Aachen - Die allerbesten Pferde und ihr allerbestes Publikum

Die allerbesten Pferde und ihr allerbestes Publikum

Von: Bernd Mathieu
Letzte Aktualisierung:
CHIO-Geschichte(n): Hans Lanck
CHIO-Geschichte(n): Hans Lanckohr aus Jülich startete mit großem Erfolg früher beim Aachener Reitturnier, das er jetzt mit seiner Frau Margot Tag für Tag besucht. Er kann was erzählen!

Aachen. Wenn du wissen willst, wer hier unterwegs ist, musst du halt losgehen. Leute ansprechen, fragen. Das funktioniert, weil in dieser Woche alle gut gelaunt sind. Du kannst auch den Spott gewisser Freunde ertragen, die sagen: „Oh, der Chef arbeitet heute selber.” Und du antwortest dann: „Richtig, kleine Unterbrechung der Ganz-Jahres-Sommerfrische.”

Wer sich auf das Publikum einlässt, hat schon gewonnen. Die Stadionsprecher verkünden es Jahr für Jahr und mehrfach am Tag, dass es das beste der Welt sei. Keine Übertreibung, sondern nichts als die reine Wahrheit. Sogar als unsere niederländischen Freunde in der Spätschicht des zweiten Umlaufs den Nationenpreis orangefarben stylen, klatscht der Aachener und erzählt eben nicht irgendeinen blöden Witz über gelbe Nummernschilder.

Was für eine Wortwahl!

Lassen wir uns zum Start erst einmal das Gütesiegel aus berufenem und offiziellem Zuschauer-Mund ausstellen. Das funktioniert, indem man den Präsidenten des Pferdesportverbandes Rheinland e.V. direkt fragt. „Sagen Sie mal, Herr Witte, warum kommen Sie seit Jahrzehnten immer wieder gerne nach Aachen?” Dann antwortet Friedrich Witte, der mit dem Verband 70.000 Mitglieder in 619 Vereinen repräsentiert, ohne eine Sekunde rhetorischer Verzögerung: „Viele Reitervereine im Rheinland gehören zum Stammpublikum. Der Rheinische Verband identifiziert sich mit Aachen, alle sind stolz darauf, dass wir Aachen in unserem Beritt haben.” Treffender können Wortwahl und Lob nicht sein!

Wittes Vize, Heiner Nachbarschulte aus Dorsten, ist Vorsitzender des RV Gahlen. Der darf sich mit mehr als 600 Mitgliedern größter Reitverein im Pferdesportverband nennen. Aus Gahlen kommen seit Jahren komplette Busladungen in die Aachener Soers. Sie gehören zu den Hunderttausenden, die durch den CHIO, seine sportlichen Qualitäten und seine einzigartige Atmosphäre unabhängig von den üblichen Wetterkapriolen zu Jahreshochzeitstimmungen verführt werden. Die beiden Herren bestätigen das mit einem von Lächeln begleiteten Kopfnicken. Unausgesprochenes wird durch die Geste überzeugend ersetzt. Sie stimmen zu, als Thilo von Trotha, ehemals ebenfalls rheinischer Springreiter und bekannter Aachener Notar, launig ergänzt: „Erst kommt das Pferd, dann der Mensch, dann das Tier.”

Alle drei kennen unseren nächsten Gesprächspartner, der uns auf dem Weg in Richtung Parcours begegnet. Der ältere Herr trägt als Schutz gegen den Regen einen feschen Hut. Und geht derart dynamisch und kerzengrade, dass man den erfahrenen Reitersmann erkennt. Mit seiner Frau besucht er seit Jahrzehnten dieses Turnier, und früher ist er hier mit großem Erfolg gestartet: Hans Lanckohr aus Jülich.

Der Mann kann aus seiner sportlichen Biografie grandiose Geschichten erzählen. Am nächsten Tag bringt er Originale aus seiner wertvollen Foto-Sammlung mit. Das müssen wir natürlich kurz erzählen, liebe Freundinnen und Freunde des Reitsports. Der heute 77-jährige Landwirt atmete mit seinem legendären Pferd Astor Höhenluft. Das einäugige (!) Pferd übernahm er von seinem Onkel Gabriel, der den guten Astor zwei Meter und höher über Mauern und Ginstersprung bugsierte. Hans legte später, wie er heute mit Zwinkern zugibt, auch mal eine, so formuliert er es, „Bauchlandung” hin. Er hat das verkraftet.

Große Erfolge erzielt er auch mit Titan, erreicht in Aachen im sogenannten Kanonenspringen, einer schweren Prüfung, nach Stechen den zweiten Platz hinter Fritz Tiedemann und vor Hans-Günter Winkler. „Tiedemann und ich waren die Einzigen ohne Fehler. Ich bin nicht stolz, aber glücklich, so weit gekommen zu sein.”

Das klingt nach vornehmer Zurückhaltung, und das ist es auch. Hans Lanckohr gehörte mehrfach zur deutschen Equipe mit Winkler und Anna Clement bei Nationenpreisen, nominiert vom legendären Gustav Pfordte. Dreimal war er platziert beim Großen Preis von Aachen. Fritz Tiedemann nennt er seinen „väterlichen Freund”, und eine ähnliche Rolle hat er selber für Hermann Schridde gespielt.

Zu groß und zu breit

Er besucht natürlich den CHIO und andere Turniere, fördert jungen Reiterinnen und Reiter, erwähnt vor allem Natalie Destree-Kradepohl. Seine Frau Margot, die als Kind ein einziges Mal auf einem Ackerpferd saß und es „viel zu groß und zu breit” fand, ist fast immer dabei, diese Woche in Aachen jeden Tag. Die beiden sitzen auf der Tribüne und verfolgen alle Springen. Frau Lanckohr notiert akribisch genau die Ergebnisse. Hans Lanckohrs Schwester machte das früher ähnlich und verewigte sämtliche Preisgelder und Platzierungen ihres Bruders. Mit Titan, so lesen wir da, erreichte der erfolgreiche rheinische Reiter bei 53 Siegen und 200 Platzierungen 41.920 Deutsche Mark und 89 Pfennige.

Soers-Geschichte, Soers-Geschichten. Gerta Michels aus Baesweiler war als „junges Mädchen” zuletzt beim Turnier und hat eine jahrzehntelange CHIO-Pause eingelegt. Über die Aboplus-Karte unserer Zeitung ist sie jetzt mit ihrem Mann Fred wieder ganz nahe an den weltschönsten Parcours gerückt. „Dieses grandiose Stadion, das ist natürlich alles neu für mich.” Aber in ihre Begeisterung mischt sich nicht die Spur von Kritik, von wegen kein Volksfest mehr, alles zu kommerziell oder andere übliche Nostalgie-Erklärungen. Nein: Die Michels sind rundum überzeugt an diesem - auch regnerischen - Tag. „Diese Anlage hier ist einfach toll geworden, was ganz Besonderes.”

Ob Moritz das ähnlich sieht? Wahrscheinlich ist er heute der jüngste Besucher, drei Monate alt. Wer bietet weniger? Egal. Wir entdecken den kleinen Mann in einem Raum unter der Haupttribüne. Da thront er auf dem Schoß seines Vaters, der seinen linken Zeigefinger zur Verfügung stellt. Der schmeckt lecker! „Ich passe aufs Kind auf”, sagt Dr. Andreas Warnecke, der promovierte Landwirt aus dem Pferde-Mekka Warendorf. Seine Frau Dr. Teresa Dohms-Warnecke ist mit fürs Schaubild verantwortlich, Papa fürs Babysitten. Das ist die Rollenverteilung in der CHIO-Woche. Papa genießt das offensichtlich. Mit Pferden, sagt er, habe er gar nichts zu tun, dafür seine Frau „zu 150 Prozent”. Wenn es beim CHIO einmal nicht regnet, schiebt er den Sohnemann über die große Anlage, am liebsten „über Huckel”. Und längst hat der Vater festgestellt: „Moritz findet Springen viel interessanter als Dressur.” Gut für die pferdebegeisterte Mama, dass ihr Mann das schon mal geklärt hat! Wie wohl der Herr Doktor sich beim CHIO, den er 2006 zum ersten Mal besucht hat, fühlt, erklärt er unaufgefordert: „Moritz ist drei Monate alt, rechnen Sie mal zurück ins vergangene Jahr. . .”

Diese Aufgabe überlassen wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, nun ganz alleine und biegen in die Endphase unserer mehrfachen Kombination ein. Nur wenige Türen nebenan treffen wir Peter Casier, einen gut beschürzten Dienstleister besonderer Art. Das Wort Art darf getrost mit Kunst übersetzt werden; denn dieser Mann kreiert in der „Aachen-Lounge” für die mal mehr, mal weniger prominenten Besucherinnen und Besucher finessenreiche CHIO-Kost. Der in Aachen geborene Belgier mit Eltern aus Ostende sorgt für eine besondere Qualitätsnote. Sein Nachteil: Die meiste Zeit verbringt er kochend in den Katakomben unter der Tribüne. Für Pferde bleibt da nicht viel Zeit. Also beurteilt er die Menschen und sagt was Feines: „Ich bin fasziniert davon, wie fröhlich die Leute sind, egal ob bei schönem oder bei schlechtem Wetter.”

Kaum erkannt hätten wir dann einen langjährigen Gesprächspartner in Sachen Kommunikation. Walter Franzen, der ehemalige PR-Direktor der Sparkasse Aachen, hat sich in das ideale Turnier-Outfit dieser Tage ge- und verkleidet: Kappe, Mütze, Anorak, Fotoapparat. Der Pensionär erlebt den CHIO endlich als „normaler” Besucher, der sich nicht um Ehrengäste und Tischordnungen kümmern muss. „Ich bin glücklich, hier frei von Verpflichtungen unterwegs zu sein, zu schauen, zu fotografieren, Menschen zu treffen.”

Und dann haben wir, zum guten Schluss, noch drei Premierengäste. Sie sitzen mitten in dieser Melange aus fachsimpelnden, schwätzenden, kenntnisreichenden, staunenden, mitfiebernden Zuschauern: Kerstin Vogt mit ihren Töchtern Lena (8) und Nele (4). Die Karten haben sie geschenkt bekommen und jetzt „gucken sie einfach mal, was denn so los ist.” Unkompliziert und typisch, diese netten Besucherinnen aus Würselen.

Was für ein Publikum!
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