Hannover/Bonn - Pharmakologe: Werths Erklärungen „sehr seltsam”

Pharmakologe: Werths Erklärungen „sehr seltsam”

Von: dpa
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Die deutsche Dressurreiterin Isabell Werth. Foto: dpa

Hannover/Bonn. Der Tierschutzbund ist „entsetzt”, und der Pharmakologe Manfred Kietzmann hält Isabell Werths Erklärungen zur positiven Doping-Probe bei ihrem Pferd Whisper für „sehr seltsam”. Der Professor der Tierärztlichen Hochschule Hannover sagte am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur dpa: „Das ist nicht ganz nachvollziehbar und nicht ganz glaubwürdig.”

Der Deutsche Tierschutzbund sieht den Pferdesport sogar auf „einer traurigen Doping-Augenhöhe mit der Tour de France”. Bei dem Pferd der erfolgreichsten Dressurreiterin der Welt war Fluphenazin gefunden worden, das für Pferde nicht zugelassen ist und auf der Dopingliste des Weltverbandes FEI steht.

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) sieht sich durch die positive Probe bei Werths Pferd in ihrem Kampf gegen Doping bestätigt. „Das System greift”, sagte FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach. „Ohne die zusätzlichen Proben hätte es diesen Fall nicht gegeben”, erklärte er. Der Verband hatte in Absprache mit Turnierveranstaltern die Zahl der Kontrollen nach dem Dopingfall des Springreiters Christian Ahlmann bei den Olympischen Spielen erhöht. Lauterbach hofft, „dass das abschreckend wirkt”.

Werth hatte erklärt, dass ihr Schweizer Tierarzt Hans Stihl das Pferd wegen der sogenannten Zitterkrankheit mit dem Medikament Modecate behandelt habe, das den Wirkstoff Fluphenazin enthalte. „Auf meine Frage nach der Absetzdauer sagte mir Dr. Stihl, dass nach seiner bisherigen Erfahrung sechs Tage reichen, dass man aber nie ganz sicher sein könne”, hatte Werth erklärt. „Deshalb haben wir uns aus Sicherheitsüberlegungen dazu entschlossen, Whisper erstmals wieder am 30. Mai 2009 am Turnier in Wiesbaden einzusetzen.”

Der Pharmakologe Kietzmann sagte, dass es sich um ein Präparat mit sogenanntem Depot-Effekt handele. Die Wirkung halte dadurch länger an. Für Menschen werde eine Wirkung von bis zu sechs Wochen angenommen. Es gebe aber auch Hinweise, dass es bis zu 90 Tage wirke. Der Arzneimittel-Spezialist verwies zudem auf ältere Literatur, wonach das Mittel nur wenige Tage nachweisbar sei.

Tierschutz-Präsident Wolfgang Apel sagte: „Doping ist nicht nur Betrug an Konkurrenten und am Publikum, sondern ein eklatanter, tierschutzrelevanter Missbrauch der Pferde.” Für ihn sei durch die jüngsten Vorfälle klar, dass der Medaillenehrgeiz für die Spitzensportler „offenbar wichtiger als das Tierwohl” sei.

Werth hatte erklärt, dass sie die Entscheidung zum Einsatz des Medikaments „nach bestem Wissen und Gewissen getroffen” habe. „Ich bedaure den Vorfall zutiefst, war aber der Überzeugung, korrekt gehandelt zu haben.” Der Schweizer Stihl ist in der deutschen Pferdesport-Szene bekannt. Er hatte unter anderem das Pferd Rusty von Ulla Salzgeber behandelt, die 2003 wegen Dopings ihren Weltcup-Sieg aberkannt bekam und für zwei Monate gesperrt worden war.

Stihl habe bei Rusty ohne ihr Wissen das Präparat Testosteron-Proprionat wegen einer Hauterkrankung eingesetzt, hatte die Reiterin damals erklärt. Stihl hatte auch Toni Haßmanns Classic H behandelt, bei dem im Februar 2005 in Bordeaux die im Wettkampf verbotenen Substanzen Betamethason und Methylprednisolon gefunden wurden.

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