Aachen - Totilas: Der Weg vom Wunderhengst zur Fehlinvestition

Totilas: Der Weg vom Wunderhengst zur Fehlinvestition

Von: Christoph Pauli und Marlon Gego
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Servus, Totilas: Misserfolge, Trainingsdiskussionen, Verletzungen. Seit 2015 ist das einstmals beste Dressurpferd seiner Zeit im sportlichen Ruhestand. Doch als Deckhengst ist er weiter aktiv. Foto: dpa
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Die Geschichte von Totilas verlief nicht immer glücklich - mittlerweile befindet er sich im Ruhestand.

Aachen. Als Paul Schockemöhle Totilas das erste Mal in seinem Leben sah, hat er gedacht: „So ein Pferd will ich auch mal haben.“ Im Sommer 2009 war das, Europameisterschaft in Windsor, England. Totilas gewann mit seinem Reiter Edward Gal die Goldmedaille in Einzel- und Mannschaftswertung, und Schockemöhle begann, sich zu überlegen, wie er wohl an Totilas rankommen könnte.

Nun ist es nicht so, dass Paul Schockemöhle bis dahin noch nie ein gutes Pferd besessen hatte, eher ist es so, dass er, ein nicht zur Impulsivität neigender Analytiker, so derart viele Top-Pferde selbst geritten, ausgebildet, ge- und wieder verkauft hat, dass man sich fragt: Warum gibt einer wie Schockemöhle eine gutes Jahr nach der EM in Windsor nicht dementierte neun Millionen Euro aus, um noch ein weiteres Top-Pferd zu besitzen?

Schockemöhle sagt: „Ich hatte das durchgerechnet, die Sache hätte sich lohnen können.“

Doch so kam es nicht. Fünf Jahre später, 2015, musste Schockemöhle sich eingestehen, das Totilas „eine Fehlinvestition war“. So sagt er das, Schockemöhle ist ja auch ein Unternehmer.

Die Party ist vorbei

Diese Woche halten sich die besten Pferde der Welt in Aachen auf, aber Totilas ist nun nicht mehr dabei. Vor zwei Jahren gaben die Eigentümer, Paul Schockemöhle und Ann Kathrin Linsenhoff, das Karriereende des damals erst 15 Jahre alten Pferdes bekannt, nachdem ein Knochenödem im linken Hinterbein festgestellt worden war. Ursache: unbekannt. Seitdem erholt sich Totilas im Stall von Paul Schockemöhle, wo für den Prominenten eine eigene Deckstation eingerichtet wurde. Die Party und damit die Zeit der Schlagzeilen ist vorbei – und der Kauf von Totilas geht als eine der größten Fehlinvestitionen in die Geschichte des Dressursports ein.

Die Decktaxe von Totilas beträgt nur noch 2500 Euro, zu den besten Zeiten mussten Interessenten für eine Samenspende 4000 Euro auf den Tisch legen, weitere 4000 wurden fällig, wenn die Stute trächtig wurde. Totilas ist seit zwei Jahren Rentner, aus dem Wunder- ist ein Deckhengst geworden. Die Dressurszene hat ihre größte Attraktion verloren. Der schöne Rapphengst war zu seiner besten Zeit der Popstar der Reitszene, der einen nie gekannten Boom ausgelöst hat.

Zu aktiven Zeiten hat Totilas drei Weltrekorde aufgestellt. Der Ausnahmehengst gewann mit dem Niederländer Edward Gal alle Titel. Er holte zweimal Einzelgold und einmal Teamgold bei der WM 2010, wurde Einzel- und Team-Europameister, Weltcupsieger 2010 und 2011. Es war die Boomzeit, als Dressurstadien vergrößert wurden, als Eintrittskarten für die große Totilas-Show so begehrt waren wie Konzertkarten von Elton John. Beim CHIO 2010 musste das Dressurstadion abgeriegelt werden, als die 5000 Plätze frühzeitig besetzt waren. Es war die Zeit, als sich auch überzeugte Ballsportler plötzlich und häufig auch nur vorübergehend für Piaffen und Schrittfolgen interessierten.

„Totilas war schon vor dem ganzen Zirkus in aller Munde“, erinnert sich Frank Kemperman, der Vorstandsvorsitzende des Aachen Laurensberger Rennvereins. „Die Story wurde durch den spektakulären Verkauf noch einmal größer.“ Die Geschichte entwickelte sich zum Drama. Mal war das Pferd, mal sein neuer Reiter Matthias Alexander Rath verletzt. „Die Story von den großen Erwartungen, die sich am Ende nicht erfüllen, hat Hollywood-Charakter“, findet Kemperman, der aber auch sagt, dass der mediale Trubel dem Sport geholfen habe.

Häme wurde zum ständigen Begleiter von Totilas in den letzten Jahren seiner aktiven Zeit. Manch einer freute sich, dass sich der Erfolg eben nicht mit Scheckheft garantieren ließ. Und Matthias Alexander Rath bekam mit, dass gemunkelt wurde, das Pferd sei eine Nummer zu groß für ihn.

Nie wurde ein Pferd so vermarktet wie Totilas, seine Eigentümer ließen eine eigene Kollektion mit der „Sansibar“ auf Sylt herausbringen, Tassen, Decken, Shirts wurden bei den großen Turnieren an eigenen Ständen verkauft. Kai Meesters, der das Pferd damals für die Agentur von Michael Mronz, dem CHIO-Vermarkter, begleitete, hat naturgemäß eine andere Wahrnehmung: „Die sportliche Entwicklung konnte niemand vorhersagen. Aber Totilas wie einen Sportstar zu vermarkten, war die richtige Entscheidung. Nie hatte der Dressursport eine solche mediale Präsenz, nie mehr eine solche Aufmerksamkeit in den Medien, und zwar auch in Medien, die davor und danach kaum über den Dressursport berichteten.“

Totilas war auch ein Medienstar, und es lässt sich kaum analysieren, wie sich der geförderte Rummel auf seine sportliche Performance ausgewirkt hat. Peter Jegen, selbst Sportpferdebesitzer und einer der fachkundigsten deutschsprachigen Pferdesportjournalisten, bis er 2015 die „Neue Zürcher Zeitung“ verließ, erinnert sich, dass der Schweizer Springreiter Willi Melliger schon in den 90er Jahren versuchte, ein Pferd zu vermarkten, damals war es sein Schimmel Calvaro, der in seiner Karriere ein Preisgeld von etwa 1,8 Millionen Euro gewann. „Rund um den Zürichsee hatte die Vermarktung von Calvaro Erfolg“, sagt Jegen, aber international sei die Kampagne trotz Melligers sportlicher Erfolge mit Calvaro schnell versandet.

Jegen glaubt, dass es in Deutschland Vermarktungsmöglichkeiten für Pferde mit Starpotenzial gibt. Deswegen sei die Totilas-Kampagne in die richtige Richtung gegangen, habe aber ohne sportlichen Erfolg keine Tragkraft entwickeln können. Und am Ende, glaubt Jegen, sucht sich das Publikum seine Stars lieber selbst aus, als dass sie ihm vorgegeben werden.

Kritiker wie Ludger Beerbaum bekamen im Nachhinein recht mit ihrer Einschätzung des Totilas-Hypes: „Da sollte erst einmal sportliche Leistung kommen, danach kann man über Favoritenrollen sprechen. Aber die sportliche Leistung sehe ich im Moment nicht. Nur weil Totilas teuer war, wird so viel über ihn gesprochen, nicht wegen der Performance von Pferd und Reiter.“

Beerbaum, der selbst mit Pferden handelt, findet, dass man die Sache anders hätte angehen müssen. „Ich hätte den Ball erst mal flach gehalten und nicht mit irgendwelchen PR-Nummern aufgewartet. Ich hätte gewartet, bis ich meine Piaffen und Passagen hinbekomme, und dann hätte ich vielleicht mal über das Drucken von Totilas-Shirts nachgedacht.“

Totilas war einer der ersten Tiere mit eigener Facebook-Seite, etwa 14.000 Interessenten tummeln sich da, immer noch wächst die Nachfrage kontinuierlich. Neuigkeiten über den Rentner gibt es da selten.

Dass die Investition Totilas sich nicht ohne weiteres auszahlen würde, hätte Paul Schockemöhle schon kurz nach dem Kauf wissen können, als Folgendes passierte:

Die Absage

Irgendwann im Oktober 2010 trafen sich die beiden Reitsportikonen Isabell Werth und Paul Schockemöhle zum Gespräch, an dessen Ende die eine Ikone der anderen eine Absage erteilte. Die Inhalte des Gesprächs blieben zunächst vertraulich, niemand sollte wissen, dass Schockemöhle Totilas gekauft hatte. Und vor allem sollte niemand wissen, dass Isabell Werth, bis dahin fünffache Olympiasiegerin und eine der besten Dressurreiterinnen aller Zeiten, Schockemöhles Angebot, Totilas zu reiten, tatsächlich abgelehnt hatte.

Dass die beste Dressurreiterin der Welt das beste Dressurpferd der Welt damals nicht reiten wollte, wirkt heute wie ein frühes Omen. Isabell Werth sagte diese Woche im Gespräch mit unserer Zeitung, dass „es einfach nicht meiner Philosophie entsprochen hätte“, Totilas zu reiten. „Meine Leidenschaft ist, Pferde selbst auszubilden, mit ihnen zusammen zu wachsen“, sagte Werth.

Aber da war noch ein anderes Problem, das Schockemöhle damals möglicherweise unterschätzt hat. Dass erfolgreiche Springpferde verkauft werden und auch unter ihrem neuen Reiter erfolgreich bleiben, kommt hin und wieder vor. Bei Dressurpferden ist ein solcher Wechsel sehr viel schwieriger.

Isabell Werth sagt: „Edward Gal und Totilas, das war eine Symbiose.“

Peter Jegen, der frühere Journalist, sagt: „Isabell Werth hätte mit Totilas nur verlieren können.“

Sie sei mehrfache Olympiasiegerin und mehrfache Weltmeisterin gewesen, das Beste, das sie mit Totilas hätte erreichen können, wäre gewesen, ihren und seinen Status Quo zu halten. „Warum hätte sie das Risiko eingehen sollen, mit Totilas zu scheitern?“, sagt Jegen.

Und Schockemöhle sagt: „Wäre Totilas gesund geblieben, hätte er alles gehalten, was wir uns von ihm versprochen haben.“

Am Ende ritt der damals 26 Jahre alte Matthias Alexander Rath Totilas, Stiefsohn der früheren Dressurreiterin Ann Kathrin Linsenhoff, die Schockemöhle die Hälfte der Kaufsumme für Totilas überwies. Turnierveranstalter Kemperman glaubt, dass Totilas der Branche fehlt. „Wir warten dringend auf den nächsten Star.“ Und es ist nicht ausgeschlossen, dass ausgerechnet Totilas etwas mit dem neuen Star zu tun haben könnte.

Schockmöhle sagt, dass die erste Generation von Totilas‘ Nachfahren, insbesondere in Holland überragende Erfolge feiern. Junge Pferde noch, bislang nur im kleinen Sport unterwegs. Aber die Fachwelt registriert solche Nachrichten, und Schockemöhle sagt, dass die Nachfrage nach Totilas, dem Deckhengst, wieder steige. „Das hilft, den Verlust, den ich mit Totilas gemacht habe, wenigstens in Grenzen zu halten.“

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