Aachen - Soerser Samstag: Perfekt organisiert, schnell und wild

Soerser Samstag: Perfekt organisiert, schnell und wild

Von: Roman Sobierajski
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Waschen, legen, föhnen? Nein, für die Hochleistungs-Athleten auf der Vielseitigkeits-Strecke geht es darum, direkt nach dem Wettbewerb wieder abgekühlt zu werden, um schnell zu regenerieren. Foto: Michael von Fisenne
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Waschen, legen, föhnen? Nein, für die Hochleistungs-Athleten auf der Vielseitigkeits-Strecke geht es darum, direkt nach dem Wettbewerb wieder abgekühlt zu werden, um schnell zu regenerieren. Foto: Michael von Fisenne

Aachen. Hätte die junge Eisverkäuferin in den Soerser Wiesen an diesem Samstag, an dem die beiden großen Geländedisziplinen Vielseitigkeit und Gespannfahren beim CHIO über die Bühne gingen, doch bloß vier Hände gehabt – sie hätte ein großes Vermögen machen können.

So bleibt es naturgemäß bei einem kleinen und sie kommt dennoch kaum nach bei der Erfüllung der Wünsche nach „Abkühlung am Stiel“, die die dampfende Schlange an ihrem Stand leicht ungeduldig kundtut.

Es ist beinahe die einzige Gelegenheit, bei der beim Publikum am Soerser Samstag so etwas wie Unruhe oder Hektik aufkommt. Denn während nebenan erst die Vielseitigkeitsreiter auf der mit sieben Minuten bemessenen Strecke sportliche Höchstleitungen zeigen und anschließend die Marathon-Vierspänner unter sengender Sonne den Boden zum Beben bringen, wälzt sich der Besucherstrom mit erstaunlicher Gelassenheit über die Wiesenwege.

Nur die schrillen Pfiffe der THW-Helfer, die anzeigen, dass sich Ross und Reiter oder Gespanne nähern, um dann schnell mit Gittern und Seilen den Weg für kurze Zeit abzusperren, durchbrechen das Urlaubs-Flair, das sich vor allem im Gelände vor dem Springstadion breitgemacht hat. Drinnen haben die Starter die letzten Hindernisse zu bewältigen und reiten gegen die tickende Uhr, die anzeigt, wer unter dem Zeitlimit geblieben ist und wer noch ein weiteres Strafpaket draufgesattelt bekommt.

Vor dem Tor also so etwas wie ein Formel 1-PS-Publikum, wo kurzer Applaus aufbrandet und die Fotohandys hochgerissen werden, wenn sich ein Starter nähert. Allerdings kommen im Unterschied zum Motorsport alle Wettkämpfer nur ein einziges Mal an den Campingstühlchen vorbei, die vornehmlich in den schattigen Regionen in Reihen aufgebaut sind.

Im Springstation selbst fiebern vor allem am Einritt die Vielseitigkeits-Enthusiasten mit, um live zu erleben, wer am Ende die Siegerlisten anführen wird. Der erste, der das Sieben-Minuten-Limit unterbietet ist Michael Jung, der in 6:57 über den Zielstrich reitet. „Da hat es sich gelohnt, dass Jung auf der Strecke so oft auf seine Uhr geschaut hat“, frotzeln die Stadionsprecher Arnaud Petit und Kay Zobel ein wenig – und lassen dahingestellt, ob es sich bei dem Chronographen um ein Produkt des jahrelangen CHIO-Partners oder des neuen FEI-Sponsors handelt.

Sanfter Wassernebel

Die Erkenntnis wäre im Endeffekt auch nicht ganz so wichtig, denn erst Ingrid Klimke (sieben Sekunden) und dann Sandra Auffarth (acht Sekunden) haben noch genauer den Zeiger taxiert und verdrängen Michael Jung noch vom Platz an der Sonne. Und somit geht der Nationenpreis nach den Einzelplätzen eins, zwei und drei gänzlich unangefochten an Deutschland – vor Großbritannien und Frankreich.

Das Prozedere für die Pferde, egal ob Siegerkranz oder Trostleckerchen, ist gleich. Sie alle geraten in eine Maschinerie, die einer Mischung aus Überfallkommando und Pferde-Waschstraße gleicht. Fast noch während Sattel, Zaumzeug und Gamaschen abgenommen werden, erhalten die schwitzenden Vierbeiner die erste Wasserdusche, werden direkt wieder abgerubbelt und dann in einen Wassernebel gehüllt, der von zwei riesigen Ventilatoren erzeugt wird.

„Während des Wettkampfs gibt es überhaupt keine Probleme“, erläutert der Australier Andrew, „Der Schweiß auf der Haut kühlt bei der Geschwindigkeit des Rittes. Aber nach dem Zieleinlauf ist es wichtig, dass die Pferde schnell gekühlt werden. Und bliebe das Wasser dann auf der Haut, würde es bei diesen Muskelbergen, die die Pferde haben, förmlich kochen.“

Die drei erfolgreichen Nationen haben sich unterdessen zur Pressekonferenz eingefunden, und die Einlassungen der drei Equipechefs sind auch ein Spiegel der ganz unterschiedlichen Befindlichkeiten in diesem vereinten Europa. „Perfekte Organisation“, lobt der deutsche Verantwortliche Hans Melzer, „vor allem für Deutschland nach den schrecklichen Ereignissen von Luhmühlen“, erinnert Melzer an den Tod von Ben Winter, der wieder viele Diskussionen ausgelöst hat.

Großbritanniens Equipechef Yogi Breisner lässt sich ein zackiges „fast and furious“ entlocken, schnell und wild eben, ganz nach britischem Geschmack und auch noch ohne Regen. Thierry Touzaint, der für Frankreich ein ganz junges Team an den Start schickte, um sie einen tiefen Zug ganz großer, man möchte fast sagen: Zirkusluft, schnuppern zu lassen, fand den Wettbewerb als Repräsentant des Ausrichterlandes der WM in diesem Jahr „magique“.

Wenn der Begriff „zauberhaft“ zu Parcoursbauer Rüdiger Schwarz passen würde, er wäre in diesem Moment angebracht. Fünf Starter im Zeitlimit hat Schwarz prophezeit, drei sind es geworden. Und den Grund für die Planübererfüllung sieht der 64-Jährige, der auch Nachwuchs-Bundestrainer ist, nicht in den hohen Temperaturen. Im Gegenteil: „Der Wettbewerb ist auf sieben Minuten ausgelegt, kritisch wird es ab neun. Und sportliche Höchstleistungen wie 100-Meter-Läufe bei WM oder Olympischen Spielen werden meistens bei solchen Bedingungen erbracht. Die Muskeln sind gut durchblutet, die äußeren Bedingungen stimmen.“

Die äußeren Bedingungen, die stimmten anschließend auch beim Marathon-Wettbewerb der Gespannfahrer. Auch wenn der Begriff Marathon bei einer Strecke von 7,5 Kilometern durch das Wurmtal bis ins Gelände vielleicht etwas hochgegriffen ist, für die Pferde ist der Wettbewerb mit seinen wechselnden Anforderungen ein wahrer Marathon im Dreiklang aus Anstrengung, Konzentration und Disziplin. In wirklicher Gefahr sind die Gespanne aber nicht, dafür sorgt ein Heer an umsichtigen Tierärzten.

Siegeshoffnungen begraben

So weit, so gut, aber dennoch ist den Pferden die Größe der Aufgabe durchaus anzumerken, wenn sie die acht Hindernisse mit ihren jeweils sechs Durchfahrten möglichst schnell und fehlerfrei zu bewältigen haben. Es ist wahrscheinlich nur ein kleiner Witz am Rande, dass ausgerechnet das Hindernis, das den Namen eines großen Möbelhauses als Hauptsponsor trägt, den unaufgeräumtesten Eindruck macht und die Verteilung der „Einrichtungsgegenstände“ jeden Symmetriefreund in tiefe Depressionen stürzen würde.

Der Boden ist zum Teil geflutet, bucklig und abschüssig, aber die Möglichkeiten, das Hindernis langsamer und sicher oder schneller und risikoreich zu passieren, sind recht überschaubar. So hält sich die Zahl der Fehler jedenfalls in Grenzen.

Verworrener ist da schon die Lage bei der letzten Aufgabe, die geradezu dazu einlädt, zu viel zu riskieren. Wenn es eng wird, ist dem Kutschen-Aggregat durchaus anzumerken, dass da vier Individuen unterwegs sind: manchmal verspielte junge Rotzlöffel, die einfach vorgeben, unbeeindruckt den frischen Trab mitzugehen; manchmal erfahrene Führungspferde, die versuchen, die Kommandos des Kutschers auf dem Bock schnell zu entschlüsseln: Scharf rechts, halb rechts, mittig oder doch links?

Gescheitert an dieser Aufgabe ist das Gespann des Ungarn József Dobrowitz jun., der sich wohl nicht unmissverständlich ausdrückt, wohin die Reise gehen soll: Die Verwirrung unter den vier Pferden führt dazu, dass die Kutsche im Hindernis umkippt – und der Ungar nach Reglement disqualifiziert wird.

Im selben Hindernis muss auch Tomas Eriksson seine Siegeshoffnungen begraben. Im Fernwettkampf mit Michael Brauchle um die besten Leistungen in den Hindernissen entscheidet sich der Schwede an einer der beiden möglichen B-Durchfahrten für die acht Meter kürzere, aber weitaus engere – bleibt zwischen den Balken hängen und muss aus seiner misslichen Lage befreit werden.

Die Titelchancen sind für den Schweden also perdu, und für Michael Brauchle ist der Sieg zum Greifen nah, aber auch nicht mehr. Der australische Weltmeister Boyd Exell schlägt den Deutschen letztendlich um ein einziges Pünktchen und ein paar Kaputte. Aber das ist Reitsport in Aachen: perfekt organisiert, schnell und wild – und zauberhaft.

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