Ludger Beerbaum: „So kann es nicht weitergehen”

Von: Helga Raue
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Brachte mit seinen Äußerungen eine Lawine ins Rollen: Ludger Beerbaum. Foto: Karl-Heinz Frieler

Aachen. „Ich bin morgens Brötchen holen gefahren. Und weil ich wusste, dass etwas über den Reitsport beim Hamburger Derby drin stehen würde, habe ich die ,FAZ´ gekauft”, erinnert sich Otto Becker an jenen Mai-Sonntag. Und schiebt hinterher: „Die Brötchen schmeckten mir dann erst später wieder.” Grund für die Appetitlosigkeit des Bundestrainers der deutschen Springreiter war ein Interview mit Ludger Beerbaum, in dem dieser sich zum Thema Medikation und Doping geäußert hat.

„Ich habe mich darin eingerichtet, auszuschöpfen, was geht”, wurde der vierfache Olympiasieger zitiert. „In der Vergangenheit hatte ich die Haltung, erlaubt ist, was nicht gefunden wird. Das ist heute nicht mehr aufrechtzuerhalten.” Die Aussage schlug hohe Wellen, denn sie wurde gleichgesetzt mit einem Doping-Geständnis.

Folgen waren die Auflösung der Kader in den Disziplinen Springen, Dressur und Vielseitigkeit, die Einberufung einer Kommission, die ab Mitte Juli die Reiter zu diesem Thema befragen wird und die Suspendierung Beerbaums, der bis zur Anhörung zwar national und international reiten darf, aber derzeit nicht in eine Equipe berufen wird.

„Ich habe absolut null und noch nicht mal in meinen kühnsten Träumen damit gerechnet, dass ich mit meinen Äußerungen so eine Lawine lostrete”, sagt Ludger Beerbaum, der von den Reaktionen und Interpretationen überrascht wurde. „Ich habe all dass genauso so gesagt, habe aber meine Aussagen in den Kontext zu Medikation gesetzt. Ich wollte damit auf keinen Fall sagen, dass ich gedopt habe”, stellt der 44-Jährige klar.

Schon lange hatte er sich immer mehr geärgert, wie das Thema Doping behandelt wird. „Konkret ärgert es mich zunehmend, seit das Sportgericht CAS auf Antrag der deutschen FN Christian Ahlmanns Urteil von Medikation in Doping geändert hat”, erläutert Beerbaum. „Dann kam die Geschichte mit Cornet Obolensky und Marco Kutschers ehrlicher Aussage, dass das Pferd in Hongkong behandelt worden sei.”

Danach überschlugen sich die Diskussionen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Rede von DOKR-Geschäftsführer Reinhard Wendt beim FN-Jahrestag in Nürnberg, der sich von dem „Flächenbrand” in Sachen unerlaubte Medikation und Doping überrascht zeigte.

„Über die Rede habe ich mich wirklich geärgert. Wir Reiter werden beinahe kriminalisiert”, sagt Beerbaum. Denn: „Die breite Öffentlichkeit kann doch nicht zwischen Medikation und Doping unterscheiden. Und wirft die Probleme im Reitsport ganz schnell in eine Schüssel etwa mit Epo-Doping im Radsport.”

Die Unterscheidung zwischen Medikation und Doping (siehe Kasten) ist für die Reiter sehr wichtig. „Ich muss wissen, ob ich mein Pferd vor einem Turnier noch behandeln kann und wie, muss eine Sicherheit haben, dass die Stoffe abgebaut sind und mein Pferd nicht positiv ist”, fordert Beerbaum.

„In diesem Punkt habe ich ausgeschöpft, was möglich ist, bin sicher öfters an einer Grenze entlang gewandelt.” Wichtig war dem 44-Jährigen aufzuzeigen, dass es einen Unterschied gibt zwischen einem manchmal nach zehn Tagen noch nachweisbaren Medikament und einer leistungsfördernden Gabe. „In dem Punkt bin ich missverstanden worden.”

Trotzdem ist Beerbaum froh, dass seine Äußerungen die Dinge ins Rollen gebracht haben. „Es muss etwas geschehen, so kann es ja nicht weitergehen.” Der Springreiter fordert feste Regeln, nach denen er und seine Kollegen sich richten können. Denn bisher ist es „die Subjektivität des Tierarztes vor Ort, wie er welches Medikament betrachtet.

Wir müssen eine Liste haben, in der vermerkt ist, was man geben darf, was wie lange wirkt. Das muss so praktikabel sein, dass auch der Landtierarzt um die Ecke weiß, wie er die Turnierpferde behandeln darf.” Ein gutes Argument, denn auch wenn die bekannten Medikationsfälle aus dem Hochleistungssport stammen, haben die Amateurreiter doch die gleichen Sorgen und Fragen.

„Ich weiß, das wird schwer umzusetzen sein, ist aber für unseren Sport lebenswichtig. Die internationalen Tierärzte müssen eine Grenze für die therapeutische Medikation festsetzen. Das ist schwierig, denn in den europäischen Ländern herrschen unterschiedliche Arzneimittelgesetze”, kennt Beerbaum die Problematik. „Danach werden Ethikkommissionen und Tierschützer draufschauen, ehe so was allgemein gültig werden kann. Und vor allem müssen wir national und international die gleichen Regeln haben.”

Auch wenn er keine Lawine losltreten wollte, ist Beerbaum im Nachhinein froh, dass das Thema nun umfassend diskutiert werden muss. „Reiter aus anderen Disziplinen, wie Hinrich Romeike, haben angerufen und mich unterstützt”, erzählt Beerbaum, in den letzten Tagen der „auf der Straße” einen deutlichen Stimmungsumschwung festgestellt hat. „Je mehr Zeit vergeht, desto öfters werde ich positiv darauf angesprochen. Die Leute finden es gut, dass jetzt endlich Klarheit in die ganze Angelegenheit kommt.”

Medikation und Doping - diese Unterscheidung gibt es nur im Pferdesport. Vereinfacht bedeutet es, dass man nach vorheriger Anmeldung beim Turnierarzt gewisse therapeutische Substanzen zur Behandlung des Pferdes benutzen darf.

Dieses Regelement gilt aber nur auf internationalen, nicht jedoch auf nationalen Turnieren. Wird eine Behandlung nicht angemeldet, wäre das eine unerlaubte Medikation.

Unter Doping fallen Stoffe wie etwa Anabolika oder Psychopharmaka. Letzteres wurde ganz aktuell bei Isabell Werths Pferd Whisper nachgewiesen.

Die Nulllösung wird für die Reiter zunehmend zu einem Problem. Mit der heutigen Analyse-Technik lassen sich mittlerweile kleinste Restspuren einer medizinischen Behandlung noch nach sehr langer Zeit nachweisen. Solche Rückstände steigern oder beeinflussen aber nicht die Leistungsfähigkeit des Pferdes.

Heute sind Analysen im Nanogramm-Bereich bereits Standard. Ein Nanogramm ist ein 1/1000000000 Teil (Milliardstel Teil) von einem Gramm. Derartige Mengen sind wirkungslos, so dass man wohl nicht von Doping oder Medikation sprechen kann.

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