„Mister Ungeduld” zwischen Rübenfeld und CHIO

Von: Manfred Kutsch
Letzte Aktualisierung:
Carl Meulenbergh
Geboren am 14. September 1943 in Merkstein, ist Carl Meulenbergh seit 41 Jahren mit der pensionierten Grundschullehrerin Hildegard Meulenbergh verheiratet. Das Ehepaar hat eine Tochter (40) und einen Sohn (37) sowie fünf Enkelkinder zwischen zwei und neun Jahren. Foto: Michael Jaspers

Herzogenrath. Sein Zuhause, das ist Hofstadt, nördlichster Ortsteil von Herzogenrath, ganz in der Nähe von Plitschard und Nievelstein, kurz vor Übach-Palenberg. 320 Einwohner. Eine Kirche, ein Friedhof, „aber leider keine Geschäfte mehr”, sagt Carl Meulenbergh. Für Momente wird seine Stimme von Traktorlärm verschluckt, über uns kreisen Krähen.

Im Hintergrund wiehert „Sam” aus den Stallungen, der Wallach gehört zu seiner kleinen Nachzucht. Das Auge fällt vom heimischen Hof, anno 1624 erstmals erwähnt, auf Rüben-, Weizen- und Kartoffelfelder, am Horizont sind noch ein paar Windkrafträder zu sehen. Dahinter scheint die Welt zu Ende zu sein.

Es ist dieselbe Welt, die via TV in 140 Länder übertragen wird und ab 8. Juli beim CHIO Aachen 2011 auf seine persönliche Premiere blickt: Carl Meulenbergh wird dann, in Nachfolge von Klaus Pavel, erstmals als Präsident beziehungsweise Chef des Aufsichtsrates des Aachen-Laurensberger Rennvereins (ALRV), für das größte und beste Freilandturnier rund um den Globus verantwortlich zeichnen.

Das mit 360.000 Zuschauern gefüllte Volksfest, das 10,3 Millionen Euro teure Top-Event, das von Königen und Präsidenten, Indus­triefürsten, Show-Stars und Geltungsbedürftigen heimgesuchte Medienspektakel.

Tief verwurzelt

Der neue Mann an der Spitze, 67 Jahre alt, hat den rapiden Wachstum des CHIO in jeder Phase erlebt, seit 1946 ohne Unterbrechung, seit 2008 als stellvertretender Präsident, zuvor als Landrat, aber auch schon als Student der Agrarwissenschaften. Und erst recht als Kind, das mit seinem an Springprüfungen teilnehmenden Vater mit fieberte. Mehr Verwurzelung geht nicht. In der Soers. Und in Hofstadt.

Dort hat Meulenbergh in der Diele vor dem Bild seines Stammbaumes für einen kurzen Moment den Überblick verloren. „Hildegard, komm mal bitte”, ruft er nach seiner Ehefrau, „in der wievielten Generation sind wir jetzt hier?” Das Paar zählt die Äste durch und kommt zum Ergebnis, dass seine Enkel die siebte Generation bilden, die seit 1870 hier aufwächst.

Wichtig war auch die zweite, sein Ur-Urgroßvater, der Ökonomierat Carl Meulenbergh, der die rheinische Kaltblutzucht gründete und nach dem die Straße benannt ist, in der seine Nachfahren leben - deren Stammhalter im Übrigen quer durch die fast anderthalb Jahrhunderte allesamt Carl heißen. Mit „C”, wohlgemerkt.

„Ich weiß auch nicht, warum”, zuckt der aktuelle Carl mit den Schultern und kann darauf verweisen, dass er selber in der Namensgebung flexibler war: Sein Sohn erfreut sich des Doppelnamens Carl-Stefan, sein vierjähriger Enkel heißt Carl-Linus.

Aspekte im Leben des neuen ALRV-Präsidenten, die den Heerscharen beim CHIO verborgen bleiben, gleichwohl aber den Eindruck von diesem Mann formen: Carl Meulenbergh steht für knietiefe Bodenständigkeit, am wichtigsten sind ihm „Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit”.

Doch wer in ihm nur den gutmenschlichen Dynastie-Spross sieht, der in Hofstadt jeden Sonntag zur Messe geht und dabei die St.-Benno-Schützen trifft, deren stellvertretender Vorsitzender er einmal war, der irrt gewaltig.

Er selber spricht oft von seiner „Ungeduld”. Dahinter verbirgt sich der wahre Meulenbergh, ein mentales Kraftpaket - durch- und umsetzungsfähig, detailverliebt, penibel pünktlich und vor allem: keinen Aufschub duldend.

Bei dem Stichwort durchzuckt es Hildegard Meulenbergh, die wir zum gemeinsamen Foto fast zwingen müssen, weil sie „so etwas ja gar nicht mag”. Dann grantelt die pensionierte Grundschullehrerin kopfschüttelnd: „Am liebsten soll­te bei ihm alles schon vorgestern passiert sein.”

Der Gatte fixiert sie mit festem Blick und unternimmt tatsächlich den Versuch einer Verteidigung: „Also, so schlimm kann es auch nicht sein, immerhin sind wir ja seit 1970 verheiratet.”

Wer 38 Jahre in der Politik war und das unbeschadet überstanden hat, „weil ich immer wirtschaftlich unabhängig war und mir treu bleiben konnte”; wer als Landrat Chef von eintausend Mitarbeitern und von denen sehr anerkannt war, weil er sich „mit diesen Menschen gut gefühlt hat” und dabei „Partnerschaft” gespürt habe; wer von sich als Vater sagt, er habe in der Erziehung seiner Kinder „zu 95 Prozent diskutiert und zu fünf Prozent entschieden”; wer das in sich bündelt, Zuwendung, aber klare Kante, Kunst des Zuhörens, aber wohldosierte Replik - der ist eine Führungspersönlichkeit, die den Vergleich zum Vorgänger Klaus Pavel nicht scheuen muss.

Weil die zwei so unterschiedlich sind? „Das sehe ich gar nicht so”, winkt Meulenbergh ab. „Wir beide denken unternehmerisch, für uns ist der ALRV gleichermaßen Herzensangelegenheit.” Zweifelsfrei Gemeinsamkeiten.

Und die mutmaßlichen Gegensätze, die immer wieder transportiert werden? Konsul Pavel, Ex-Landrat Meulenbergh? Global Player, Kommunalpolitiker? Hemdsärmelig-spontan, smart-bedacht? Die meisten Klischees greifen zu kurz. Auch deshalb, weil der Mensch aus Hofstadt längst die Welt erkundet hat, was man jenseits der Rübenfelder vor den Windrädern kaum registrierte.

Im US-amerikanischen Indiana gehört ihm ein landwirtschaftlicher Betrieb, den er vielfach heimsucht. Unter anderem China, Japan, Indien, Russland und Afrika erkundete er in intensiven Reisen - mit immer wieder neuen Erkenntnissen, „wie gut es uns geht”.

Zu einem seiner letzten Reiterlebnisse kam es 2001, als er zehn Tage hoch zu Ross durch Kanada ritt. Eine Disziplin, die er zugunsten seines passionierten Jagens (mit Jagd am Nürburgring) und des Golfens inzwischen aufgab. Merke: Der Herr Präsident lässt nur noch reiten - seine sechsjährige Enkelin Katharina, jetzt auch Olympiasieger und Weltmeister.

Brennnessel-Thema Städteregion

Das Gespräch mit Carl Meulenbergh verläuft in guter Stimmung. So erscheint es an der Zeit, ein Brennnessel-Thema anzufassen und nach der Entwicklung der Städteregion zu fragen, zu deren Vätern er gehört. Spontan verschränkt der Ex-Landrat schützend die Arme vor der Brust. „Darf ich die Aussage verweigern?” Nein. „Der Weg war und ist richtig.” Und? „Man muss sich halt mehr einleben.” Ende.

Derartige Wortkargheit löst sich von selbst auf, wenn der Gesprächsfaden wieder in die Soers führt. Stellt sich die Frage, wie die professionellen Hochkaräter des ALRV, allen voran Vorstandschef Frank Kemperman und Vermarkter Michael Mronz, mit seiner „Ungeduld” umgehen?

Zur Aufgabe des Aufsichtsratsvorsitzenden gehört es zu kontrollieren, ohne im operativen Geschäft dazwischenzufunken. Ein Drahtseilakt, bei dem Profil seiner Persönlichkeit? Meulenbergh setzt jetzt seine Politikermiene auf, mit der er ans Eingemachte gehende Fragen weglächelt: „Ach wissen Sie, die beiden und alle unsere Mitarbeiter muss niemand zum Arbeiten antreiben. Sie leisten Hervorragendes. Und ich lege großen Wert auf ein intaktes Umfeld.”

Aber: „Wir tauschen uns natürlich über die operativen Entwicklungen aus, um die muss ich wissen, das gehört zu meinem originären Geschäft.”

Auch als 67-Jähriger trägt er die neue Innovationsoffensive des ALRV in die Neuen Medien mit. Hunderttausende Euro werden langfristig investiert.

Digitalisierung des CHIO, „iPhone” am Bierstand mit zeitgleicher Übertragung des Reitgeschehens an allen Plätzen, Online-Kartenbestellung mit Hinterlegung des Facebook-Profils in der CHIO-Community. Und das unter einem Präsidenten, der die Erfolge von Hans-Günther Winkler in der Pubertät erlebte und damals bestenfalls ein Kofferradio besaß.

Meulenbergh ist mit dem Thema schnell durch: „Diese mediale Entwicklung ist die Zukunft. Und die Generation, die da reinwächst, hat einen Anspruch darauf. Und da wollen wir als Veranstalter in der Champions League des Sports die Vorreiter sein.”

Und sonst? Wie sind seine Pläne in der Aachener Soers? Die Bewerbung zur Europameisterschaft 2015 in fünf Disziplinen? „Ich bin da optimistisch. Schließlich haben wir bei der WM 2006 schon gezeigt, was wir können.”

Schließung der Lücke im Deutsche-­Bank-Dressurstadion durch eine neue Tribüne? „Wenn wir die EM kriegen, machen wir das in drei Jahren.”

Expansion des CHIO-Geländes? „Wir wollen niemanden verdrängen, aber wenn Platz frei wird, dann sind wir natürlich interessiert.” Gemeint ist die unsichere Zukunft der Eissporthalle und des Polizeipräsidiums, aber auch der benachbarte Sportplatz.

Draußen im Hof von Hofstadt trappeln wieder Hufe, die eines der 25 Pensionspferde. Seinen respektabel großen landwirtschaftlichen Betrieb hat Schwiegertochter Marie-Therese übernommen, deren Mann, Meulenbergh-Sohn Carl-Stefan (37), als Steuerberater in Jülich arbeitet.

Ihre drei kleine Kinder tollen draußen herum, während die beiden anderen Enkel in Güsten groß werden, wo Tochter Ina mit dem Landwirt Karl-Heinz (mit „K”) Albersmeier lebt.

Wir stehen vor der Scheune, die Anfang des 18. Jahrhunderts erbaut wurde, und Carl Meulenbergh kann auch auf eigenem Grund und Boden den Aufsichtsratsvorsitzenden nicht verbergen. Nach der langen Trockenheit kontrolliert er den Regen.

„Zuletzt gab es 23 Millimeter Niederschlag. Und zwar zumeist fünf Millimeter täglich. Geradezu ideal.” Da sprach der Landwirt. Und nicht der Präsident des ALRV, dessen gefürchteter CHIO-Regen legendär ist.

Carl Meulenbergh: Vom Landwirt zum Landrat

Geboren am 14. September 1943in Merkstein, ist Carl Meulenbergh seit 41 Jahren mit der pensionierten Grundschullehrerin Hildegard Meulenbergh verheiratet. Das Ehepaar hat eine Tochter (40) und einen Sohn (37) sowie fünf Enkelkinder zwischen zwei und neun Jahren.

Der gelernte Diplom-Agraringenieur war auf seinem Hof bei Übach-Palenberg selbstständiger Landwirt, bevor er von 1990 bis 1997 Mitglied des Landtages, von 1994 bis 1997 ehrenamtlicher und anschließend bis 2009 hauptamtlicher Landrat wurde. Der CDU gehört Meulenbergh seit 1971 an, er war in zahlreichen Parteigremien tätig.

Heute betreibt der weitgereiste ALRV-Präsident eine kleine Pferdezucht, das aktive Reiten hat er insbesondere zugunsten der Jagd und des Golfens aufgegeben. Der heimische Hof wird von Schwiegertochter Marie-Therese Meulenbergh geführt.
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