Köln - Ein „falscher Pfiff“ und seine Folgen: Kölner Chancen gering

Ein „falscher Pfiff“ und seine Folgen: Kölner Chancen gering

Von: Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:
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„Hallo Video-Kollege, bitte kommen“: Schiedsrichter Patrick Ittrich lässt sich vom TV-Experten beraten.

Köln. Der Klub hat sich noch nicht entschieden, 48 Stunden hat der 1. FC Köln Zeit, um wie angekündigt Protest einzulegen nach dem 0:5-Debakel bei Borussia Dortmund. „Wir besprechen, welches weitere Vorgehen sinnvoll ist“, sagte Geschäftsführer Alexander Wehrle.

Was ist in Dortmund passiert?

Schiedsrichter Patrick Ittrich hat nach einem Eckball ein Foul gegen Kölns Torwart Timo Horn gepfiffen. Der eingeteilte Video-Schiedsrichter Felix Brych hat ihn korrigiert. Horn wurde nicht vom späteren Torschützen Sokratis, sondern vom eigenen Kollegen Dominique Heintz behindert. Der Pfiff von Ittrich war falsch, aber er war in der Luft. Die Schwäche im System: Brych hat nur den relevanten Zweikampf, aber nicht die komplette Szene bewertet. Aus dem Video- müsste dann auch noch ein Akustik-Schiedsrichter werden, um die Situation fehlerfrei einordnen zu können. Im Video-Raum gibt es keinen Ton. So wurde ein geahndetes Foulspiel in einen Treffer umgewandelt.

Was haben die Kölner noch moniert?

Sie haben lautstark formale Bedenken geäußert, der Video-Schiedsrichter hätte sich gar nicht einschalten dürfen, weil Ittrich die Szene abgepfiffen hatte, bevor Sokratis abstaubte. Ergo gehe es nicht um die Frage „Tor oder nicht Tor“ – und dementsprechend liege kein Fall für den Videobeweis vor. „Man muss sich ans Protokoll halten“, sagte FC- Manager Jörg Schmadtke.

Wie ist die Regel?

Der Pfiff des Schiedsrichter „friert“ quasi das Spiel ein. Im vorliegenden Fall hatte der Ball eindeutig nicht die Torlinie überschritten, als Ittrich in sein Pfeifchen blies. Nicht relevant ist, ob noch ein Spieler den „Treffer“ hätte verhindern können.

Dortmunds Geschäftsführer Watzke hat „schlechte Verlierer“ bei den Kölnern ausgemacht. Hat er recht?

„Schießt man im Spiel zwei Mal aufs Tor und der Gegner macht fünf Tore, dann hat man einfach zu Recht verloren und muss sich das klipp und klar eingestehen“, hat er festgelegt. Die gewohnt arrogante Einschätzung geht am Thema vorbei. Natürlich war es aus Kölner Sicht ein grausam einseitiges Spiel. Der Tabellenletzte musste sich vorkommen wie ein Boxer, der in der falschen Gewichtsklasse gelandet ist. Aber das ändert nichts an dem Regelverstoß der Schiedsrichter. Oder meint Watzke, man dürfe nur protestieren, wenn man sportlich auf Augenhöhe unterwegs war?

Liegt denn jetzt keine Tatsachenentscheidung vor?

Das ist die neu aufgetauchte Grundsatzfrage: Sind Entscheidungen, die „am Schreibtisch“ getroffen werden, unumstößlich? Oder müssen krasse Fehlentscheidungen korrigiert werden zum Beispiel durch die Neuansetzung des Spiels? Wird bei der Beurteilung der Situation das Urteil des Assistenten komplett ausgeblendet?

Wie sind die Kölner Chancen?

Eher gering. Bislang sind die Entscheidungen der Schiedsrichter in Stein gemeißelt. Nicht einmal die Partie zwischen 1899 Hoffenheim und Bayer Leverkusen wurde wiederholt, obwohl Stefan Kießling ein Phantomtor erzielt hatte. Die Fifa gibt bei Tatsachenentscheidungen keinen Ermessensspielraum. Schiedsrichter war damals übrigens Felix Brych, der sich umgehend für den Videobeweis ausgesprochen hatte. Entweder dürfte das DFB-Sportgericht im vorliegenden Fall auf den Schutz der Tatsachen-Entscheidung verweisen oder auf das Protokoll der Regelhüter des International Football Association Board. Dort heißt es: „Ein Spiel ist nicht ungültig aufgrund falscher Entscheidungen, die den Video-Assistenten betreffen, der ein Spieloffizieller ist.“ Der Video-Assistent ist vor dem Sportrecht zu behandeln wie ein Linienrichter, da die endgültige Entscheidung immer noch dem Schiedsrichter obliegt.

Welche Urteile sind möglich?

Grundsätzlich drei: Abweisung des Protestes, Wiederholungsspiel oder eine Wiederholung ab dem Moment der Entscheidung, also der 45. Minute, beim Stande von 1:0. 2015 bei der U 19-EM der Frauen wurden zwischen England und Norwegen nach einer Fehlentscheidung der Schiedsrichterin in der Nachspielzeit 18 Sekunden neu angesetzt.

Warum steht der Videobeweis schon am vierten Spieltag in der Kritik?

Die Zuschauer haben schnell den Eindruck bekommen, dass der wahre Spielleiter tief in den Katakomben des Cologne Broadcasting Centers in Deutz sitzt. Er ist als Assistent gestartet, aber zu einer Art Oberschiedsrichter geworden, der an den ersten Spieltagen erstaunlich oft eingegriffen hat. Die Idee war aber, dass er nur punktuell gefragt wird: bei Verwechslungen und der Frage „Tor oder nicht Tor“, Rote Karte, Elfmeter ja oder nein. Nach den ersten Wochen steht fest, dass sich die Diskussion verlagert hat. Nicht mehr über die anwesenden Schiedsrichter, sondern über die Entscheidungen der übereifrigen Schiedsrichter im Verborgenen wird diskutiert.

Wie geht es weiter?

Am Ende entscheiden immer noch Menschen, die irren, die aber auch eine unterschiedliche Regelinterpretation haben können. Beim folgenschweren Tritt von Schalkes Thilo Kehrer gegen Max Kruse hat sich kein TV-Schiedsrichter gemeldet. Und fatalerweise hat es auch für Wolfsburgs Torwart Koen Casteels keine Strafe gegeben, nachdem er Christian Gentner aus dem Weg gerammt hat. „Ich plädiere dafür, dass wir uns an das Protokoll halten. Und dass nicht jeder entscheidet, wie er gerade will“, hat Jörg Schmadtke kritisiert.

Gibt es auch Vorteile der Debatte?

Schmadtke und sein Trainer Peter Stöger gehören zu den Befürwortern der digitalen Überwachung. Der Videobeweis ist noch in der Testphase, jetzt tauchen erste Schwächen auf. „Hier wurde meines Erachtens eine falsche Entscheidung gefällt – deshalb finde ich, dass diese Sache einmal gründlich durchdiskutiert gehört“, sagt Peter Stöger. Nach 36 Spielen mit Video-Beweis ist schon der Zeitpunkt gekommen, die Regeln eindeutiger zu definieren. „Wir wollen wissen, wie sich die Rechtslage darstellt – vor allem auch im Hinblick auf den restlichen Saisonverlauf“, sagt Schmadtke.

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