Mönchengladbach - Wie fruchtbar ist Lucien Favres Nachhilfeunterricht?

Wie fruchtbar ist Lucien Favres Nachhilfeunterricht?

Von: Bernd Schneiders
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Neue Dynamik? Patrick Herrmann hofft auf seinen ersten Startelf-Einsatz. Foto: sport/Norbert Schmitz

Mönchengladbach. Bis auf einige Ausnahmen, tief im Süden der Republik, sind Niederlagen in der Bundesliga Alltag oder zumindest keine Sensationen. Ähnlich hätte man es auch für Borussia Mönchengladbach erwarten können nach dem 0:4 am vergangenen Samstag bei Borussia Dortmund.

Schließlich hat die Borussia vom Niederrhein in der jüngsten Bundesligageschichte oft genug und auch facettenreich bei der Borussia aus dem Ruhrpott verloren. Spätestens aber, als Lucien Favre am Sonntag ein Geheimtraining im Borussia-Park in Form eines Elf-gegen-Elf-Spiels verordnete, war es aller Geheimniskrämerei zum Trotz offensichtlich, dass diese Klatsche eine besondere war.

Gladbachs Trainer folgt normalerweise streng sportmedizinischen Erkenntnissen, nachdem am ersten Tag im Anschluss an die Belastung aktive Regeneration ansteht, und am zweiten Tag Pause ist, da dann die Verletzungsgefahr am höchsten ist. Nun aber besagtes Spielchen. In Straftrainingskategorien denkt der Schweizer nicht. Also kann es nur darum gegangen sein, taktische Fehler möglichst schnell zu korrigieren, solange die schmerzenden Wunden noch nicht mit einer schützenden Zwei-Tagehaut bedeckt waren.

Die Sonntagsarbeit muss eine Unzahl an Lektionen beinhaltet haben. Und nicht alle Fehler werden durch eine Sonderschicht so schnell auszumerzen sein. Es geht also für das Spiel am Sonntag gegen Mainz 05 darum, die Defizit-Quote zumindest zu reduzieren. Schwierig wird es mit einem von vielen Mosaiksteinchen, die zu dieser Niederlage führten, sein: das Fremdeln im so gut eingespielten Favreschen Mannschaftsgefüge. Besonders auffällig dabei Josip Drmic. Das aber liegt auch an der Position als zentraler und Strafraumstürmer. In einer Spielsituation wie in Dortmund hängt die Spitze von Natur aus schnell in der Luft. Dadurch auf sein Defensivverhalten reduziert, können die Probleme in der Abstimmung nur noch stärker auftreten. Das aber sollte am Sonntag bereits gedämpft werden, da mehr Ballbesitz und eine dominantere Spielanlage der Gladbacher zu erwarten ist.

Trugschluss

Das 0:4 offenbarte auch einen Trugschluss: Das Sechser-Pärchen Lars Stindl/Granit Xhaka ist noch nicht so eingespielt, wie es der Pokalerfolg auf St. Pauli suggerierte. Der Neuzugang aus Hannover ist ein völlig anderer Spielertyp als Vorgänger Christoph Kramer, der viele Räume zu- und noch mehr Kontrahenten ablief. Das wird sich wie in Westfalen gegen jeden offensivstarken Gegner zeigen.

Das Pärchen hinter der Doppelsechs ist komplett neu und am wenigsten für die dargebotene Leistung zu schelten. Jung, ohne Bundesligakenntnisse gleich gegen eine Top-Elf gespickt mit Überspielern wie Aubameyang und Reus – da sind Fehler programmiert. Obendrein starteten sie nicht erst in der Abwehrzentrale. Wenn Ball und Gegner vor Andreas Christensen und Marvin Schulz auftauchten, hatten die vorderen Kollegen ihr Fehlerpotenzial komplett abgerufen.

Entlastendes gibt es auch aus der Rubrik Geschichte: Auch in der Saison 2014/2015 ging Gladbach im Dortmunder Stadion im Angriffswirbel des BVB unter – mit einem eingespielten und routinierten Zentral-Duett Stranzl/Jantschke. Allein die Schwarz-Gelben nutzten ihre Chancen nicht, und Torhüter Yann Sommer hatte anders als vor einer Woche einen seiner zahlreichen guten Tage. Zudem übertünchte das spektakuläre Weitschuss-Eigentor von Kramer die Diskussion über die miserable Leistung der Favre-Schüler.

Viele Ansätze, viele Fehler – das hat aber auch den Liebreiz, dass Favre für die neue Aufgabe am Sonntag nicht sein Personal komplett oder größtenteils austauschen muss. Es gibt allenfalls Sündenböckchen und entwicklungsbedingte Schwächen. Ansonsten wäre das Fehler-Versteh- und -Ausmerz-Training am vergangenen Sonntag völlig überflüssig gewesen.

Das auf Ballbesitz getrimmte Spielsystem Favres ist fragiler als es über lange Phasen der abgelaufenen Spielzeit aussah, was beim Einsatz von vier neuen Teilstücken wie in Dortmund (Drmic, Stindl, Christensen, Schulz) unübersehbar werden musste. Anstatt Perfektionierung steht deshalb nun eher Restrukturierung an. Detail-Liebhaber Favre mag es zwar ärgern, aber wer, wenn nicht er, könnte diese Problematik in den Griff bekommen und womöglich in einen weiteren Entwicklungsschritt überführen? Es muss nicht gleich am Sonntag sein.

Voraussichtliche Aufstellung: Sommer - Korb, Jantschke, Schulz, Wendt - Xhaka, Stindl - Herrmann, Traoré - Raffael, Drmic

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