Reiten ist bei Rothenbergers Familiensache

Von: Helga Raue
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In der Familienrunde: Einträchtig sitzen Sönke (von links), Sanneke, Semmieke, Gonnelien und Sven Rothenberger in der heimatlichen Stube auf Gestüt Erlenhof bei einem Brettspiel zusammen. Foto: Kiki Beelitz (2), Bärbel Schnell (2)
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Macht auch im Springsattel eine gute Figur: Sönke Rothenberger wird auch im Parcours von Vater Sven (links) unterstützt. Foto: Kiki Beelitz (2), Bärbel Schnell (2)
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Alles dreht sich um die Vierbeiner beim Rothenberger-Trio: Sönke (von links), Sanneke und Semmieke auf Gestüt Erlenhof. Foto: Kiki Beelitz (2), Bärbel Schnell (2)
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Konzentriert bei den Deutschen Meisterschaften in Balve: Sönke Rothenberger und Cosmo. Foto: Kiki Beelitz (2), Bärbel Schnell (2)

Bad Homburg. Es ist die pure Idylle. Am Fuße des Feldbergs, direkt an einem Waldrand, umgeben von 65 Hektar Weiden liegt Gestüt Erlenhof. 1901 hatte Ritter von Max es als Trabergestüt erbaut, ab 1926 beherbergte es die Vollblutzucht von Stahlbaron Heinrich von Thyssen-Bornemisza. Zehn Derbysieger, darunter Ticino, Neckar und Nereide, wurden auf den saftigen Wiesen im Hochtaunus groß.

Auch der zweibeinige Nachwuchs scheint von der Idylle beflügelt zu werden, denn gerade mal 21 Jahre alt ist Sönke Rothenberger – eine der Hoffnungen für das deutsche Olympia-Team der Dressurreiter. Beim CHIO gehört er erstmals zur Equipe, Aachen soll für ihn nur Zwischenstopp auf dem Weg nach Rio de Janeiro sein.

„Ich versuche immer mir zu sagen, das ist ein Turnier wie jedes andere. Den Tipp hat mir mein Reitlehrer Fritz Stahlecker gegeben, der sagte, das Pferd weiß ja auch nicht, dass das ein besonderes Turnier ist.“ Sönke Rothenberger lacht und strahlt eine überraschende Lockerheit aus, die man einem 21-Jährigen vor dem größten Schritt seiner jungen Karriere so eigentlich nicht zutrauen würde.

Doch der Dressurreiter ist mit dem Reitsport groß geworden. „Ich war schon als Baby im Bauch meiner Mutter, die damals übrigens meinem Vater einen Ehrenpreis überreichen durfte, beim CHIO. Und bei meinem ersten richtigen Besuch war ich noch nicht mal ein Jahr alt“, hat der groß gewachsene Blonde eine enge Verbindung zum größten Reitturnier der Welt.

Der CHIO Aachen und der Reitsport überhaupt wurden Sönke Rothenberger in die Wiege gelegt. Womit wir wieder bei Gestüt Erlenhof – das zwischenzeitlich Erlengrund hieß – wären, das seit 1994 im Besitz der Familie Rothenberger ist. Stefanie Rothenberger-Krause ist als Gestütsleiterin für die Vollblutzucht zuständig, ihr Bruder Sven unterhält mit Ehefrau Gonnelien einen Dressurstall. Dazu kommt noch die Zucht von Leistungsponys.

Sven Rothenberger und Gonnelien Rothenberger-Gordijn – die Namen haben im Dressursport einen Klang. Der 50-Jährige war unter anderem unter deutscher Flagge 1991 Team- und Einzel-Europameister, ehe er 1994 in die Niederlande wechselte und für das Oranje-Team Olympia-, WM- und EM-Silber sowie jeweils Einzel-Bronze gewann. Zum Olympia-Team 1996 gehörte damals auch Gonnelien, zwei Jahre jünger als Sven und gebürtige Niederländerin.

Dass die drei Kinder – Sanneke, 23, Sönke, 21, und Semmieke, 16 – in die Fußstapfen der Eltern treten würden, war quasi vorbestimmt. Nur Sönke scherte ein wenig aus. „Ich bin auch Springen geritten, bin beim Salutfestival in Aachen gestartet“, berichtet Sönke Rothenberger, der von seinem niederländischen Onkel ein erfahrenes Springpferd zur Verfügung gestellt bekam. „Es war schon eine Ehre, beim Salutfestival zu reiten – vielleicht schaffe ich es ja mal, beim CHIO auch fürs Springen nominiert zu werden“, verrät der Dressurreiter grinsend einen Traum.

Momentan ist der Springsattel eingemottet, neben der Dressurkarriere und dem Studium bleibt keine Zeit. Rothenberger studiert an der Frankfurt School of Finance, hat noch ein Semester vor sich. „Meine Eltern haben die Prämisse ausgegeben, dass ich mindestens den Bachelor mache. Eventuell hänge ich noch den Master dran. Jetzt konzentriere ich mich aber erst einmal auf meine Reiterei.“

Reiten als Familiensport, die erfolgreichen Eltern als Vorbilder und Trainer – ist das mehr Druck oder Hilfe? „Hilfe“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. „Mehr Augen sehen auch mehr. Und wir haben durchaus auch verschiedene Auffassungen vom Reiten. Der Blick aus einem anderen Winkel kann sehr hilfreich sen“, so Rothenberger.

Das scheint es in der Tat, denn das Rothenberger-Trio eilt schon in jungen Jahren von Erfolg zu Erfolg. Alle drei holten schon in den verschiedenen Nachwuchsklassen EM-Goldmedaillen. Die große Schwester Sanneke triumphierte Mitte Juni bei der erstmals ausgetragenen U 25-EM in Hagen mit zwei Einzel- und der Team-Goldmedaille, die kleine Schwester Semmieke ist für die Junioren-EM im spanischen Oliva Nova qualifiziert.

Das Geschwister-Trio wird von seinen erfahrenen Eltern trainiert. Während Sven Rothenberger in der Immobilienbranche tätig ist, managt Gonnelien Rothenberger den Stall. „Unsere Eltern sind dadurch sehr flexibel, so dass man das Training gut mit dem Studium oder der Schule kombinieren kann. Zudem haben wir eine gute Mannschaft, die auch mal schnell das Pferd fertig macht, wenn ich von der Vorlesung zum Training nach Hause fahre.“

Erst Ende vergangenen Jahres war Sönke nach zwei Auslandssemestern – wenig überraschend in den Niederlanden – auf das Gestüt Erlenhof zurückgekehrt. „Das war die logische Konsequenz, ich bin mit meinen Pferden zu meinen Großeltern nach Werth gezogen, konnte in Eimelingen die Partner-Uni besuchen. Und so am Wochenende auch mal mit meinen Pferden zum Training nach Hause fahren. Hätte ich etwa in England weiter studiert, wäre das nicht gegangen.“

Seine Aachen-Premiere feierte Sönke Rothenberger im vergangenen Jahr beim Kurzturnier „Weltfest des Pferdesports“ im Mai – mit Favourit wurde er Dritter im „Großen Dressurpreis von Aachen“. Diesmal wird er im Sattel von Cosmo sitzen. „Anfang 2014 haben wir beide gemeinsam unsere erste S-Dressur bestritten, Ende 2015 kamen wir in den A-Kader – und nun gehören wir in Aachen zum Team“, beschreibt Rothenberger seine Karriere, die im Schnellschritt verläuft. Bei der DM überzeugte das Paar mit einer verblüffenden Konstanz und den Plätzen vier im Grand Prix, fünf im Spécial und erneut vier in der Kür.

Sofort Klick gemacht

Der niederländische Van Gogh-Sohn ist erst neun Jahre alt, steht also noch am Anfang seiner Karriere. „Als Cosmo zu uns auf den Erlenhof kam, war er Ende vierjährig und hatte erst die Grundausbildung genossen.“ Eigentlich war Sönke Rothenberger gar nicht als sein Reiter vorgesehen, Cosmo war als Juniorenpferd für seine kleine Schwester Semmieke gedacht.

„Aber er war jung und hat auch schon mal Sprünge gemacht, da ist es für ein Mädchen oft eine Sache des Respekts“, sagt der 21-Jährige grinsend und fügt hinzu: „Bei uns beiden hat es sofort Klick gemacht.“ Seit knapp drei Jahren ist das Paar nun zusammen, „wir sind wirklich zusammengewachsen“, und in den großen Sport hinein.

Spricht er von Cosmo, leuchten seine Augen. „Er macht alles mit einer ungeheuren Leichtigkeit, nie sieht es bei ihm reingeritten aus. Er lernt so schnell und einfach. Schon als er sechs Jahre alt war, wusste ich, dass das ein außergewöhnliches Pferd ist“, schwärmt Sönke Rothenberger von seinem Pferd. „Und zu Hause ist er ein Clown, er hält alle Leute im Stall komplett auf Trab, liebt es, im Mittelpunkt zu stehen.“

Dass der Weg aber direkt in die Aachen-Equipe führen würde, war so nicht zu erwarten. „Aber wir sind neben Kristina und Desperados das einzige Paar in der Equipe mit Championatserfahrung“, sagt Sönke Rothenberger lachend. Mit Cosmo startete er 2014 bei der EM der Jungen Reiter, holte Team-Gold und Einzel-Bronze. „Und in der Kür wurde ich Letzter, da Cosmo sich erschrocken hat.“

Kristina – das ist Team-Weltmeisterin Kristina Bröring-Sprehe (Dinklage), die bei der EM 2015 in Aachen nach Team-Bronze im Einzel zweifache Vize-Europameisterin wurde. Und auf Desperados auch 2012 in London schon zum deutschen Silber-Team gehörte. Damals saß Dorothee Schneider (Framersheim) im Sattel von Diva Royal, bei der DM sicherte sie sich etwas überraschend mit Showtime den Kür-Titel und das Aachen-Ticket. Die Vierte im Bunde ist Isabel Werth (Rheinberg), die nach dem Ausfall ihrer Spitzenpferde Bella Rose und Don Johnson mit Weihegold – Spezial-Gold gab es bei der DM – das Feld der Konkurrenten von hinten aufrollte.

„Unsere Dressurmannschaft ist so stark wie noch nie zuvor. Bei der DM sind unsere vier Pferde alle über 80 Prozent gegangen“, verweist Sönke Rothenberger selbstbewusst auf die Ergebnisse. „Andere Nationen sind schon froh, wenn sie zwei Reiter haben, die über 80 Prozent gehen können.“

Beim CHIO Aachen ist der Sieg der deutschen Dressurreiter quasi eine Pflichtaufgabe, und auch in Rio sollten sie die Favoriten anführen.

Noch deutlich Luft nach oben

Bei Cosmo sieht Rothenberger noch deutlich Luft nach oben. „Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht, wir haben es bisher noch nicht geschafft, eine fehlerfreie Runde zu zeigen. Und trotzdem sind wir schon bei über 80 Prozent“, so der 21-Jährige, der – anders als sein Vater – übrigens nie über einen Nationalitätenwechsel nachgedacht hat.

„Im Einzel sollte es für die Top 10 es reichen. Auch die Top 5 sind drin, wenn alles gut läuft. Und ehrlich gesagt: Die Top 3 wären super – aber mein Ziel sind erst einmal die Top 10“, blickt Sönke Rothenberger mit schelmischem Grinsen auf den CHIO Aachen, bei dem auch die Rio-Tickets verteilt werden, voraus. „An Olympia oder die Goldmedaille denke ich noch gar nicht, die schwerste Hürde ist erst einmal, überhaupt in die Mannschaft zu kommen.“

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