Jeroen Dubbeldam als Zuschauer beim CHIO: „Das tut weh“

Von: Helga Raue
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Impressionen der Europameisterschaft 2015 in Aachen: Der Sieger Jeroen Dubbeldam badet im Jubel der 40.000 Zuschauer. Foto: Dirk Caremans
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Impressionen der Europameisterschaft 2015 in Aachen: Tochter Nina und Sohn Chris gratulieren stolz ihrem Vater. Foto: Dirk Caremans
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Impressionen der Europameisterschaft 2015 in Aachen: Jeroen Dubbeldam und Zenith auf dem Weg zur Goldmedaille. Foto: Dirk Caremans
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Beim Training mit den Vierbeinern: Jeroen Dubbeldam und seine Lebensgefährtin Annelies Vorsselmans, eine belgische Springreiterin. Foto: Dirk Caremans
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. . . und gemütlich zu Hause auf dem heimischen Sofa. Foto: Dirk Caremans
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Alte Weggefährten: De Sjiem und Jeroen Dubbeldam. Foto: Dirk Caremans

Weerselo/Aachen. An das erste Mal kann Jeroen Dubbeldam sich noch gut erinnern – es sollte sein weiteres Leben beeinflussen. Zwar hatte er zu dem Zeitpunkt schon „ein bisschen geritten, aber ich war ganz sicher kein begeisterter Springreiter. Ich war noch ein kleiner Junge, als mein Vater mich zum ersten Mal mit nach Aachen zum CHIO nahm“, erzählt der Niederländer schmunzelnd.

 „Und nach drei, vier Tagen war ich von diesem Sport, von Aachen, der ganzen Atmosphäre des Reitturniers so begeistert, dass ich beschlossen habe, Springreiter zu werden und irgendwann ebenfalls beim CHIO Aachen zu starten.“

Am Dienstagabend sitzt er im Sattel beim CHIO, doch bei dem 44-Jährigen schwingt eine ganze Portion Wehmut mit. Denn Dubbeldam wird nur bei der Eröffnungsfeier auf dem Pferd zu sehen sein. „Er hat heute eine aktive Rolle und präsentiert sein Heimat- und unser Partnerland, die Niederlande“, will CHIO-Sportdirektor Frank Kemperman nicht allzu viel verraten, denn der Auftritt des Doppel-Welt- und -Europameisters soll eine Überraschung sein.

Dubbeldam war vergangene Woche nicht in die niederländische Equipe für Aachen, wo er sich 2015 als Doppel-Europameister feiern ließ, berufen worden. Sein Top-Pferd Zenith ist aktuell nicht in Top-Form. „Ich hatte bis zuletzt gehofft, aber das Pferd und das Aachener Publikum haben es nicht verdient, dass man in der Soers an den Start geht, wenn man nicht in der besten Form ist“, bedauert Dubbeldam. Bis zuletzt hatte Kemperman nach einem Weg gesucht, damit der Niederländer doch noch in Aachen starten kann – vergeblich, das Reglement kennt keine Ausnahme, erlaubt nicht, dass neben dem Team ein Einzelreiter an den Start geht.

So ist Dubbeldam diesmal zum Zuschauen verurteilt. Seine Gefühle? „Das tut weh“, macht der 44-Jährige aus seinem Herzen keine Mördergrube. „Für mein Pferd ist es so am besten – für mich aber nicht.“ Und doch ist er sicher, dass ihn am Dienstag beim Einreiten die selben Gefühle übermannen wie immer, wenn er in das Stdion kommt: „Wenn man vor den gefüllten Tribünen einreitet, das Publikum jubelt, da gibt es ganz sicher eine Gänsehaut, das wird bei der Eröffnungsfeier auf keinen Fall anders sein.“ Auch heute, über 30 Jahre nach seinem ersten Besuch mit dem Papa, ist für den erfahrenen Pferdemann ein Start beim CHIO immer noch das Nonplusultra. „Man kann jeden Springreiter fragen, Aachen ist für alle das Highlight des Jahres“, sagt Dubbeldam.

1999 sattelte er hier erstmals. Da war er 26 Jahre alt. 1994 hatte der Niederländer seinen ersten großen internationalen Erfolg gefeiert, war in der Altersklasse Junger Reiter auf Killarney Europameister geworden. Vier Jahre später gehörte er bei der WM in Rom zum niederländischen Team – mit De Sjiem, dem Schimmel, der ein Jahr bei der EM in Hickstead Team-Bronze gewann. Sein Schwiegervater hatte den talentierten Vierbeiner damals gekauft, doch der dominante De Sjiem legte sich im Training zuerst lieber mit seinem Reiter an, statt mitzuarbeiten. „Es war ein hartes Stück Arbeit, bis ich ihn auf meiner Seite hatte. De Sjiem war schon sehr eigenwillig“, blickt Dubbeldam zurück.

Dann kam Sydney, die Olympischen Spiele 2000. Dubbeldam war 27 Jahr jung, galt als ruhig und bescheiden – ihn hatte niemand auf der Rechnung. Medaillenanwärter Nummer 1 war Weltmeister Rodrigo Pessoa (Brasilien) mit Baloubet du Rouet. Doch Pessoas Hengst verweigerte auf dem Weg zur greifbaren Goldmedaille. Und Dubbeldam nutzte seine Chance. „Das Gold kam wie aus dem Nichts, schließlich hatte ich bis dahin noch nicht mal bedeutende ,Große Preise‘ gewonnen.“

Das holte der Niederländer schnell nach, triumphierte 2001 in Aachen. 2002 hatten ihn bei der WM in Jerez de la Frontera alle auf der Rechnung. „Und De Sjiem war gut drauf, ging im Nationenpreis Doppel-Null, aber im Einzelspringen habe ich eine Distanz vergeigt und verpasste als Fünfter das Finale.“ Ein Fehler, der Dubbeldam lange geschmerzt hat.

„Das war unser letzte gutes Jahr, auch wenn De Sjiem immer wieder gut sprang, aber eben nicht mehr so konstant. 2005 wurde der Schimmel aus dem Sport verabschiedet und genießt mit heute 28 Jahren kerngesund seinen Lebensabend auf dem nach ihm benannten Anwesen in Weerselo in der Nähe von Twente, das der Olympiasieger 2004 bezog. Und mit De Sjiem verschwand auch Dubbeldam einige Zeit lang aus der ersten Reihe.

„Das ist im Reitsport eben so. Ein Reiter ist nur so gut wie sein Pferd“, kennt Dubbeldam diese Durststrecken, in denen neue Pferde aufgebaut werden müssen, immer in der Hoffnung, einen gleichwertigen Ersatz für den Champion zu finden. „Ich bin kein Reiter für ein Pferd“, hat Dubbeldam einmal lachend gesagt – und das eindrucksvoll unter Beweis gestellt. „Ich finde, es ist eine schöne Arbeit, mit einem jungen Pferd wieder anzufangen, es aufzubauen und zu schauen, wie weit man kommt.“

Und Dubbeldam kam immer wieder bis nach oben: In der Durststrecke 2003/04 baute er Nassau („Ein echter Kämpfer“) auf, mit dem er 2005 Doppel-Bronze bei der EM gewann. Und 2006 – wieder einmal in Aachen – war er zurück in der vordersten Reihe: Mit dem Team wurde er Weltmeister – damals im Sattel von Up and down, mit dem er ein Jahr später in Mannheim EM-Gold gewann. „Das war ein Pferd mit allen Möglichkeiten, ein richtiges Championatspferd, sehr stark und nicht ganz einfach zu bedienen.“

Up and down – 2008 war der Name des Pferdes Programm. Olympia in Hongkong war das große Ziel, doch Dubbeldam brach sich vorher bei einem Reitunfall die Kniescheibe und das Wadenbein. „So habe ich Olympia verpasst, und danach hat mein Pferd immer wieder an kleinen Verletzungen laboriert und ist nicht mehr richtig in den großen Sport zurückgekehrt.“ Heute ist Up and down 23 Jahre alt und leistet De Sjiem auf der Weide Gesellschaft.

„Das Vertrauen in dich selbst macht dich stark“, sagt Dubbeldam – das hat er zu seiner Lebensmaxime gemacht. Rückschläge haben ihn nicht aufgehalten, sie haben ihn stärker gemacht. Und wieder fing der Niederländer neu an, baute Simon auf, „von der Qualität her vielleicht das beste Pferd, das ich je geritten habe“. Olympia 2012 in London verpasste er – Simon wurde in die USA an Beezie Madden verkauft.

Auch der nächste Neuaufbau gelang: 2014 – WM in Caen, nun war Zenith soweit. Drei Jahre lang hatte der smarte Niederländer den stationären Braunen vorbereitet. Das Oranje-Team triumphierte, und im Finale mit Pferdewechsel demonstrierte Dubbeldam sein Einfühlungsvermögen im Sattel, er blieb auf allen vier Pferden, Zenith, Rolf-Göran Bentsons (Schweden) Casall, Bezzie Maddens (USA) Cortes und Patrice Delaveaux‘ (Frankreich) Orient Express fehlerfrei. „Jetzt endlich konnte ich mir meinen Fehler von Jerez im Jahr 2002 verzeihen“, sagte Weltmeister Dubbeldam nach dem Sieg.

Und wieder einmal Aachen – 2015. Diesmal kam Dubbeldam als Top-Favorit. „Als Außenseiter hat man es einfacher, aber als Favorit ist mir der Erfolg ja auch gelungen. Allerdings sind der Druck und die Erwartungen schon sehr groß. Doch mit zunehmendem Alter steckt man das weg“, sagt der Vater von zwei Söhnen, Rick und Chris, und einer Tochter, Nina, die in seine Fußstapfen tritt, lachend.

Wieder gab es Team-Gold, und Zenith ließ sich in drei Wertungen mit fünf schweren Parcours keinen einzigen Fehler zuschulden kommen, kassierte nur einen Zeitfehler. Schwierig gestaltete sich nur das Einreiten. „Die Leute tobten nach der Nullrunde von Meredith (Michaels-Beerbaum), und da hat Zenith zuerst etwas Panik bekommen. Er ist sehr sensibel, hat aber einen guten Charakter. Da hilft nur, selbst ruhig zu bleiben. Man braucht viel Geduld, erzwingen kann man nichts“, so Dubbeldam – Gold war sein Lohn. Damit ist der heute 44-Jährige neben dem legendären Hans Günter Winkler (91, Warendorf) der einzige Springreiter überhaupt, der Einzeltitel bei Olympia, Welt- und Europameisterschaften holte.

Erzwingen kann man im Reitsport nichts – und so hatte Dubbeldam zwar bis zuletzt gehofft, dass Zenith in Aachen starten könnte, doch der Springreiter ist Realist. Und hat auch die EM in Göteborg, bei der er Mitte August seinen Titel verteidigen müsste, gedanklich bereits abgehakt. „EM? Eher nicht. Dann müsste ich Zeniths Training forcieren, und das kommt bei ihm nicht gut an.“ So wird Dubbeldam wohl kampflos abtreten.

Doch das nächste Ziel hat er bereits im Blick: „Ich möchte mit Zenith 2018 zu den Weltreiterspielen in die USA, und danach schauen wir mal weiter“, blickt der Niederländer voraus. Und sagt: „Ich habe viele talentierte Pferde im Stall, auch die werde ich aufbauen und hoffen, irgendwann wieder einen Nachfolger für Zenith zu finden.“

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