Aachen - Das zeitlose Lächeln einer stillen Königin beim CHIO

Das zeitlose Lächeln einer stillen Königin beim CHIO

Von: Christoph Velten
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Aachen, Dienstagmorgen: Schwedens Königin Silvia besichtigt den Parcours der ersten Springprüfung. Sie sagt, das CHIO strahle Herzenswärme aus, und es sei beeindruckend zu erleben, wie Menschen aus allen Nationen hier zusammenkommen. Foto: dpa, Michael Jaspers, Michael Strauch
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Aachen, Dienstagmittag: Königin Silvia im Gespräch mit unserem Redakteur Christoph Velten.

Aachen. In den Müßiggang des ersten Turniermorgens kommen die Hoheiten sehr unaufgeregt hineingefahren, da passt es gut, dass Carl Gustaf und Silvia Zeit mitgebracht haben. Während ihre Limousine auf dem CHIO-Gelände in der Aachener Soers vorfährt, lernen ein paar weniger erfahrene Reiter mit ihren Pferden das Springstadion ein bisschen kennen.

Zuschauer sitzen nur ganz vereinzelt im Stadion, aus dem noch leeren VIP-Zelt hinter der Reitertribüne dudelt leise Jazzmusik. So richtig los geht es erst am Abend.

Es ist 11.30 Uhr, als Schwedens König und seine Königin aus dem Wagen steigen. Turnierdirektor Frank Kemperman steht da und verneigt sich, wie es sich gehört. Carl Gustaf mit Hut und Sonnenbrille, Silvia in Weiß, der Blazer beige. Sie lächelt ihr Königin-Silvia-Lächeln, mit dem sie in den 70ern erst Carl Gustaf und später dann ganz Schweden verzauberte.

Nun steht sie in Aachen und schaut mal hier und winkt mal dort. Es werden Fotos gemacht, ein paar überraschte Besucher klatschen vor Freude in die Hände. Der Tross macht sich auf zu den Stallungen, doch immer wieder mal muss selbst das Königspaar warten, weil ein paar Pferde ihren Weg kreuzen und Vorfahrt haben. Silvia sagt, sie sei beeindruckt.

Es sind Zeiten, die von vielen als bedrohlich empfunden werden. Globalisierung, Digitalisierung, dazu die Flüchtlingskrise, der Terror, der Brexit, solche Sachen. Die Sehnsucht nach Beständigkeit ist da noch etwas größer als sonst, und so kommt es, dass die europäischen Königshäuser wieder an Bedeutung gewinnen. Die Royals sind beliebt wie lange nicht, vielleicht auch, weil sie mit ihren Traditionen, Kronen und Kutschen das Bedürfnis nach jenen Zeiten verkörpern, die vermeintlich besser, jedenfalls aber einfacher gewesen sind.

Doch ganz so einfach ist es nicht.

Fragt man den Adelsexperten Rolf Seelmann-Eggebert, dann spricht er von einem „enormen Druck“, unter dem die Adelshäuser heute stehen. „Die müssen richtig Leistung bringen“, sagt er, weil sie wüssten, dass es keines blutigen Staatsstreiches mehr bedürfe, um die Krone abzuschaffen. „Ein Handstreich des Parlaments würde genügen“, sagt Seelmann-Eggebert, der seit Jahrzehnten für die ARD über Europas Königshäuser berichtet.

Die Zeiten also, in denen man als Hochadeliger wie selbstverständlich auf dem hohen Ross sitzen, sich hinter die Schlossmauern zurückziehen und unbehelligt seinen dekadenten Hobbys nachgehen konnte, sind vorbei. Wenn Staaten per Volksentscheid aus der EU austreten können, warum sollten sie nicht eine ähnliche Entscheidung treffen, wenn mal wer auf die Idee kommt, die Monarchie zur Abstimmung zu stellen?

„Nicht runterfallen“

Um das zu verhindern, muss man zunächst einmal im Gespräch bleiben – am besten mit positiven Schlagzeilen. Im Interview mit unserer Zeitung schafft Königin Silvia das mit charmanter Leichtigkeit. „Es ist ein Traumtag“, sagt sie und sieht man das Glitzern in ihren Augen, hat man keine Zweifel, dass sie es auch so meint. Zehn Jahre habe sie ja in Düsseldorf gewohnt, schon zu dieser Zeit habe sie immer mal zum CHIO kommen wollen. „Leider habe ich immer den richtigen Zeitpunkt verpasst.“

Sie ist also das erste Mal auf dem Aachener CHIO-Gelände. Und die Königin, die ihren Mann 1972 bei den Olympischen Spielen in München kennen- und lieben lernte, fühlt sich an diesem Tag ein bisschen an Olympia erinnert. Die vielen Nationen, die tolle Organisation, die große Herzenswärme und Harmonie, schwärmt Silvia. „Wir leben in einer merkwürdigen Zeit. Da geben solche Veranstaltungen wie das Reitturnier in Aachen Mut für die Zukunft“, sagt sie.

Seelmann-Eggebert sagt, Silvia habe der schwedischen Krone wieder Glanz verliehen. Ihre Hochzeit mit Carl Gustaf 1976 habe die Menschen euphorisiert. Für den schüchternen König war das hübsche Mädchen aus Deutschland ein Glücksgriff.

Es folgte ein Leben wie im Bilderbuch auf Schloss Drottningholm bei Stockholm. Die Kinder Victoria, Carl Philip und Madeleine machten das Bild der sympathischen Familie rund. Das persönliche Glück, das ja in diesem Fall auch immer irgendwie auch das Glück einer ganzen Nation repräsentiert, schien perfekt. Doch irgendwann sah das nur noch so aus.

Es folgten Jahre der Krisen, der Negativschlagzeilen und der Gerüchte. Immer öfter hieß es, die Ehe von Silvia und Carl Gustaf stehe vor dem Aus. In Rotlichtclubs soll sich der Monarch herumgetrieben und in den späten 90er Jahren gar eine Affäre gehabt haben. Silvia schwieg sich aus – und blieb an seiner Seite. Dass die Beziehung schon Jahrzehnte hält, ist wohl vor allem ihrer besonnenen Art zu verdanken. Und bald überwiegen wieder die guten Nachrichten aus dem Königshaus.

Das liegt vor allem an Kronprinzessin Victoria, ihrem Mann Daniel und den Kindern Oscar und Estelle. Victoria ist mittlerweile beliebter als ihre Eltern, nicht wenige sehnen einen Wechsel an der Spitze herbei, wie er in den Niederlanden oder Spanien schon vollzogen ist.

Trotzdem schätzen die Schweden ihre Königin sehr, mögen die Stille ihres Wesens. Silvia selbst hat einmal über sich gesagt, sie habe einen deutschen Kopf, ein brasilianisches Herz und eine schwedische Seele. Öffentlich gibt sie sich stets verhalten. Doch Seelmann-Eggebert, der mit ihr zweimal nach Brasilien gereist ist, sagt: „Privat ist sie durchaus temperamentvoll, von ihrer brasilianischen Mutter beeinflusst.“ Die wahre Silvia bleibt der Öffentlichkeit also meist verborgen. Auch an diesem Tag in der Aachener Soers.

Natürlich sind in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten unzählige Artikel im Boulevard erschienen, die sich der heute 72-Jährigen anzunähern versuchten. Auch Dienstagnachmittag steht neben uns eine Redakteurin der „Gala“ mit am Tisch.

Es geht um die Enkelkinder, den nächsten geplanten Urlaub, so was in der Art. Silvia kennt das, bleibt freundlich und gibt kleine Einblicke in die privaten Gegebenheiten. Enkelin Estelle (4) striegele gern Pferde, erzählt Silvia zum Beispiel, helfe mit Begeisterung im Stall beim Saubermachen. Thronfolgerin Madeleine sei in ihrer Jugend viel geritten, auch über Hindernisse gesprungen, obwohl sie, Silvia, doch eher für die Dressur plädiert habe.

Silvia ist ein Familienmensch, das wird in all ihrem Tun deutlich. Auch am Dienstag ist sie oft umringt von ihren Nichten und Neffen. Ein Teil ihrer Verwandtschaft lebt seit vielen Jahren in Eupen-Kettenis, rund 20 Kilometer südlich von Aachen. Dort, bei ihrem Bruder Ralf, wohnen Carl Gustaf und Silvia für die drei Tage, die sie auf dem CHIO verbringen. „Ein Stück Heimat“, sagt die Königin. Schon oft sei sie durch Aachen geschlendert, „nicht immer erkannt, aber oft“. Sie habe eingekauft, immer freundlich begrüßt von den vielen netten Menschen dort.

Ob sie selbst reite, will man noch wissen. „Früher“, sagt Silvia. Und welche Disziplin? „Nicht runterfallen“, sagt die Königin und lacht.

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