„Wir entschuldigen uns nicht dafür“

Von: Bernd Schneiders
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Zum Schießen: Gladbachs Marc-André ter Stegen (links) und Juan Arango können sich der Komik ihres Sieges nicht entziehen. Foto: Wiechmann

Mönchengladbach. Im Fußball gibt es Farben und Trikots, um Mannschaften und Fans voneinander zu unterscheiden. Etwa grün-schwarz von schwarz-gelb. Das war nach dem Derby der Borussias, dem Bundesliga-Spiel zwischen Mönchengladbach und Dortmund, aber gar nicht nötig: Die mit dem breiten Grinsen waren am späten Samstagnachmittag die Anhänger der Elf vom Niederrhein.

 Der Muskeleinsatz der BVB-Fans war anders, aber ähnlich aktiv: Sie schüttelten nur den Kopf. Hatte ihre Mannschaft doch gerade nicht nur die Tabellenführung, sondern auch ein Spiel mit 0:2 verloren, das sie niemals verlieren durfte. „Es war eine Katastrophe“, jammerte Lucien Favre. Mönchengladbachs Trainer setzte dem kollektiven Niederrhein-Grinsen eine mehr als sauertöpfische Miene entgegen. Für den Schweizer war das Duell des Tabellen-Siebten mit dem -Ersten auch ein Vergleichskampf mit seinem Trainerkollegen Jürgen Klopp, oder besser gesagt: Der Wettstreit „ihrer“ Kinder: seine Tiki-Taka-Profis mit den Tempo- und Umschaltweltmeistern aus der Westfalen-Metropole. Und dann musste er schwarz auf weiß schlucken: 17:1-Torschüsse in der ersten Halbzeit, 27:6 am Ende des Spiels. Die von ihm geforderte Dominanz war von den Klopp-Schülern derart in Schutt und Asche gelegt worden, dass Pressesprecher Markus Aretz ihm besser alle drei Sekunden am Ärmel gezupft hätte, um ihn nachhaltig zu beschwören: „Hej, wir haben gewonnen!“

„Wir entschuldigen uns nicht dafür“, beteuerte stattdessen Max Eberl. Doch Favre hätte am liebsten den Sieg zurückgegeben, spätestens nach der amüsiert-erstaunten Bemerkung seines Kollegen: „Diese Überlegenheit schien in keiner unserer Analysen möglich“, rätselte Jürgen Klopp über die Geschehnisse vor der Pause. Seine Dortmunder nahmen die ambitionierten Gladbacher nach Strich und Faden auseinander. Nur dem Können von Torhüter Marc-André ter Stegen und Abwehrchef Martin Stranzl auf der einen und eine gewisse Schludrigkeit der Gäste bei ihrer Chancenverwertung auf der anderen Seite machten das 0:0 nach 45 Minuten möglich. „Das war ein Wunder“, befand Lucien Favre.

Die Qualität der Offensivbemühungen spiegelte sich in der Leistung des eigentlich besten Gladbachers, dem einzigen deutschen Nationalspieler, wider: Max Kruse sprang bei vier Konter-Versuchen vier Mal der Ball so weit vom Fuß, als ob er seinen in dieser Saison notorisch schwächelnden Sturm-Kollegen Patrick Herrmann imitieren wollte. Von Kombinationen konnte man nicht sprechen, die definieren sich halt durch mindestens zwei Stationen. Doch die gelangen Kruse & Co. vor der Pause nicht ein Mal unfallfrei. „Wenn wir am Ball waren, waren wir viel zu langsam, wir sind falsch gelaufen und hatten nach 15 Minuten richtig Angst“, ätzte der so ehrgeizige Fußballlehrer. Und auch kämpferisch schienen die Dortmunder die Obermacht zu haben, was aber nicht an mangelnder Einstellung der Gladbacher lag, sondern ebenfalls am extremen Tempo von Reus & Co. „Sie waren einfach da“, erinnerte sich Favre an die Szenen des Grauens.

Den spielerischen Offenbarungseid konnten weder eine – leichte – Steigerung nach der Pause, noch die zwei Tore seiner Mannschaft versüßen. Und als die Wut und Enttäuschung in ihm besonders hochstieg, stieß er eine unverhohlene Drohung aus: „Wir müssen härter trainieren. Und die Spieler, die heute das Tempo nicht spielen konnten, sind beim nächsten Mal nicht dabei.“ Da würde es in zwei Wochen in Berlin schwierig werden, den Spielberichtsbogen mit genügend Namen zu füllen. Und fast erschrocken über seinen rhetorischen Offensivgeist ruderte Lucien Favre schnell zurück. „Ich rede nicht über bestimmte Spieler, wir müssen einfach nur härter trainieren. Und das ist letztlich eine Kritik an mir.“

Der fleischgewordene Vulkan neben ihm auf dem Presseraum-Podest war erstaunlicherweise inaktiv. Und noch selbstkritischer als sein Nebenmann. „Angesichts des Ballbesitzes und der Überlegenheit haben wir nicht genügend ganz klare Chancen gehabt“, analysierte Jürgen Klopp. „Wir haben Gladbach leben lassen. Das fühlt sich bescheiden an.“

Diese Wohltat hatte sich zuvor nach 80 Minuten gerächt. Beim zweiten gelungenen Angriff der Gladbacher – der erste fand nach einer Stunde statt (Oscar Wendt vergab) – fegte Mats Hummels Havard Nordtveit, dem Favre den Vorzug vor Christoph Kramer gegeben hatte, von den Beinen: Strafstoß, den Kruse kaltblütig verwandelte. Hummels Verhinderung einer klaren Torchance wurde paragrafengetreu von Schiedsrichter Manuel Gräfe mit Rot bestraft. Die dritte gelungene Vorwärtskombination brachte die Entscheidung: Raffael nutzte die Vorarbeit von Kruse und Juan Arango zum 2:0 (86.). Der ruhige Appell des Gladbacher Trainers während der Pausen-Ansprache „Steht höher, spielt mit, das Tempo werden sie nicht durchhalten!“ hatte gefruchtet, wenn auch auf immer noch sensationelle Art. Der Fußball-Gott hat mitunter einen Hang zur Komik. Und für Lucien Favre war an diesem Abend das Drama noch nicht beendet. Eine dünne Haut hatte sich gerade über seine vielen Trainer-Wunden gelegt, da riss sie ihm ein Mann auf dem Nachhauseweg unbarmherzig wieder auf: „So ist Fußball“, sagte er. „80 Minuten mauern und dennoch 2:0 gewinnen.“ Noch so einer mit einem breiten Grinsen. Dann verschwand er in der Nacht, unwissend, was er da gerade angerichtet hatte – Manuel Gräfe, der Schiedsrichter!

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