Die „gute Fee“ des deutschen Reitsports

Die „gute Fee“ des deutschen Reitsports

Von: Bernd Schneiders
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Ein Leben für den Pferdesport: Madeleine Winter-Schulze ist eine Mäzenin mit großem Herz. Foto: Michael Jaspers

Der Schock kam um Mitternacht. Tatort Turniergelände. Das Opfer: Madelein Winter-Schulze, die Mäzenin von Isabell Werth und Ludger Beerbaum, wurde musikalisch in ein neues Lebensjahr begleitet. „Das hätte ich mir nie geträumt, dass ich einmal bei Mercedes ein Ständchen bekomme.“

 Die Frau, die so vieles im deutschen Pferdesport und darüber hinaus finanziell unterstützt und möglich macht, besaß einst mehrere Autohäuser: VW, Audi und Porsche. Aber natürlich freute sich die gebürtige Berlinerin abseits aller Marken-Affinität. „Das kam völlig unerwartet, aber war richtig schön. Eigentlich wollte ich ja früh ins Bett . . .“

Das hätte gut gepasst. Die ehemalige Spring- und Dressurreiterin ist anders als so viele Geldgeber im Sport nicht wild darauf, im Rampenlicht zu stehen. „Ich bin keine, die nach vorne drängt“, sagt Winter-Schulte. Keine Eitelkeit, keine Werbung als Gegenleistung – so sieht echtes Mäzenatentum aus.

Aber etwas zurück bekommt sie die schlanke Berlinerin dennoch: „Sie ist ein Teil der Familie“, sagt Ludger Beerbaum. Die Beziehungen zu dem Springreiter und Isabell Werth waren von je her besondere. Und sie entwickelten sich noch tiefer, seitdem ihr Mann Dieter Schulte 2008 an Rückenmarkskrebs starb. „Es wurde noch intensiver. Sie hatten das Gefühl: Ich brauche sie. Sie haben mich in ihren Familien aufgenommen.“

Madeleine Winter-Schulze litt unter dem Verlust ihres Ehemannes. Doch ihre Pferde-Großfamilie half der vitalen Frau, fing sie auf. Sie zog sich nicht zurück, sondern blieb Gast auf jeder Tribüne. „Auch für Isabelle und Ludger war das anders. Plötzlich saß ich dort nur noch allein, ohne Dieter.“ Ihr Mann, ein ehemaliger Springreiter, hatte vor allem auch Ludger Beerbaum mit Rat und Tat unterstützt. Seine Frau hielt und hält sich zurück mit Ratschlägen. „Das ist nicht mein Level. Sie erzählen mit zwar alles, aber ich werden ihnen niemals reinreden.“

Dabei ist sie vom Fach, in beiden Disziplinen. Sie gewann die Deutsche Meisterschaft im Springreiten (1969 und 1975) und der Dressur ( 1959). Und auch an Aachen hat sie eine hochkarätige Erinnerung. Dort wurde sie in den „80ern die erfolgreichste Dressurreiterin“. Unvergesslich ist ihr die Ehrenrunde „außenrum im Springstadion. Da habe ich mir gedacht: das kann nur schlechter werden. Und bin nie wieder zurückgekommen – nur zu Fuß.“

Aber auch heute ist sie noch eng mit dem aktiven Reitsport verbunden. Mit ihrem Mann erwarb sie 1978 den Hof des tödlich verunglückten Springreiters Hartwig Steenkens. Der Umzug von Berlin nach Wedemark (bei Hannover) war für die Großstädterin nicht ganz ohne. „Als ich mit meiner Berliner Schnauze beim Bäcker reinkam und grüßte – Alles frisch? –ist denen erst mal die das Brötchen aus der Hand gefallen. Aber heute bin ich eingemeidet.“

Sie managt den Hof mit ihren „sechs Rentnern – vierbeinigen natürlich, zwei Jährlingen, zwei Zweijährigen, drei Dreijährigen und 16 Pferden“. Unterstützt wird sie von zwei Bereitern, jeweils für Dressur und Springreiten. Die Fäden aber hat Madeleine Winter-Schulte in der Hand. Obendrein kümmert sie sich auch um die Immobiliengesellschaft in Berlin, nachdem die Authäuser verkauft wurden. „Ich bin sehr aktive“, sagt die 72-Jährige. Und dazu gehört auch, dass Frühstück für ihre Angestellten zu machen – morgens um 5.45 Uhr.

Großes Engagement, ein großes Herz gepaart mit einem zurückhaltenden Wesen: Dafür wurde sie bereits mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. „Ich habe es so schön. Ich möchte viel davon abgeben“, erklärt sie ihre Großzügigkeit. Ludger Beerbaum profitiert seit 1997 davon, Isabell Werth seit 2001. Zuletzt stieß auch Ingrid Klimke dazu.

Als 2008 der Vielseitigkeitsreiterin ihr Erfolgspferd Abraxas unterm Hintern wegverkauft werden sollte, sprang Winter-Schulze rettend ein und übernahm die Anteile des Besitzers. Auch 2010 verhinderte die Mäzenin, dass der Weltmeister und Olympiasieger Michael Jung plötzlich ohne sein Erfolgspferd Sam dastand. „Es wurde Moos gebraucht“, flachst die Retterin. Hieraus entwickelte sich aber anders als bei Klimke eine Zusammenarbeit, sie kaufte nur Anteile auf.

Die gute Fee des deutschen Reitsports: Nicht erst seit dem Tod ihres Mannes weiß Madeleine Winter-Schulze, wie wichtig Gesundheit ist. „Wenn mir in Wedemark die alten Leute im Rollstuhl entgegenkomme, weiß ich, wie gut es mir geht.“ So unterstützt sie auch in der dortigen Gemeinde, auch wenn sie darüber am liebsten gar nicht sprechen will.

Diese Hilfsbereitschaft spricht sich herum, und könnte natürlich auch ausgenutzt werden. „Man muss aufpassen“, gibt die Pferde-Narrin zu. „Ich versuche mich zu bremsen, aber das gelingt mir häufig nicht.“ Die Briefe stapeln sich zuhause in Niedersachsen. Viele von Eltern, deren Kinder ein Pony durch Krankheit verloren haben. „Sie fragen an, ob nicht Ludger Beerbaum eins hat, was er nicht mehr braucht.“ Die 72-Jährige ist nicht genervt. „Sie tun mir alle Leid.“

Zwischen Rio und Aachen

Diese Anteilnahme bekamen auch Beerbaum und Werth zu spüren, als sie ihre sportlichen Tiefs durchmachten. „Diese menschliche Beziehung ist viel wichtiger als die Schulterklopferei nach Siegen. In guten wie in schlechten Zeiten.“ Die haben sie gemeinsam erlebt und durchgestanden. Sportliche Tiefs, Probleme mit Medikation. Nicht erst seitdem weiß Ludger Beerbaum: „Sie ist einzigartig.“

Der Springreiter hatte ihren todkranken Ehemann zwei Tage vor dessen Ende besucht, Isabell Werth war dabei, als Dieter Schulze starb. Auf rund 24 Turnieren im Jahr sucht Madelein Winter-Schulze die sportliche Nähe zu ihren „Kindern“. „Rio, Dubai, London, ach ne, das liegt ja gleich um die Ecke.“

Diese Familien-Treffen zu organisieren, wird immer schwieriger. „Die Turniere, bei denen beide Disziplinen ausgetragen werden, nehmen immer mehr ab“, ärgert sich Winter-Schulze. Nur gut, dass es Aachen gibt.

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