Wenn Lucien Favre einmal abhebt...

Von Bernd Scheiders | 27.05.2011, 09:52

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Bochum/Mönchengladbach. Einen letzten Solo-Lauf verkniff sich Marco Reus zu mitternächtlicher Stunde. «Ich habe uns nicht gerettet.» Sein Ausgleich ins Erstliga-Glück galt trotzdem, und natürlich war der Hänfling mit dem großen Fußballvermögen sportlich gesehen der gefragteste Mann nach Borussia Mönchengladbachs 1:1 in Bochum.
«Alle haben gekämpft», sagte der 21-Jährige tapfer. Solche Aussagen sind oft in unterschiedlichsten Variationen eine der üblich leeren «Wir-sind-eine-Mannschaft»-Sprachhülsen gepaart mit Pseudo-Bescheidenheit. Doch bezogen auf die Ausgleichsszene besitzt Reus' Credo einen hohen Wahrheitsgehalt. Der doppelte Doppelpass mit dem eingewechselten Igor de Camargo war Symbol Gladbacher Spielkultur aber besonders auch grün-schwarzer Gemeinsamkeit.

Doch natürlich lag auf Reus' schmalen Schultern nicht alle, aber viel an Last an diesem Abend. Über seine Schmerzen in tieferen Regionen wollte der Sprint-Fußballer denn auch gar nicht reden. «Es ging um so viel.» Und wenn man gesehen hat, wie Reus als erster Gladbacher nach dem Schlusspfiff abhob und seinem Kumpel Roman Neustädter in die Arme flog, weiß man, dass es für den Nationalspieler nicht nur um die Rettung der Erstklassigkeit, sondern auch seiner sportlichen Heimat ging.

«Warum sollte ich denn weggehen?» war denn auch seine Antwort auf die Frage nach noch vorhandenen Wechselgelüsten. Gerade das Wohlfühlen in der Jungmänner-Clique mit Neustädter und Havard Nordtveit entpuppt sich als Faustpfand für den Verein. Und so brach aus dem gebürtigen Dortmunder die Freude noch am unverdorben-kindlichsten heraus bei der Feier-Orgie im Ruhrgebiet, passend zur Spielweise, die beseelt ist von der puren Lust am Fußball - selbst unter erschwerten (Verletzungs-)Bedingungen.

Mit seiner offenen Art ist Reus der Gegenentwurf zu seinem Trainer. Doch auch Lucien Favre verlor im Augenblick des Triumphs seine so extrem ausgeprägte Zurückhaltung. Mit leicht abgeknickten Fäusten riss der Schweizer die Arme in den Ruhrpotthimmel, der für die Gladbacher voller erstklassiger Geigen hing. Für den introvertierten Favre eine Gemütserregung, die einem Vulkanausbruch gleichkommt.

Die anschließenden Umarmungen zwischen dem 53-Jährigen und Sportdirektor Max Eberl, seinem gesamten Staff und den Spielern ließ dann schon wieder den Respekt spüren, den alle Beteiligten dem Vater des Klassenerhalts zollen. Nur für wenige Sekunden durchbrachen Stranzl & Co. diesen Ehrfurchtskokon und schleuderten ihren Coach wie eine Puppe wieder und wieder in die adrenalingeschwängerte Luft. Wohl einer der wenigen Momente im Leben des Lucien Favre, in denen er abhob. Und ein letzter Beweis für die Kompaktheit seiner Mannschaft: Der weiterhin erstklassige Trainer überstand die Wurf-Orgie seiner Spieler unverletzt.
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