Der Olympiasieger und die Prüfung seines Lebens

Von: Marlon Gego
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Hut ab! Der Kanadier Eric Lamaze wurde gestern im Preis von NRW Zweiter. Am Sonntag, im Großen Preis von Aachen, gilt der Weltranglistenerste als Favorit. Foto: Thomas Rubel

Aachen. Es gibt im Internet unzählige Filme, in denen man Eric Lamaze beim Reiten zusehen kann. Lamaze, wie er hier reitet und dort, wie er das Eine-Million-Dollar-Springen in Kanada gewinnt und wie er in Hongkong Olympiasieger wird.

Man sieht junge Frauen jubeln oder hört Fernsehkommentatoren nach Worten suchen. Man hört das Publikum rasen, wenn er wieder einmal irgendwo auf der Welt gewonnen hat. Wo Lamaze reitet, reagiert das Publikum, immer. Am Freitag war es auch in Aachen wieder zu sehen. Und als er aus dem Parcours ritt, lächelte er ein bisschen ungläubig und sah aus wie ein Kind, das Weihnachten Geschenke auspackt.

Dass Lamaze mal zur Weltspitze zählen würde, war früh absehbar, und ist doch so etwas wie ein Wunder, das er sich selbst verdankt. Der 42-jährige Kanadier ist im Moment der erfolgreichste Springreiter der Welt. Er führt die Weltrangliste an, ist Olympiasieger, und am SonntagÊ einer der Favoriten für den Großen Preis von Aachen. 2006 war er mal Dritter, näher ist er der wichtigsten Prüfung des Springsports nach Weltmeisterschaft und Olympischen Spielen noch nicht gekommen.

Um Lamazes Wunder nachvollziehen zu können, muss man seine Vergangenheit kennen, und einer, der sie mal aus der Nähe, mal aus der Ferne beobachtet hat, ist George Morris. Morris ist ein kleiner drahtiger Mann von Mitte 70, der selbst in der Hölle noch Tweedsakkos tragen würde. Man sieht ihn niemals ohne. Außerdem ist er einer der besten Reitlehrer der Welt und in Aachen Chef der amerikanischen Equipe.

Als Lamaze ein Kind war, hat er in den Ferien Reitkurse besucht, die Morris gegeben hat, Ende der 70er Jahre. Morris sagt, man habe sofort gesehen, dass aus Lamaze ein großer Reiter werden könne. „Weniger wegen seiner guten Technik, eher wegen seines Blicks”, sagt Morris. „Er hatte diesen Blick, wie Menschen ihn haben, die großen Ehrgeiz mit großer Entschlusskraft kombinieren. Schon als Kind.” Das sei es in erster Linie, was Lamaze anderen Reitern voraus habe.

Und natürlich, die Gründe dafür seien in seinem Lebenslauf zu finden.

Lamaze hat einen vollkommen anderen Lebenslauf als die meisten Spitzenreiter, weder kommt er aus gut situierten Verhältnissen, noch hatte er wohlhabende Förderer. Was er ist, hat er allein sich selbst zu verdanken, er sagt: „Am Anfang war ich mit meinem Traum ziemlich allein.” Mit seinem Traum, ein Spitzenreiter zu sein. In einem immer noch relativ elitären Sport wie Reiten ist es zumindest ungewöhnlich, einen solchen Traum allein und aus eigener Kraft zu erreichen.

Lamaze kommt aus vollkommen zerrütteten familiären Verhältnissen. Er ist im Großraum Toronto aufgewachsen, zunächst bei seiner kokainabhängigen Mutter. Als sie wegen Drogenhandels ins Gefängnis musste, lebte Lamaze bei seiner alkoholkranken Großmutter. Mit 14 schmiss er die Schule und beschloss, Profireiter zu werden. Mit 15 bekam er die Gelegenheit, in einem renommierten Stall in der Nähe von Montreal zu arbeiten. Wahrscheinlich war das die einzige große Chance, die er von seinem Leben zu erwarten hatte. Er nutzte sie.

Sein Talent war nicht zu übersehen, in den folgenden Jahren gewann er, was es für Junioren zu gewinnen gab. Er kämpfte sich nach oben. 1996 sollte sein großes Jahr werden, er war für Kanadas Nationalkader bei den Olympischen Spielen in Atlanta nominiert. Doch kurz vor den Wettbewerben wurde er positiv auf Kokain getestet. Im Reitsport gilt das als Doping. Er flog aus dem Kader und wurde für vier Jahre gesperrt. Aber Lamaze fand einen Anwalt, dem es gelang, ein Gericht davon zu überzeugen, dass Lamaze das Kokain wegen persönlicher Probleme genommen habe, nicht zur Beeinflussung seiner Leistung. Die Sperre wurde nach sieben Monaten aufgehoben, der kanadische Reitverband gab ihm eine zweite Chance.

Kurz vor den Olympischen Spielen 2000 in Sydney wurde er wieder positiv getestet, diesmal auf das Pharmazeutikum Ephedrin. Der Verband verhängte eine lebenslange Sperre, doch Lamaze hatte wieder Glück. Er konnte nachweisen, dass die positive Probe auf einen Nahrungsmittelzusatz zurückzuführen war, der falsch deklariert gewesen ist. Der Hersteller des Präparats bestätigte das: Ephedrin war in der Packungsbeilage nicht aufgeführt.

Lamazes Sperre wurde abermals aufgehoben. Die Konsequenz allerdings war, dass der kanadische Verband von seinen Olympiateilnehmern eine Bestätigung verlangte, keine verbotenen Mittel zu nehmen. Lamaze hatte sich einer gesonderten Dopingkontrolle zu stellen - und wurde positiv getestet, dieses Mal wieder auf Kokain. Lebenslange Sperre.

Aber Lamazes Anwalt gab nicht auf. Am Ende überzeugte er ein Gericht davon, dass Lamaze wegen der unrechtmäßigen Ephedrin-Sperre etwas aus der Bahn geraten sei. Da habe er wieder mit dem Kokain begonnen. Der Anwalt führte Lamazes Depressionen ins Feld, seine schwierige Kindheit. Auch die dritte Sperre wurde aufgehoben.

Was für eine Geschichte.

Am Freitag ist Eric Lamaze das erste Mal bei diesem CHIO an den Start gegangen, er ist erst am Donnerstag aus Kanada gekommen. Er und Hickstead, sein Pferd, haben sich durch den Parcours gearbeitet, Hickstead machte gewaltige Sätze und schnaufte wie ein Nilpferd beim Auftauchen. Nach dem ersten Sprung begannen die Zuschauer zu raunen. Hickstead galoppierte, als ginge es um alles, er geht jeden Sprung an, als sei es sein letzter. Lamaze und Hickstead blieben ohne Fehler und wurden im Stechen Zweite.

Lamaze und Hickstead bilden so etwas wie eine Symbiose, ihre Charaktere ähneln sich. Hickstead ist nicht das beste Pferd der Welt, aber es hat ein gewaltiges Herz. Lamaze ist nicht der beste Reiter der Welt, aber vielleicht ist er der größte Kämpfer. Wenn er in seinem Leben eines gelernt hat, dann zu kämpfen. Lamaze sagt: „Ein Pferd zu finden, dessen Persönlichkeit der eigenen gleicht, ist ein Glücksfall.” Die Zuschauer nehmen so etwas wahr, vielleicht nur unterbewusst, aber es ist ein Ereignis, das Paar bei der Arbeit im Parcours zu beobachten. Das ist der Grund, warum eigentlich jedes Publikum der Welt auf Lamaze und Hickstead reagiert. Hickstead hat Lamazes Karriere verändert, die wichtigen Siege hat er fast alle mit diesem Pferd erritten.

Als Eric Lamaze 2008 Olympiasieger wurde, stand Rolf-Göran Bengtsson am Zaun und schaute zu. Bengtsson, 48, ein sehr kleiner, sehr dünner und sehr blonder Mann aus Schweden, ist damals genau so gut gewesen wie Lamaze, ein Stechen musste darüber entscheiden, wer Gold und wer Silber gewinnen würde. Bengtsson ritt zuerst, er machte einen Fehler. Ihm war fast schon klar, dass es nur zu Silber reichen würde. Er stieg vom Pferd, stand am Zaun und schaute zu, wie Lamaze Gold gewann. Als Lamaze aus dem Parcours kam, war Bengtsson der erste, der ihm gratulierte. „Es klingt vielleicht seltsam”, sagt Bengtsson, „aber ich konnte mich schon in diesem Moment für ihn freuen. Eric ist ein guter Typ.”

Mit wem man auch über Eric Lamaze spricht, nie fällt ein böses Wort. Viele mögen ihn, alle respektieren ihn. Lamaze ist höflich, fröhlich und macht nicht sehr viel Aufhebens um sich. Wenn man ihn in Aachen sieht, wie er auf der Teilnehmertribüne zwischen den Reitern und Trainern sitzt, wie er hier ein Schwätzchen hält und da einen Witz erzählt, dann erhält der meist klischeehaft verwendete Begriff „Reitsportfamilie” eine neue Dimension. Lamaze gehört dazu, er ist angekommen. Für einen wie ihn ist das keine Selbstverständlichkeit.

Kein Wunder, dass er manchmal aussieht, als könne er das alles gar nicht richtig fassen.
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