Aachen - Meyer gewinnt überraschend den Großen Preis

Meyer gewinnt überraschend den Großen Preis

Von: Christoph Pauli, Wilhelm Peters und Robert Flader
Letzte Aktualisierung:
meyer chio2011
Deutscher Überraschungssieg: Janne-Friederike Meyer hat völlig überraschend den Großen Preis von Aachen gewonnen. Foto: dapd

Aachen. Hätte man doch die vielen Gerüchte, die an diesem Sonntag durch die Aachener Soers waberten, mit einem Köcher einfangen können wie Schmetterlinge. Eine prächtige Sammlung wäre da zusammengekommen. Rolf-Göran Bengtsson, Pius Schwizer, Jeroen Dubbeldam, Ludger Beerbaum, McLain Ward, Luciana Diniz, Beezie Madden oder doch...?

Sie alle wurden gehandelt als sichere Siegertipps für den Großen Preis von Aachen. Und weil das Publikum zertifiziert fachkundig ist, waren ausreichend fachkundige Begründungen unterwegs, wer sich warum den lukrativsten Preis der Stadt (Gesamtdotierung: 350.000 Euro) sichert.

Und dann erlebten 45.000 Reitsportfans keine Sensation, aber eine „hübsche” Überraschung. Die Siegerin heißt Janne-Friederike Meyer. Nicht einmal ein Stechen war notwendig, der diesjährige CHIO endete überpünktlich. Die quirlige 30-Jährige war nach dem Triumph vorübergehend sprachlos, als sie auf dem Abreiteplatz wieder Worte fand, klang das so: „Vor diesem Publikum in Aachen zu gewinnen, ist der geilste Tag in meinem Leben.” Nebenbei war es auch der erste deutsche Triumph seit 2006 (Marcus Ehning). „Ich muss diesen Schock erst einmal überwinden”, sagte sie, als sie längst ihr Gesicht auf Dauergrinsen eingestellt hatte.

An Gratulanten herrschte kein Mangel, das gewichtigste Lob kam von Bundestrainer Otto Becker: „Es war gewaltig, wie sie das hier geritten ist. Sie bekommt allen Respekt von mir.”

Frank Rothenberger hatte einen sehr kraftraubenden, 550 Meter langen Parcours mit einem Dutzend Hindernissen im ersten Durchgang kreiert. Augenzwinkernd hatte er das Thema der Woche integriert: das Wasser. Der Wassergraben hatte die Rekordbreite von 4,40 Meter, aber noch kniffliger war eine neue Kombination in einem Aachener Finale: Zwei ungeliebte überbaute Wassergräben warteten auf die 40 Paare.

Für Christian Ahlmann war das Turnier an dieser Stelle beendet, sein Taloubet verweigerte hier den Gehorsam. Und auch für den belgischen Weltmeister Philippe le Jeune fielen alle Ambitionen frühzeitig ins Wasser. Völlig unverdächtig war die dreifache Kombination am Ende: Nur Ludger Beerbaum leistete sich hier einen Flüchtigkeitsfehler und wurde nach einem makellosen zweiten Durchgang am Ende Fünfter.

Starke Debütanten

Das „beste Publikum der Welt” sah aber auch ausreichend Erfolgsgeschichten: Zehn Paare beendeten den ersten Akt mit weißer Weste. Mit dabei: zwei deutsche Debütanten. Andreas Kreuzer mit Chacco-Blue leistete sich im zweiten Durchgang nur einen Abwurf, die Premiere endete mit einem starken dritten Platz. Kollege Hans-Dieter Dreher und sein Magnus Romeo hatten etwas viel Kraft gelassen in der Turnierwoche, in der sie dreimal erfolgreich waren. Dreher wurde nach zwei Abwürfen noch Zwölfter.

Zwei Reiter standen auf eigenen Wunsch nicht mehr auf der Starterliste, weil sie ihre Pferde den Strapazen nicht aussetzen wollten. Meredith Michaels-Beerbaum verabschiedete lieber ihren Shutterfly, und auch der Titelverteidiger Eric Lamaze ließ seinen Hickstead im Stall. „Er hat sich am Samstag müde angefühlt”, begründete der Kanadier, der am Wochenende aus Calgary eingeflogen kam, seinen Verzicht.

So schnell wie ein Reifenwechsel in der Formel 1, so schnell funktioniert auch ein Hindernisaufbau in der Soers: Als der Wind den höchsten Steilsprung (1,65 Meter) umriss, reparierten die Helfer in 8,4 Sekunden den Schaden, gerade rechtzeitig, bevor der herangaloppierende David Will die Hürde problemlos meisterte.

Es spitzte sich zu, der Spannungsregler wurde hochgezogen im Stadion; zweiter Durchgang. Und nicht der überbaute Wassergraben, nicht die klassisch aufgebaute dreifache Kombination waren die Klippen. Viele Paare stießen schon beim ersten Steilsprung die Türe zum Tresor zu. Die ersten acht bis dahin fehlerfreien Paare schafften die Reifeprüfung nicht mehr, es drohte das größte Stechen der Turniergeschichte - bis Janne-Friederike Meyer heranflog. Die Hamburgerin und ihr Lambrasco hatten ihre spektakuläre Form schon im Nationenpreis angedeutet, und jetzt trug der nur 1,60 Meter große Wallach seine Reiterin über die Hindernisse - kampfeslustig, sprunggewaltig und völlig konzentriert.

Um 17.45 Uhr erlebte das Stadion seinen lautesten Moment in diesem Jahr, das erste Paar war fehlerfrei im Ziel. Meyer jubelte freihändig in den blauen Abendhimmel. Im Winter hatte sie den Holsteiner weitgehend geschont. Und nun rollen sie die Weltrangliste von hinten auf. „Es gibt nur wenige Pferde auf der Welt, die so für ihren Reiter kämpfen”, sagte die Siegerin später.

Der Sieg einer Amazone stand fest, nur noch die für Portugal startende Luciana Diniz hätte ein Stechen ermöglichen können. Die Hoffnung starb am letzten Sprung, an der letzten Stange. Diniz fiel zurück auf Rang 4, hinter Andreas Kreuzer und Kevin Staut.

Bis Janne-Friederike Meyer am Samstagabend den „Kampf der Geschlechter” für sich entschieden hatte, waren in acht Prüfungen karge 480 Euro eingesprungen worden. Jetzt kam noch ein hübsches Sonntagsgeld von 110.000 Euro dazu.
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