Eine Stadt singt „Halleluja“ für ihren FC

Von: Roman Sobierajski
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Karneval mitten im Mai – und alle im selbem Kostüm: Das RheinEnergie-Stadion feiert sein Europapokal-Team. Foto: Rainer Dahmen
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Übermannt von seinen Emotionen: Anthony Modeste. Foto: dpa

Köln. Wie lange hat es genau gedauert, bis dieser Kölner 2:0-Sieg über Mainz 05, der dem FC Platz fünf in der Tabelle und damit nach 25 Jahren wieder die Qualifikation für die Europa-League-Gruppenphase bescherte, einen herausragenden Platz im Vereinsgeschichtsbuch gefunden hatte?

Waren es nur die gefühlten Sekunden, bis sich ein Großteil der 50 000 Zuschauer auf den Rasen ergossen hatte, die Spieler über den Köpfen surften und tatsächlich das „Halleluja“ der kölschen Kapelle Brings durchs Stadion waberte?

Oder waren es die wenigen Minuten, bis das Tor vor der Südtribüne zur Trophäe geworden war und FC-Keeper Timo Horn Trikot und Handschuhe vom Leib gerissen bekam? Dauerte es doch so lange, bis Toptorjäger Anthony Modeste, der mit seinen Töchtern Brooklyn und Kihanna auf dem Arm ins Stadion eingelaufen war, unter Tränen bekannte „Ich hoffe, dass ich hier bleibe“, während Sportchef Jörg Schmadtke meinte, „kommt noch einmal so ein exorbitantes Angebot für Modeste, muss man sich noch einmal zusammensetzen“?

Und dann wartet die Arbeit ...

Vielleicht waren es ja doch die Schlussworte von Trainer Peter Stöger, der bei der Pressekonferenz einräumte „Heute wird ein wenig gefeiert, und nächstes Jahr wartet dann viel Arbeit auf uns“ und noch kurz „Dankeschön“ sagen konnte, bevor er in der Bierdusche seiner Spieler zu ertrinken drohte.

„Wildfremde bedanken sich bei dir, du schaust den Leuten in die Augen und begreifst, das hier ist ihr Leben“, fasste Feierbiest Leo Bittencourt zusammen, was die Fans und die ganze Stadt bewegte, als Schiedsrichter Robert Hartmann die Begegnung nach 94 gespielten Minuten abgepfiffen hatte und endgültig die letzten Dämme brachen.

Dass die Spieler des FC vorhatten, diese finale Chance zu nutzen, sich in der kommenden Saison auf der europäischen Bühne präsentieren zu können, bedurfte keiner Bekräftigung mehr. Aber dass auch keiner partout jenen verhängnisvollen Fehler machen wollte, der den großen Traum auf den letzten Metern zunichte machen würde, das war bis auf die Zuschauerränge förmlich zu riechen.

So waren es die Mainzer Gäste, die sich die erste Torchance erarbeiteten: Nach Ballverlust von Jonas Hector zimmerte der Mainzer Stürmer Jhon Cordoba, an dem der FC interessiert sein soll, den Ball über das Tor von Timo Horn (5.). Der FC hatte zwar auch seine Chancen, doch erst verzog Milos Jojic nach Vorarbeit von Yuya Osako (13.), dann blieb Bittencourt mit seinem Schuss in der vielbeinigen Gästeabwehr hängen (32.) und auch Osako selbst traf das Tor nicht (37.).

Das Kölner Kombinationsspiel holperte und stolperte, das Umschalten nach Balleroberung war nicht zwingend, und das war für alle Beteiligten umso bitterer, da von der Anzeigetafel mit den Spielständen die Botschaft kam, dass die Konkurrenten aus Freiburg und Berlin zurücklagen – und nun der FC selbst zugreifen musste.

Es war dann schließlich ein Treffer von erstaunlicher Kunstlosigkeit, der die größten Felsbrocken purzeln ließ. Doch bald wird niemand mehr danach fragen, wie Jonas Hector nach Kopfballvorlage von Osako den Ball am Mainzer Keeper Jannik Huth vorbeibugsierte – Hauptsache, rein damit, nach 43 Spielminuten.

Dass es tatsächlich erstmals für Tabellenplatz fünf reichen könnte, war mit dem Seitenwechsel und den Halbzeitständen in den neun Bundesliga-Stadien klar, doch mehr Sicherheit kam dadurch nicht ins Kölner Spiel. Zumal die bereits vor dem Abstieg geretteten Mainzer „gut dagegen gehalten haben. Das war aller Ehren wert“, wie Jörg Schmadtke zumindest das von ihm Gesehene bewertete, da es ihn zwischendurch vor Aufregung auf die Toilette trieb. Seine Mannschaft hielt den Gegner vom eigenen Tor fern, kam jedoch auch selbst kaum zu eigenen Torchancen. Die beste vergab Milos Jojic, der nach einer Abwehraktion des Mainzer Keepers fast auf Höhe des Mittelkreises an den Ball kam und ihn aus 40 Metern knapp am verwaisten Tor vorbeizirkelte (63.).

Die Blicke gingen in dieser Spielphase fast zwanghaft Richtung Anzeigetafel, denn Werder Bremen ging in Dortmund zweimal in Führung, und die zwischenzeitlich ziellos gewordenen Münchner Bayern lagen gegen willige Freiburger immer noch nur mit 1:0 in Front. „Ein Gegentor, und wir wären durchgereicht worden auf den achten Platz“, überschlug auch Stöger das Szenario im Kopf, „und dann wäre es plötzlich eine Scheißsaison geworden.“

Doch der Österreicher widerstand der Versuchung, die Defensivspieler Dominic Maroh und Marco Stöger zu bringen, was das Signal zum Halten des Ergebnisses bedeutet hätte. Umso erstaunlicher, da der Mainzer Trainer Martin Schmidt noch seine Stürmer Levin Öztunali und Yoshinori Muto aufbot, um müder werdende Kölner vielleicht doch noch zu knacken. Doch der FC-Coach hielt mit Simon Zoller (für Bittencourt) den Druck weiter hoch – und wurde schließlich belohnt: Der stark aufspielende Jojic bediente Osako, und der Japaner beseitigte mit einem satten Schuss ins rechte Eck zum 2:0 (87.) alle Zweifel und Nöte. „Wir haben die ganze Saison über so viel Dresche gekriegt, hatten so viele Verletzte zu beklagen. Aber wir sind in der Breite ein Super-Kollektiv, auch neben dem Platz“, fasste Bittencourt 34 Spiele final zusammen.

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