Wunder, Wandlungen und Visionen: Unglaubliche Gladbacher Hinrunde

Von: Bernd Schneiders
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Temperamentvoll: André Schubert gelang es, der Borussen-Mannschaft neues Leben einzuhauchen. Foto: sport/Moritz Müller
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Verzweiflung, Resignation? Lucien Favre litt am meisten unter dem Auftaktdebakel seiner Mannschaft. Foto: sport/Eibner

Mönchengladbach. Die vergangenen Monate waren eine wunderliche Zeit für Borussia Mönchengladbach. Und wohl der Beweis dafür, dass nicht alles zu erklären ist im Fußball. Erst ein unglaublicher Absturz zu Beginn der Spielzeit, der von niemandem in diesem Ausmaß erwartet werden konnte.

Dann die verblüffende Auferstehung unter einem U 23-Trainer und eine Aufholjagd in der Bundesliga, garniert mit respekteinflößenden Vorstellungen in der Champions League, die den Klub auf Platz 4 führte. Unfassbar! Unglaublich! Unerklärlich? Der Versuch einer Annäherung.

Phase 1

Gladbachs Transfers gelten bereits vor dem ersten Spieltag als gelungen: Lars Stindl, Josip Drmic, Andreas Christensen, Nico Elvedi. Dazu stößt verspätet Nico Schulz. Der Pokalsieg bei St. Pauli scheint das zu bestätigen. Dann der Schock: Die Mannschaft geht mit 0:4 in Dortmund unter. Das beste Team der Rückrunde in der Saison zuvor, gegen das es so schwierig war, ein Tor zu erzielen, zeigt sich als defensiv völlig überfordert und offensiv nicht existent.

In den Spielzeiten zuvor hatte häufig ein erfolgreicher Auftakt (etwa gegen die Bayern) die Favre-Elf beflügelt und durch die Saison getragen. Nun gibt es einen Knacks mit gegenteiligen Folgen, den Lucien Favre auch in den kommenden Wochen nicht zu kitten vermag. Stattdessen kürt  der Schweizer den 19-jährigen Christensen, der beim BVB gemeinsam mit Eigengewächs Marvin Schulz das Baby-Innenverteidigungsgespann gebildet hat, zum schwarzen Schaf und sortiert den Chelsea-Profi aus. Doch ob mit Jantschke und Schulz zentral vor Yann Sommer oder Roel Brouwers und Schulz – die defensiven Probleme bleiben, und die Niederlagen auch.

Nach fünf Spieltagen, 0 Punkten, 2:12 Toren und einem desaströsen Champions-League-Auftakt mit 0:3 und drei Strafstößen gegen Borussia beim FC Sevilla gibt Favre auf. Flucht, Einsicht oder Panik? Es war nicht die erste sportliche Krise, schon häufiger hatte der Grübler mit einem Ausstieg kokettiert. Für Eberl & Co. gehörte es beinahe zur Routine, Favre aus seinen Depressionen herauszuholen. Diesmal aber gelingt es nicht. Nach viereinhalb Jahren überzeugender Arbeit sieht sich der Tüftler offensichtlich nicht mehr in der Lage, die Situation zu bewältigen, macht sich vom Acker und lässt Sportdirektor Max Eberl, sein Trainerteam und die Mannschaft konsterniert zurück. Ob er dabei mehr an sich oder die Mannschaft denkt, bleibt unbeantwortet.

Phase 2

U 23-Trainer André Schubert übernimmt die Mannschaft. Zwei Tage drauf gelingt der erste Bundesliga-Sieg der Saison. 4:0 gegen Augsburg, mehr noch als das Resultat verblüfft dabei das Wie. Personell zieht der 44-Jährige Stindl aus dem Mittelfeld an die Seite von Raffael vor, in der Innenverteidigung vertraut der Interimstrainer auf Christensen, der bereits in Favres Abschiedsspiel in Köln sein Comeback feiern durfte (ob freiwillig oder auf Anregung von Eberl & Co. sei dahingestellt). Heraus kommt eine offensive, aggressive und mutige Vorstellung, wie sie die Mannschaft auch in guten Zeiten unter Schuberts Vorgänger noch nie gezeigt hat. Die Augsburger sind geschockt, die Zuschauer verblüfft und glücklich. Alle sind an die kontrollierte, auf Sicherheit und Ballbesitz bedachte Spielweise gewöhnt, die Favre dem Kader in den viereinhalb Jahren antrainiert hat.

Die Gegner werden zermürbt von den beinahe endlosen Stafetten der Kombinationskünstler. Geduld heißt das erste Gebot, lieber noch einmal hintenherum spielen, als den Ball durch einen riskanten Pass zu verlieren. Die Abstände zwischen den Spielern werden kurz gehalten, im Schwarm wird verteidigt und angegriffen. Das ist ökonomisch, macht den Gegner eher müde als die eigenen Spieler, das kollektive Positionsspiel macht die Räume für Angreifer extrem eng und reduziert Standards als Folge von Foulspiel oder Eckbällen auf ein Minimum.
Dies beherrschen die Favre-Schüler, doch sie sind in diesem Taktiknetz ebenso wie ihr Lehrer gefangen. Sie spielen nicht gegen den Trainer, aber sind zermürbt und ermüdet vom Extrem-Anspruch des Perfektionisten und seiner Detailarbeit. Favre verbessert selbst Kleinigkeiten hartnäckig, sieht nur, was zu verbessern ist, Lob und emotionales Doping sind seine Sache nicht. Erst recht nicht der Versuch, einfach einmal etwas anderes zu machen, etwas zu wagen. Er kann nicht raus aus seiner Sicherheitshaut.

Das aber ist der Ansatz von André Schubert. Er löst die kollektive Handbremse im verunsicherten Team, beendet die „reaktionäre“ zugunsten einer aktiven Spielweise. Die Erleichterung und die Freude bei den Profis sind so überwältigend, dass die weiter existierenden Defensiv-Probleme buchstäblich überspielt werden. Aber nur solange die Kräfte reichen.

Phase 3

Verschleißerscheinungen deuten sich in der Bundesliga beim 3:3 in Hoffenheim an, verstärken sich beim 2:4 in Manchester und treten in Leverkusen (0:5) offen zutage. Geschwächt und eingeschränkt durch Verletzungen können Xhaka & Co. die Gegner nicht mehr durch aggressives Forechecking vom eigenen Strafraum fernhalten. Beim Pokal-Aus gegen Bremen wird die einst erlösende Spielweise zur Karikatur. Die Mannschaftsteile lösen sich voneinander, ein gemeinsames Angreifen und Verteidigen nimmt mit zunehmender Spielzeit ab.

Auf einen ökonomischeren Ansatz, eine Alternative zum zuvor rettenden Aktivfußball, ist die Schubert-Elf – noch – nicht eingestellt. Die ehemalige Fähigkeit, durch Ballbesitz Sicherheit und Kontrolle zu erlangen, ist entweder verloren oder generell unerwünscht. Kopf und Körper lösen sich, gehen unterschiedliche Wege – die Vernunft ist perdu.

Phase 4

Sie beginnt mit der Vorbereitung auf die Rückrunde. Zum ersten Mal kann Schubert in Ruhe über eine längere Distanz arbeiten. Das Hauptthema muss sein: die Versöhnung von Attacke und Abwehr. Diese Balance ging unter Favre verloren zulasten der Offensive und der Risikobereitschaft, unter Schubert zu Lasten von Defensive und Kontrollvermögen.

Im ersten Halbjahr 2016  gibt es für Borussia nur noch  die Bundesliga, nur noch eine Englische Woche und damit keine Belastungs-Alibis mehr. Sollte Schubert die Synthese aus Favres Kontroll- und Jürgen Klopps Aggressivfußball gelingen, könnte er die nächste langfristige Trainerära am Borussia-Park einläuten.


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