – das geht aus Sicht eines Madrilenen einfach nicht, egal ob sportlich, menschlich oder politisch. Ich selbst kann es mir als Tourist natürlich leisten, in dieser Frage neutral zu bleiben.

„Der Herr der Ringe“

Zweieinhalb Stunden vor dem Anpfiff. Die Straßen um das Stadion herum werden geflutet von weißen Trikots. Die Luft riecht wie in den ersten Minuten eines neuen Jahres. Die Ultras und viele andere sammeln sich traditionell an der Avenue de Concha Espina. Hier werden die Real-Spieler ankommen. Darüber sind auch die mäßig gelaunten Polizisten in Kenntnis gesetzt worden, die per Pferd immer aufs Neue eine busbreite Schneise in die Menge ziehen. Kaum sind die massigen Pferdehintern aus dem Blickfeld verschwunden, schwappen die Madrilenen wieder zusammen. Eine Sisyphos-Arbeit für die berittenen Freunde und Helfer.

Ein Böller mit respektabler Druckwelle explodiert einen Meter neben mir. „Puta Barça, puta Barça, hey hey”, grölen die Massen. Das bedeutet wohl so viel wie „Wir finden Barça nicht so gut“, oder so etwas ähnliches. Die Reiterstaffel treibt ihre Tierchen mit immer stärker furchteinflößendem Tempo an der Meute vorbei, was so gedeutet wird, dass der Bus schon ganz in der Nähe sein muss.

Einem Kerl im Neymar-Look und mit Barcelona-Schal, der sich unter die Madrilenen verirrt hat, wird lautstark empfohlen, sich doch lieber woanders aufzuhalten. Er bleibt; der Mann hat Mut. Als der Bus kommt, färbt die Avenue de Concha Espina sich rot vom Schein der Bengalos. Niemand, einfach niemand, der sich nicht die Seele aus dem Hals brüllt und den Real-Spielern mit auf den Weg gibt. „Puta Barça, puta Barça!“

Die Sicherheitsvorkehrungen beim Betreten des Stadions sind erstaunlich lasch. Es gelingt mir sogar, eine Dose Bitburger reinzuschmuggeln. Alkohol ist in Spaniens Stadien verboten. Daher bleibt mir nichts anderes übrig. An der Südseite des Stadions, wo die Ul-tras stehen, sind die Sicherheitsleute vermutlich aus anderem Holz geschnitzt.

Ich hingegen befinde mich an der Westseite. Ich trete ins Stadion, dass sich wie eine Landschaft aus „Der Herr der Ringe“ vor meinen Augen auftut. Das Bernabéu ist kein Stadion, es ist eine Festung mit Türmen an jeder der vier Ecken, jeder so dick wie der Drehturm auf dem Lousberg in Aachen. Ich fühle mich klein. Aber doch großartig. 80000 Verrückte. 80000 Mal Vorfreude. Die Luft brennt.

So imposant das Bernabéu von innen aussieht, so veraltet ist mittlerweile die Architektur. Weil das auch den Verantwortlichen nicht entgangen ist und das so natürlich nicht geht, wollen sie ihr Stadion demnächst modernisieren; das habe ich bereits bei einer Tour durchs leere Stadion (Eintrittspreis: 16 Euro) am Vortag erfahren. Danach wird das Bernabéu aussehen wie ein Raumschiff und ein Hotel sowie ein Einkaufszentrum im Bauch haben. Der Umbau wird wohl um die 400 Millionen Euro kosten. Man gönnt sich ja sonst nichts. Geld hat bei Real sowieso nie eine Rolle gespielt; wichtig war nur, dass man es ausgeben konnte – irgendwie.

Das Schönste am Clásico ist, dass die Begeisterung des Publikums jedes Mal auf die Spieler überspringt. Es mögen 22 Millionäre auf dem Platz stehen. Heißt es Real gegen Barça, spielen sie mit einer Begeisterung und mit einer Hingabe und Leidenschaft auf, als seien sie 16 und es ginge beim Schulturnier gegen die Blödmänner aus der verhassten Parallelklasse. Die Brutalität sucht dabei im Profi-Fußball mitunter ihresgleichen, wie am heutigen Abend ausgerechnet Reals Knochenbrecher Pepe mal am eigenen Leib erfahren wird.

Auch die heißblütigen Spanier im Publikum zollen der Rivalität gerne mit grenzwertigen Aktionen Tribut. Das weiß ganz besonders Luis Figo, der nach seinem Wechsel von Barcelona zu Real im Trikot des Erzrivalen ins Camp Nou zurückkehrte. Das war 2002, und neben vielen weiteren Wurfgeschossen wurde der Portugiese unter anderem mit einem abgesägten Schweinekopf beworfen – einem echten. Für die meisten ist der Clásico eine sportliche Rivalität, für nicht wenige aber eben auch mit blankem Hass verbunden.

Am heutigen Abend – beim 168. Clásico innerhalb der Primera Division – hält das Publikum sich mit solcherlei Exzessen zurück. Bevor es losgeht, gibt es noch eine Schweigeminute für den wenige Stunden zuvor verstorbenen Adolfo Suárez, der erste spanische Ministerpräsident nach dem Ende der Franco-Diktatur. Alle schweigen brav mit, auch die Gäste im Barça-Block.

Dann geht es los – endlich. Wie es ausgeht, hat sich mittlerweile herumgesprochen: Wie so oft in der jüngeren Vergangenheit stecken die Gäste sich frech die drei Punkte in die Tasche. Bis dahin bietet das Spiel alles, was ein Clásico verspricht: viele Fouls, einige Schwalben, drei Elfmeter, eine Rote Karte und obendrein noch sieben Tore (siehe Bericht unten).

„Alle sprechen von ‚La décima‘, aber zu Hause gegen Barca verlieren wir. Immer das Gleiche“, ärgert sich ein Madrilene. La décima ist der zehnte Champions-League-Titel, auf den die Königlichen schon so lange warten. Die Realität kann mit den Ansprüchen nicht immer mithalten.

Der Einfaltspinsel

Die spanische Liga – in den meisten Jahren eine relativ einseitige Angelegenheit – ist dank dieses Ergebnisses spannend wie lange nicht mehr: Real steht nun punktgleich mit Atletico an der Spitze, Barça hat sich bis auf einen Punkt herangepirscht. Die Menschen um mich herum tröstet das wenig, die allgemeine Stimmungslage nach dem Abpfiff ist unterirdisch. Die einen schimpfen über den Torwart, andere kommen zu der Einschätzung, dass ganz besonders der Schiedsrichter ein „hijo de puta“ sei, was, glaube ich, so viel bedeutet wie Einfaltspinsel. Man kennt das alles aus deutschen Stadien und von deutschen Fußballfans. Auf Spanisch klingt es allerdings viel, viel schöner.

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