„Früher gab es hier nur eine Würstchenbude”

Von: Verena Richter
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Seit fünf Jahrzehnten erlebt
Seit fünf Jahrzehnten erlebt Ingeborg Böckling die Entwicklung des CHIO hautnah mit. Auch wenn ihr manche Veränderung anfangs schwer fällt, hat sie dennoch Verständnis dafür. „Ich trage ja auch keine Schuhe, die 85 Jahre alt sind.” Foto: Harald Krömer

Aachen. Ihre Freunde wissen genau, Ingeborg Böckling in dieser speziellen Woche anzurufen, hat nur ganz wenig Aussicht auf Erfolg. In dieser speziellen Woche ist Ingeborg Böckling nämlich nur ganz selten daheim.

Wer die 72-Jährige gerne sprechen möchte, der sucht die lebenslustige Rentnerin am besten auf dem Turniergelände des CHIO, wo sie höchstwahrscheinlich im Block D der Aachen-Münchener-Tribüne sitzt und aufmerksam mit Stift und Starterliste dem Geschehen im Stadion folgt.

Ingeborg Böckling und der CHIO - das ist eine ganz besondere Liebe. Eine Liebe, die vor exakt 50 Jahren begonnen und in all der Zeit nie an Feuer verloren hat. 1962 als Alwin Schockemöhle zum ersten Mal mit „Freiherr” den Großen Preis von Aachen gewann, kam Ingeborg Böckling dem Studium wegen in die Kaiserstadt. Eigentlich wollte sie ja lieber nach Freiburg, doch mangels freier Studienplätze entschied sich die Hörgrenzhauserin dann doch für Aachen. „Und damals gehörte für die neuen Studenten eine Stadtrundfahrt zum Programm. Wir waren natürlich im Dom und wir sind zum CHIO gebracht worden”, erinnert sich Ingeborg Böckling. Als sie damals zum ersten Mal auf dem Sattelplatz stand, war es prompt um sie geschehen. „Es war Liebe auf den ersten Blick”, erklärt sie freudestrahlend.

Umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass die junge Frau bis dahin keine nennenswerte Verbindung zum Reitsport hatte. Doch die spezielle Mischung aus sportlichem Wettkampf, internationalem Flair und begeistertem Publikum hat eben diese Liebe entfacht, die Ingeborg Böckling seitdem fast jedes Jahr in dieser speziellen Woche in die Soers eilen lässt.

Zwei Turniere hat sie verpasst, sonst war sie immer da, hat spannende Finale, strahlende Sieger und sportliche Tragödien gesehen, hat die Entwicklung des Turniers hautnah mitbekommen und erlebt, wie sich mit der Zeit das Publikum um sie herum gewandelt hat.

„Wo der harte Kern sitzt”

Gerne erinnert sie sich an einen jungen Mann, der wie sie Jahr für Jahr zum CHIO gekommen ist, erst allein, dann in Begleitung seiner Freundin und später mit dem Nachwuchs. „Heute reitet das Kind der beiden selbst. Also, ich finde das toll”, sagt sie, die selbst immer alleine zum Turnier geht. Freunde und Bekannte trifft sie auf dem Gelände beziehungsweise im Block D der AM-Tribüne, da „wo der harte Kern sitzt”. Menschen, die wie sie mit Stift und Starterliste dem Verlauf des Springens folgen, die natürlich den deutschen Reitern besonders die Daumen drücken, aber dennoch immer jubeln und klatschen, wenn Teilnehmern anderer Nationen fehlerfreie Durchgänge geglückt sind. „Das Publikum ist unheimlich fair hier”, sagt die Wahl-Aachenerin. Und das habe sich in den vielen Jahren nicht geändert, während andere Dinge mittlerweile ganz anders seien als vor 50 Jahren.


Mit den Veränderungen, etwa dem Verlust der Picknickwiese 2005, als Meredith Michaels-Beerbaum mit „Shutterfly” ihren großen Erfolg in Aachen feierte, oder der Verlagerung des Kutschenrennens, das Ijsbrand Chardon 2007 zum ersten Mal auf den Soerser Wiesen und nicht mehr im Wald gewann, hadert Ingeborg Böckling nicht - oder besser: nicht lange.

„Jede Veränderung hat ihren Prozess nötig. Ich verstehe, dass sich das Turnier verändern muss, auch wenn es am Anfang vielleicht schwer fällt. Aber ich trage ja auch keine Schuhe, die 85 Jahre alt sind. Wichtig ist, dass hier alle mit dem Herzen dabei sind, das Publikum aber auch die Verantwortlichen und Organisatoren. Hier ist jeder hilfsbereit, freundlich, alle lächeln. Dafür muss man sich eigentlich auch mal bedanken”, sagt die pensionierte Diplomsozialarbeiterin, die einige Neuerungen auch sehr genießt.

Die Zeltstadt etwa, durch die sie gerne bummelt, wenn gerade kein spannender Wettkampf stattfindet, oder die Möglichkeit im Restaurant zu essen. „Früher gab es nur eine Bude, an dem man Brühwürstchen kaufen konnte. Da lernte man noch den Geschmack eines Würstchens richtig zu schätzen”, erinnert sie sich lachend.

Sie schätzt auch, dass heute der Zugang zu den Sportlern viel leichter geworden ist. Man traue sich heute viel eher einen Sieger nach einem Autogramm zu fragen, als noch vier 40 oder 50 Jahren. Da habe man allenfalls die jungen Reiter gefragt und auch nur, wenn man selbst etwa im gleichen Alter gewesen sei. Und dann erzählt sie von einer besonderen Begebenheit: Vor einigen Jahren durfte nämlich ihre Mutter das Pferd von Olympiasieger Ulrich Kirchhoff streicheln. „Er hatte zufällig gehört, wie meine Mutter mir gegenüber diesen Wunsch äußerte”, sagt Ingeborg Böckling, der diese freundliche, kleine Geste bis heute sehr viel bedeutet und ihr wohl ewig im Gedächtnis bleiben wird.

Ja, geändert hat sich vieles rund um den CHIO, Ingeborg Böckling liebt ihn dennoch genauso wie früher. Sie liebt den Sport und die besondere Atmosphäre in der Soers, die man in dieser speziellen Woche in der ganzen Stadt bemerkt. Sei es durch den Schaufenster-Wettbewerb, die Fähnchen an den Aseag-Bussen oder die Flaggen entlang der Krefelder Straße - diese spezielle Woche ist einfach etwas besonderes.

Und das liegt auch an Menschen wie Ingeborg Böckling.


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