Isabell Werth: Zwischen Kinderwagen und Pferdesport

Von: Helga Raue und Bernd Schneiders
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Die Liebe zu den Tieren beschränkt sich nicht nur auf Pferde: Auch die Rhodesian-Ridgeback-Hündin Chica kommt nicht zu kurz. Foto: Holger Schupp

Rheinberg. Es ist ein Hof und sie die Dressur-Königin. Doch Staat mit ihrem Outfit kann Isabell Werth in diesem Moment nicht machen. Das Shirt ist nicht mehr frisch, die beige Shorts weist einen riesigen Flecken am Hinterteil auf: „Ich hab´ irgendwo im Nassen gesessen”, schmunzelt die 40-Jährige und schiebt gelassen den Kinderwagen durch die Stallungen.

Sie hat sich verändert, der deutsche Star am Dressurhimmel funkelt freundlich wie eh und je, zeigt sich sympathisch und intelligent wie gewohnt, trotz der exponierten Stellung.

Und was sie verändert hat, ist nicht in erster Linie die inzwischen abgelaufene halbjährige Doping-Sperre (Sie hatte ihrem Pferd Whisper das auf der Dopingliste stehende Beruhigungsmittel Fluphenazin gverabreicht). Der Grund liegt im Kinderwagen und heißt Frederik.

Acht Monate ist ihr Sohn inzwischen alt. Und wenn Isabell Werth den Vergleich zu ihrem Leben zuvor zieht, fangen ihre Augen an zu strahlen: „Da bin ich aufgewacht, und alles hat sich um die Pferde gedreht. Heute aber wache ich auf, und alles dreht sich erstmal um Frederik - und dann kommen die Pferde.”

Doch Jung-Werth ist mit allen seinen jungen Kräften bemüht, daraus keinen Konflikt zu machen. Natürlich kann er noch nicht den Stall ausmisten, Pferde longieren oder beim Sport- oder Hofmanagement helfen. Er unterstützt durch seinen Charakter, der sich schon früh von der allerbesten Seite zeigt.

„Es macht riesigen Spaß. Es klappt wunderbar mit ihm: Er ist extrem pflegeleicht.” Nachts schläft er, tagsüber ist er gut drauf, und auch den wieder aufgenommenen Turnier-Sport seiner Mutter behindert er in keiner Weise. „Ob Auto, Flugzeug oder Hotelbett - Frederik macht alles mit.”

Natürlich hat die Dressurreiterin Hilfe. Ihre Familie, ihr vielköpfiges Team - „alle sind im Einsatz.” Vor allem aber auch sie selbst. Bis wenige Tage vor der Geburt hat sie noch geritten, und knapp zwei Wochen nach dem Kaiserschnitt saß sie bereits wieder auf dem Pferd. Frederik schränkt ihr Sportlerleben nicht ein.

Im Moment nicht. Aber natürlich weiß die frischgebackene Mutter, das solche Momente kommen können. Zahnen, Kinderkrankheiten - „Dann steht Frederik natürlich an erster Stelle. Es gibt Wichtigeres im Leben als Reiten.”

„Thema Doping abgeschlossen”

Womöglich auch eine Erkenntnis aus der halbjährigen Zwangspause? „Mit dem Ende des Jahres 2009 ist das Thema für mich abgeschlossen. Ich habe meine Erfahrungen gemacht und gehe damit jetzt nicht emotional, sondern professionell um. Sonst stünde es mir bei den Turnieren nur im Weg.”

Negative Auswirkungen hat sie dort noch nicht erlebt. Eher Aufmunterungen und positive Reaktionen. Ihre eigene Lektion hat die Dressur-Königin auch gelernt. „Es hat sich gezeigt, wie schwierig die Situation ist und mit welch hohem Risiko wir unseren Sport betreiben.”

Vehement widerspricht sie der Behauptung, sie sei gegen Behandlungsbücher. „Ich bin immer dafür gewesen, weil es wichtig für dass Stallmanagement ist.” Aber passieren kann natürlich dennoch etwas. „Bei einem zehnköpfigen Team kann immer mal was vertauscht oder vergessen werden. Ich habe auf den falschen Rat eines Tierarztes vertraut. Wir sind eben alle nur Menschen.”

Zu den angenehmen menschlichen Seiten der Isabell Werth gehört, dass sie weit entfernt ist von der Zickigkeit, die so gerne den Dressurreiterinnen zugeschrieben wird. Und auf dem hohen Ross thront die Dressurkönigin schon gleich gar nicht, nicht nur nicht, weil sie nicht mehr wie einst ihren Konkurrenten und -innen haushoch überlegen ist.

Die 40-Jährige ist ein Familienmensch. Mit ein Grund, warum sie sich 2004 dazu entschieden hat, auf ihren elterlichen Hof zurückzukehren und sich hauptberuflich der Zucht und dem Dressursport zu widmen. Für zwei Jahre war sie zwischendurch auf die Anlage ihrer Freunde und Förderer Winter-Schulze gezogen, nachdem sie sich von ihrem Rheinberger Nachbarn und Mentor Dr. Uwe Schulten-Bäumer getrennt hatte.

Eine Art von Selbstfindung, an deren Ende auch die Abkehr vom Dasein als reiner Reitsportler stand. Und auch von der Möglichkeit, als Juristin zu arbeiten. „Es war eine Entscheidung ohne jede Wehmut. Die Juristerei habe ich immer noch als Sicherheit. Das ist eine gute Basis für ein normales Leben.”

Jetzt also Dressur-Reiterin, Besitzerin eines Ausbildungsstalls und neuerdings Mutter - natürlich auch eine Dreifachbelastung, mitunter mit bizarren Auswirkungen. „Oft gehe ich durch die Stallungen, werde drei Mal unterwegs angehalten und was gefragt, und habe dann plötzlich völlig vergessen, was ich eigentlich machen wollte.”

Doch seit acht Monaten besitzt sie eine zweibeinige Regenerationsmöglichkeit. „Einmal Frederik in den Arm genommen - und schon bin ich wieder fit.” Die Erfrischungskur verhilft zu einer neuen Gelassenheit. „Er ist das Wichtigste für mich. Und was früher Probleme waren, sehe ich heute nur mehr als Baustellen an.”

Rund 60 Pferde gehören zum Betrieb, dazu zwölf Fohlen. Drei menschliche Generationen wohnen auf dem riesigen 25 Hektar großen Areal, zu dem sie noch weitere 25 Hektar angepachtet hat. Eine Familie, aber unter unterschiedlichen Dächern. „Da hat man immer auch die Chance, einfach einmal die Tür zuzumachen.” Doch das Zusammenleben hat sie geprägt, auch die Idylle in Rheinberg inklusive des (Reit-)Vereinslebens.

Damit wird auch Frederik groß. Von der ersten Minute an. Das Leben mit den Pferden saugt er mit der Muttermilch ein. Doch Mama Werth wagt keine Prognose. „Entweder kann er später keine Pferde mehr sehen, oder er ist so begeistert davon wie ich.”

Und wie bei den Erzählungen über Frederik fangen ihre Augen an zu leuchten, wenn sie von anderen Glücksmomenten redet. Wenn sie etwa aus den riesigen Fenstern ihrer Reithalle hinausschaut auf die zahlreichen Fohlen, die auf der Weide rumtollen. Oder ihr Blick auf liebgewonnene Vierbeiner fällt, die ihr sportliche Meriten eingebracht haben.

Oder auf Pferde, die vielleicht einmal ein großes Versprechen gewesen sind, das sie aber nicht einhalten konnten und die sie dennoch so liebgewonnen hat, dass sie einfach zur Familie gehören. Wie der 17-jährige Apache.

Don Johnson könnte auch so ein Herzchen werden. „Er hat einen tollen Charakter”, schwärmt Isabell Werth über den neunjährigen Hengst beim Rundgang durch die Ställe. Und herzt und schmust mit dem Jüngling, dem ein Vorderzahn fehlt. „Er kann La Paloma pfeifen”, grinst Werth.

Don Johnson ist aber nicht nur besonders, er ist auch eine große sportliche Hoffnung. Doch eine Garantie gibt es dafür nicht. Wohl aber für seinen Verbleib in der Familie Werth - auch wenn er den Sprung an die Spitze nicht schaffen sollte: „Ich werde ihn niemals verkaufen.”

„Serientäter” Abendwind

Die Philosophie, dass ihre Pferde mehr sind als Sportgeräte, ist ausgeprägt. „Viele sind langjährige Lebensabschnittspartner.” Das begann mit Abendwind, einem etwas groß gewordenen Pony aus ihrer Kindheit. „Er warf mich immer an der gleichen Stelle ab, rannt zurück zum Stall und wartete dort grinsend auf mich.”

Gras ist über die Geschichte gewachsen, und mittlerweile auch die Reithalle, die auf der Abwurfstelle steht. Inzwischen ist sie 40, die erfolgreichste Dressurreiterin der Welt, und mag sich so gar nicht einlassen auf eine Prognose, wie lange sie noch professionell reiten wird.

Im Gemeinschaftsraum der Reithalle bietet die Wanduhr die perfekte Kulisse zur Frage nach dem Karriereende: Wie von Geisterhand bewegt rast der Zeiger plötzlich nach vorn. „Das hängt immer auch vom Pferd ab”, sagt Isabell Werth. „Eine Perspektive muss da sein.” Die kann auch sein, das Spitzen-Feld mit Satchmo vor sich her zu treiben. „Woche für Woche aber mich mit Rang 15 zu begnügen, wird es nicht geben.”

Die Gene, ihren heißgeliebten Sport lange zu betreiben, sind vorhanden. Ihre Großmutter mütterlicherseits ist bereits 98. Und so muss eine eher scherzhaft gemeinte Vision keine Utopie sein: „Frederik reitet - und ich bin sein TT.” Bitte was? „TT - Turniertrottel, das Mädchen für alles!”
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