„Ohne meine Jungens wäre ich hier gar nichts!”

Von: Bernd Mathieu
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Der Richter und sein Hindernis
Der Richter und sein Hindernis: Dieter Herff ist mit Leib und Seele dabei. Die „Pferdeschwänze” feiern 50-jähriges Bestehen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Er hat gute Laune. Und er sagt: „Welche Ehre.” Weil er heute in dieser Zeitung auf dieser Seite eine Rolle spielt. Eine längst überfällige und sehr wesentliche. Noch denkt er nicht an die Fehler, die ihm in dieser Woche begegnen werden. Fehler, die über Platzierungen entscheiden. Über Preise. Über Geld. Über Erfolg. Und auch über Ehre. Unverzeihlich, ihn erst jetzt kennenzulernen.

Seit 35 Jahren steht er Jahr für Jahr im schönsten Parcours der Welt und schaut mit seinen Kollegen genau nach. Er ist eine Art Hindernis-Detektiv und Fehlern auf der Spur. Nicht mit der Lupe, aber mit genauem Auge. Und einem Gespür, das man nicht so einfach beschreiben kann. Das funktioniert schon lange so. Seit 50 Jahren.

Heute feiern sie ein echtes, ein goldenes Jubiläum, die „Pferdeschwänze”. So nennt sich die Gemeinschaft der Starter-, Ziel- und Hindernisrichter beim CHIO. Und Dieter Herff ist der Chef. Nein, ein, wie er es selber nennt, „primus inter pares”. Ein Vorsitzender mit gleichberechtigten Freunden. Dem 62-jährigen Inhaber einer großen Hausverwaltung nimmt man ab, dass er es ehrlich meint, wenn er von „Gemeinsinn” spricht.

Wenn er sagt, „ohne meine Kameraden”, seine Freunde, ohne „seine Jungens” wäre er gar nichts. „Das ist eine Gemeinschaft, einer ist für den anderen da.” Am Hindernis. Zwischen den Hindernissen. Im Leben vor und nach den Hindernissen. Am Montagabend haben sie gegrillt, die 27 aktiven Herren dieser verschworenen Gemeinschaft, von denen die meisten auf ihren Urlaub verzichten. Gut so; denn ohne sie würde kein Pferd über den Parcours gehen können.

Ein Traumjob

Für das Jubiläum, Gästeabend heute, offizieller Empfang am Donnerstag, hat Dieter Herff eine Rede vorbereitet. Eine launige Rede. Eine gute launige Rede. Eine Gute-Laune-Rede. Typisch Dieter Herff! Der Mann ist Lebensfreude pur, wenn er über seinen Traumjob beim Aachener Reitturnier spricht.

Wir stehen am Wassergraben, und er erzählt. Und erzählt. Und sagt zwischendurch immer wieder mal: „Nun schreiben Sie das nicht alles.” Das ist ein phänomenaler Vortrag eines Mannes, der seit 35 Jahren akribisch Fehler für Fehler registriert. Registrieren muss.

Wie tief ist der Wassergraben? „30, 40 Zentimeter.” Und das reicht, um ein Pferd zu verwirren? „Mein lieber Mann, so ein Pferd sieht das ja ganz anders als Sie.” Wird wohl sein. Und woher wollen Sie das wissen? „Ich bin Jahre lang Pferd gewesen.” Da lacht er. „Nee, nee: Ich bin früher auch geritten, das reicht. Daher weiß man das.”

Dieter Herff weiß viel. Der gute Mann beantwortet die blödesten Fragen, von denen der Journalist eine lange Liste mitgebracht hat. Der erfahrene Hindernisrichter behält Nerven und Contenance. Wie kommt das Wasser in den Graben, genau abgemessen, nach Litern? „Mit dem Schlauch und nach Gefühl.” Ist doch klar.

So lange er sich erinnern kann, hat es schon immer Wassergräben hier gegeben. Und einmal vor Jahren, das amüsiert ihn noch heute, sind doch tatsächlich zwei Richter, die es sich am Wassergraben auf einer weißen Bank gemütlich gemacht hatten, in dem Moment umgefallen, als ein Pferd gerade den Graben übersprang. Kurz vor dem Wasser landeten sie, aber Brille und Ausweis lagen im Graben. Schöne Geschichten. Wahre vor allem.

Einer der Mitgründer der „Pferdeschwänze”, „der alte Herr Goßen”, den habe man „Mister Wassergraben” genannt, weil der partout immer am Wasser stehen wollte. Das ist Dieter Herffs Sache nicht. „Das wäre doch langweilig, ich finde die dreifache Kombination viel spannender.” Bitte. „Ich stehe kaum am Wassergraben.”

Wie wird der Mensch zum Hindernisrichter? Ganz einfach, wenn man dem Chef glaubt, und das tun wir: „Das sind Pferdefreunde. Bei uns sind Züchter, Parcoursbauer, Reiter.” Und dann sagt er den wichtigsten Satz des Ehrenamtlers: „Sie tun das aus Spaß an der Freude.” Nein: Nicht das Hindernis ist ihr Bezugsrahmen, nicht die Freude am Abwurf oder Fehltritt, sondern das Pferd, die Reiterin, der Reiter - sie sind langjährige Weggefährten der „Pferdeschwänze”. Kollegen, Sportfreunde. Man kennt sich. Man schätzt sich. Und die Profis wissen: Auf die Augenblicksleistung der Hindernisrichter kommt es an. Sie müssen diesen Blick fürs Wesentliche haben.

Bei Dieter Herff spürt man in jeder Faser seiner Erzählungen diese Liebe zu diesem Sport, zu diesem CHIO, zu Aachen, das er gegen nichts eintauschen würde. Bei ihm hört man kein Jammern, kein Meckern. Ein rundherum Garnichts-Negativ-Gefühl. Er schwärmt vom Schönen, vom Positiven, vom Erlebnis dieser einen Woche, von der Gemeinschaft, die jetzt Jubiläum feiert. Und man kapiert: Das ist etwas ganz Anderes als die Oberflächlichkeit moderner Facebook-„Freundschaften”.

Wie steht der Richter zum Wassergraben? Mit dem Rücken zum Pferd? Blöde Frage, gewiss. Antwort: „Nein.” War klar. „Wir stehen natürlich an der Seite des Wassergrabens und haben vor allen Dingen die Landung und die weiße Leiste im Blick.”

Ob er wohl sieht, ob ein Pferd Angst hat, wenn es auf den Graben zureitet? „Das merkt man, ja. Das sehen Sie an den Augen.” Wie? Das ist doch Reiter-Latein. „Ist es nicht, das sieht man an den Augen, am Blick. Das ist doch genau wie beim Menschen auch. Wenn wir Angst haben, schauen wir anders.” Man braucht keine wegweisende Technologie, Psychologie oder Philosophie, um dem Pferd auf die Schliche zu kommen. Ein Blick genügt. Von Auge zu Auge. Von Mensch zu Tier.

Ob das Pferd einen Fehler machen wird, erkennen Dieter Herff und Kollegen jedoch am Anritt. „Das ist im Grunde genommen immer ein Reiterfehler.” Es beginnt zu regnen. „Bleiben Sie doch hier, das sind wir gewohnt, ich bitte Sie, in Aachen!” Also Interview im Regen. Ich bitte Sie, noch ein paar Fragen, lieber Herr Herff.

Weltweit einzigartig

Also der Reiter ist schuld? „Wenn das Pferd zu seinem Reiter kein grenzenloses Vertrauen hat, bringt das nichts.” Freuen Sie sich, wenn ein Pferd in den Wassergraben tapst oder eine Stange abwirft, so ein bisschen wenigstens, so eine kleine Abwechslung, mal ehrlich? „Neiiiiin, um Gottes Willen, man freut sich nie über einen Fehler.” Sollen wir unter die Tribüne, es regnet stärker? „Es regnet doch nicht, die paar Tröpfchen.” Mittlerweile entwickelt sich der Regen zu einem beginnenden Öcher Plästern. Wir bleiben stark.

Seit 35 Jahren kennt er dieses Wetter. Seit zwölf Jahren ist er der Vorsitzende dieser weltweit einzigartigen Gemeinschaft. Nirgendwo sonst gibt es ehrenamtliche Hindernisrichter. Sein Vater war eines der elf Gründungsmitglieder der „Pferdeschwänze”. In der Turnierwoche darf ihn niemand stören, „auch meine Frau nicht”. Sie sagt dann später allenfalls: „Halt dich gerade!”

Nach dem Reiter ist er am nächsten dran - am Pferd. „Das ist doch das Schöne.” Wer an welchem Hindernis steht, wird eine halbe Stunde vor dem Springen eingeteilt. Jeder kann sich wünschen, wohin er möchte. Viele Reiterinnen und Reiter kennt Dieter Herff persönlich. „Leute kennenlernen, was für den ALRV, für die Stadt Aachen tun, das ist unsere Aufgabe, nicht nur hier herumzustehen, das ist eher schon nebensächlich.” Das umfasst auch ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu den Parcoursbauern.

Von morgens bis abends im Einsatz. Das ist Dieter Herffs Woche. Vor jedem Springen bekommen die Hindernisrichter die Zeichnung des jeweiligen Parcours, um sich mit dem Mikrokosmos der Hindernisse vertraut zu machen. „Derjenige, der einteilt, geht den Parcours ab, um festzulegen, wie viele Leute er braucht.” 27 Aktive stehen zur Verfügung von den 29 Mitgliedern des Vereins. Welche Qualifikation muss man haben? „Im Grunde genommen gar keine.”

Herr Herff, das kann nicht stimmen. „Okay, man muss eine enge Verbindung zum Pferd haben, man muss wissen, welche Hindernisse es gibt und welche Fehler gemacht werden können.” Ist ihm schon ein Fehler passiert? „Ja.” Und dann? „Kriegen Sie eins vom Reiter aufs Dach und müssen zum Richterturm.” Kam bei ihm so gut wie nie vor. Viel hat er erlebt. Etwa einen Kollegen, „einen Baum von einem Menschen, der hinter der großen Mauer komplett umgeritten wurde”. Nicht viel passiert. Aber es gab einen Einspruch.

Unterdessen regnet es weiter. „Einen Regenschirm dürfen Sie im Parcours nicht aufmachen, das irritiert die Pferde.” Ja dann. Eine gute Woche, lieber Herr Herff!

Wenn ein Springen beendet ist und das nächste ansteht, geht es im Parcours zur Sache. Hindernisse werden ab-, andere aufgebaut. Grund genug für unser Videoteam (Martina Rippholz vor und Stephan Kreutz hinter der Kamera), genau hinzuschauen. Die Videoserie „Martina fragt nach” läuft beim CHIO täglich in unserem Angebot.

Am Wassergraben wird es besonders kritisch

Unter dem Namen „Pferdeschwänze” gründete sich am 10. Juli 1961 die Gemeinschaft der Starter-, Ziel- und Hindernisrichter des CHIO Aachen. Von den elf Gründungsmitgliedern leben noch zwei.

Seit dem Gründungstag trifft man sich an jedem zweiten Dienstag eines Monats. Das jüngste Mitglied ist 27 Jahre jung, der älteste Freund befindet sich im 85. Lebensjahr.

Die Hindernisrichter müssen nach genauer reit- und turniersportlicher Regelkenntnis die Springfehler eines Pferdes anzeigen. Besonders kritisch kann das am Wassergraben sein.

Vorsitzender Dieter Herff: „Wind und Wetter, praller Sonnenschein und Hitze machen uns nichts aus. Dem Idealisten ist seine Sache heilig.” Heute Abend wird der 50. Geburtstag gefeiert.
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