Der Japaner und der „kölsche Jung“

Von: Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:
15330667.jpg
Unzertrennlich in Japan: Norikazu Murakami (l.) und Lukas Podolski in Kobe. Bei jedem Training, bei jedem Spiel, ob im Bus, im Hotel oder in der Kabine: Murakami ist das Sprachrohr des Kölners. Foto: imago/Aflosport

Aachen/Kobe. Am Wochenende hatte Norikazu Murakami wenig zu tun. Nach fünf sieglosen Spielen siegte Vissel Kobe noch einmal. Das 2:1 bei Gamba Osaka erleichterte dem Japaner die Arbeit. Die Sprache des Sieges und der Freude bedarf nicht so vieler Worte. Und zum Lachen braucht man keinen Übersetzer.

Denn das ist gerade die Aufgabe des 35-Jährigen, der zu Drittliga-Zeiten für Alemannia Aachen auflief. Murakami übersetzt die komplizierte Sprache und auch ein bisschen das ungewohnte Leben für Lukas Podolski, der die neue große Attraktion das japanischen Erstligisten in der J-League ist.

Vor ein paar Monaten, als sich der spektakuläre Transfer abzeichnete, ging Kobes Manager auf die Suche nach einem Fußballer mit guten Sprach- und Japankenntnissen. „Der jetzige Sportdirektor von Vissel Kobe hat mich in der Jugend trainiert“, erinnert sich Murakami, der bereits sechs Jahre in Deutschland lebt und die Sprache gut spricht. Der Japaner hat sich die komplizierte Sprache selbst beigebracht. Der studierte Jurist ist durchaus talentiert auf diesem Sektor, insgesamt beherrscht er sechs Sprachen.

„Chemie-Test“ verläuft positiv

Der Japaner war damals noch Spieler bei Hilal Maroc Bergheim in der Mittelrheinliga, als das unerwartete Angebot hereinflatterte. Sollte er in also seine Heimat gehen und einen Menschen, den er nur aus dem Fernsehen kennt, Tag und Nacht betreuen? Murakami spielte zwar mit Bergheim im Lukas-Podolski-Sportpark, aber die Männer kannten sich nicht. Er ließ sich auf das Abenteuer ein, vor der großen Tournee trafen sich der berühmte und der weniger berühmte Spieler nur einmal. Podolski hatte gerade sein Abschiedsspiel hinter sich, der erste „Chemie-Test“ in Dortmund verlief jedenfalls positiv.

Murakamis Frau und Kinder zogen nach Yokohama zurück, die zweisprachig aufgewachsene Tochter – geboren in Südafrika – wurde in Japan eingeschult. Mei ging in einen deutschen Kindergarten ebenso wie ihr Bruder Rihito, der in Düren geboren wurde. Erst im nächsten Schuljahr will die Familie wieder gemeinsam in Kobe leben.

Der Fußballer selbst gehörte zur Vorhut, um die Ankunft des Kölschen Heilsbringers vorzubereiten. Nebenbei konnte der Japaner zwei Wochen mit den Profis trainieren. Als „Prinz Poldi“ am 6. Juli in der Großstadt auf der Insel Honsh eintraf, warteten 500 Medienvertreter aus der ganzen Welt auf ihn. Norikazu Murakami gehörte natürlich zum Empfangskomitee. Offiziell wird er als persönlicher Assistent Poldis geführt, Dolmetscher haben nicht das größte Ansehen im Japan.

Seitdem ist er Podolskis Schattenmann. Bei jedem Training, bei jedem Spiel, ob im Bus, im Hotel oder in der Kabine: Murakami ist das Sprachrohr des Kölners. „Mein Leben hat sich um 180 Grad gedreht“, sagt Murakami am Telefon. Die eigene Karriere ist beendet. „Ich verbringe jetzt den ganzen Tag mit dem kölsche Jong“, sagt er lachend.

„Die ersten Wochen waren nicht einfach“, erinnert er sich. Erst in Japan lernten sich die Männer richtig kennen. Die japanische Saison endet am 2. Dezember, bis dahin werden sie sich nicht mehr aus den Augen verlieren. Die beiden haben sich schnell aneinander gewöhnt, die rheinische Frohnatur und sein japanischer Begleiter. „Lukas ist neugierig, will viel wissen und lernen“, sagt der. Die ersten japanischen Begrüßungsworte sind schon einstudiert.

Murakami hat einen 24-Stunden-Job übernommen, Freizeit ist eher rar. „Ich war darauf vorbereitet.“ Bis zum Jahresende will er versuchen, noch einmal nach Düren in seine deutsche Ersatzheimat zu kommen. Mit den Dürenern Harry und Ute Neumann ist er nicht nur befreundet, so dass es fast tägliche Kontakte gibt. Die drei haben eine eigene Firma, die japanische Spieler nach Deutschland holt. Murakami fällt als Vermittler gerade aus, als Angestellter von Kobe hat er andere Aufgaben.

In Zukunft ein Trainerjob

Neben der Sprache lernt Lukas Podolski gerade einen Sport kennen, der nur entfernt mit dem Fußball zu tun hat, den er in den letzten Jahren auf dem alten Kontinent ausübte. „Die Japaner spielen zwar laufintensiv, aber ohne großes Tempo. Der Körperkontakt ist nicht so ausgeprägt, viele Aktionen sind eher hektisch.“ Der neue Star der Mannschaft fühle sich dennoch wohl in der neuen Umgebung, auch wenn es sportlich nicht rund läuft, sagt sein Assistent. Seit ein paar Wochen hat Podolski auch seine Familie vor Ort, nachdem zunächst nur sein Vater Waldemar und sein Berater Nassim Touihri mit ins Land der aufgehenden Sonne gekommen waren.

Murakami ist vorerst für ein Jahr angestellt, Fortsetzung möglich. Die Pläne für die Zukunft sind klar. Er will als Trainer arbeiten und so lange „viel Spaß haben“ mit Podolski. Sechs Jahre Leben im Rheinland haben ihn geprägt. Er hat die Eigenarten und den kölschen Humor schätzen gelernt und angenommen. Vermutlich ist es für ihn deswegen einfacher, „Poldis Art“ den Zuhörern zu transportieren. Das wäre für einen „normalen Japaner“ unmöglich, sagt er.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert