Alwin Schockemöhle: „Ich würde alles wieder genauso machen“

Von: Christoph Pauli und Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
15017370.jpg
Montreal, 1976: Alwin Schockemöhle holte bei Olympia auf Warwick Rex im Einzelwettbewerb, der damals Jagdspringen hieß, Gold. Foto: imago/Sven Simon, imago/Rudel, dpa
15017371.jpg
Zudem gewann er mit der Mannschaft die Silbermedaille. Foto: imago/Sven Simon, imago/Rudel, dpa
15016431.jpg
Legende mit Frau und Tochter auf rotem Teppich: Alwin, Rita (r.) und Christine Schockemöhle vergangenes Jahr in Aachen. Foto: imago/Sven Simon, imago/Rudel, dpa

Steinfeld/Aachen. Dass nicht mehr alle jüngeren Reiter und Reitsportfans wissen, was für eine Sportgröße Alwin Schockemöhle ist, hat wahrscheinlich damit zu tun, dass er sich seit Jahrzehnten vornehmlich abseits der Öffentlichkeit bewegt.

Sein jüngster Bruder Paul, ebenfalls ein großartiger Springreiter, aber lange nicht so erfolgreich wie Alwin, ist bis heute zu Gast bei vielen großen Turnieren: entweder, weil er Geschäfte macht, weil er schaut, wie seine Reiter sich machen, oder weil er nach neuen Pferden für seinen Stall Ausschau hält.

Alwin Schockemöhle, der Ende Mai 80 Jahre alt wurde, hat zwei Olympische Goldmedaillen gewonnen, eine Silbermedaille. Außerdem gewann er jeweils drei Mal das Hamburger Springderby und den Großen Preis von Aachen. Nur der aktuelle Olympiasieger Nick Skelton aus England gewann in Aachen noch öfter als Schockemöhle, nämlich vier Mal.

Wenn morgen erneut der Große Preis von Aachen ausgeritten wird, ist Alwin Schockemöhle zu Hause in Steinfeld im Kreis Vechta. Dass er überhaupt noch ein Interview gibt, ist eine von wenigen Ausnahmen, die es in den vergangenen Jahrzehnten gegeben hat.

Herr Schockemöhle, Sie haben vor kurzem einen runden Geburtstag gefeiert. Wie geht es Ihnen?

Schockemöhle: Genauso wie sonst auch. Nur dass ich jetzt 80 bin. Das Alter macht sich natürlich schon bemerkbar, mal geht es mir ganz gut, aber es gibt auch schlechtere Tage.

Sie sind einer von sehr wenigen Springreitern weltweit, die auch in der Vielseitigkeit und im Trabrennsport erfolgreich waren. Waren Sie einfach wahnsinnig talentiert, oder hatten Sie den Ehrgeiz, alle Disziplinen beherrschen zu wollen?

Schockemöhle: Beides, ich war ehrgeizig und talentiert. Ich war in Warendorf zur Ausbildung beim Olympia-Komitee. Damals noch unter der Herrschaft von Gustav Rau, und dort wurde eben alles trainiert. Der Trabrennsport kam später dazu. Als ich nicht mehr reiten konnte, wollte ich dennoch weiterhin im Pferdesport tätig sein.

Sie haben einerseits zwei Olympische Goldmedaillen im Springreiten, andererseits haben Sie mehr als 500 Trabrennpferde gezüchtet, darunter auch manche Derbysieger und Prix d’Amérique-Sieger. Welche Disziplin hat Sie am meisten befriedigt?

Schockemöhle: Das kann ich gar nicht so sagen. Alles hat mir zu seiner Zeit gefallen. Als das Thema Reiten für mich gesundheitlich nicht mehr in Frage kam, also nach 1977, habe ich mit dem Trabrennsport begonnen, und das hat mir sehr viel Spaß gemacht, schon weil ich auch in diesem Sport sehr erfolgreich war.

Sowohl Sie als auch Ihre Brüder Paul und der 2000 gestorbene Werner haben über besondere Talente im Pferdesport bzw. in der Pferdezucht verfügt, und Sie alle drei waren sehr erfolgreiche Unternehmer. Können Sie sich diese Besonderheit erklären, oder ist das Zufall?

Schockemöhle: Die ganze Familie war und ist immer noch pferdebegeistert, aber wir wussten auch immer, dass der Sport Geld kostet. Daher waren wir auch immer über den Reitsport hinaus tätig. Dass wir alle drei in beiden Bereichen so erfolgreich waren, liegt vielleicht daran, dass wir alle drei sehr ehrgeizig sind beziehungsweise waren. Werner lebt ja nicht mehr, Sie sagten es.

Sie selbst waren zeitweise an fast 20 Unternehmen beteiligt und haben trotzdem erfolgreich als Ausbilder und Züchter gearbeitet. Was war Haupt- und was war Nebenberuf?

Schockemöhle: Hauptberuf und vor allem Leidenschaft war für mich immer der Pferdesport. Bei den Unternehmen hatte ich sehr gute Partner an meiner Seite, mit denen ich gearbeitet habe, anders wäre es auch kaum gegangen.

Wo kommt Ihr fast schon legendärer Geschäftssinn her?

Schockemöhle: Den habe ich gar nicht, das glauben Sie nur. Ich würde vielleicht eher von einer Haltung beziehungsweise einer Einstellung sprechen: Für den Pferdesport brauchte ich Geld, und das musste ich mir eben verdienen.

Wofür verwenden Sie heutzutage Ihre Energie?

Schockemöhle: Primär für den Erhalt meiner Gesundheit, damit ich auch weiterhin so leben kann.

Aber Sie sagten mal, Sie hätten lange nicht mehr auf einem Pferd gesessen.

Schockemöhle: Ja, da haben Sie recht, ich weiß gar nicht mehr, wann ich zuletzt geritten bin.

Sie haben trotz Ihrer Erfolge nie zu den Lautsprechern Ihrer Branche gezählt. Trotzdem haben Sie einmal Ihren Sieg schon vor einem Springen angekündigt, erinnern Sie sich?

Schockemöhle: Das kann nur in Montreal gewesen sein, bei den Olympischen Spielen 1976.

Ja, genau das meinten wir. Warum waren Sie so sicher, dass Sie gewinnen würden?

Schockemöhle: Der Parcours war damals so schwer aufgebaut, aber für mich konnte es gar nicht schwer genug sein. Je höher, desto besser. Warwick Rex, mein Pferd, hatte enorm viel Herz und Vermögen, da wusste ich nach der Parcoursbesichtigung einfach, dass viele andere Starter auf der Strecke bleiben.

Sie hatten so starke Schmerzen, dass Sie mit Korsett geritten sind, oder ist das eine Legende?

Schockemöhle: In Montreal habe ich kein Korsett getragen, das ist wohl eine Legende.

Ach was, wirklich?

Schockemöhle: Doch, glauben Sie‘s mir ruhig.

Sie haben vor genau 40 Jahren Ihren Rücktritt als Aktiver nach vielen Wirbelverletzungen erklärt. Beobachten Sie die Springszene noch?

Schockemöhle: Natürlich tue ich das. Die wichtigen Springturniere schaue ich mir immer im Fernsehen an.

Im letzten Jahr sind Sie in Aachen in die „Hall of Fame“ des Deutschen Sports aufgenommen worden. Haben Sie noch einen Bezug zum CHIO, bei dem Sie drei Mal den Großen Preis gewonnen haben?

Schockemöhle: Ja, den habe ich nach wie vor. Das Aachener CHIO ist immer etwas Besonderes, es ist das Turnier im Reitsport überhaupt. Auch kenne ich den Veranstalter Frank Kemperman sehr gut. Wenn ich gesundheitlich könnte, dann würde ich jedes Jahr hinfahren und die ganze Woche bleiben.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass Reiten außerhalb von Olympischen Spielen eigentlich nur noch während des CHIO im Fernsehen übertragen wird?

Schockemöhle: Das stimmt so nicht ganz. Auch das Hamburger Derby und das Wiesbadener Pfingstturnier, auch einige anderen Turniere, werden im Fernsehen übertragen. Vielleicht nicht so umfangreich wie in Aachen, aber der Reitsport ist immer noch präsent.

Sie sind einer der bedeutendsten deutschen Sportler und einer der erfolgreichsten Springreiter aller Zeiten. Wie kommt es, dass Sie so selten öffentlich in Erscheinung treten?

Schockemöhle: Das hat wohl mit dem Alter zu tun. Außerdem genieße ich auch die Ruhe hier zu Hause in Mühlen. Hier habe ich alles, was ich brauche.

Wofür sind Sie dankbar, können Sie das spontan sagen?

Schockemöhle: Für alles. Ich bin dankbar für meine Erfolge, für meine Familie und dass ich so glücklich 80 Jahre alt werden konnte.

Haben Sie jetzt, mit 80, noch Pläne?

Schockemöhle: Dass ich halbwegs gesund über die Runden komme, mehr wünsche ich mir eigentlich nicht mehr.

Stimmt eigentlich Hans-Heinrich Isenbarts These, dass Pferde die besseren Menschen sind?

Schockemöhle: Ach, ich finde, das kann man so nicht sagen. Ein schwieriger Vergleich.

Herr Schockemöhle, zum Abschluss: Waren Ihre vielen, vielen Erfolge die Einschränkungen, mit denen Sie nun leben müssen, es eigentlich wert? Oder würden Sie etwas anders machen, wenn Sie einen zweiten Versuch hätten?

Schockemöhle: Nein, ich würde alles wieder genauso machen, wie ich es gemacht habe. Kein Zweifel.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert