Wenn sich sogar die Haare vor lauter Glück kringeln

Von: Bernd Schneiders
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Der Torschütze kniet, die Frisur sitzt: Tobias Strobl (l.) und Oscar Wendt beglückwünschen Fabian Johnson zum 2:1. Foto: imago/Eibner

Mönchengladbach. Es war schwierig am Samstagabend ab 20.15 Uhr, den Borussia-Park unbefriedigt zu verlassen – es sei denn, man war ein Schalker. Das 4:2 der Mönchengladbacher im ersten von drei Duellen, zum Auftakt in der Fußball-Bundesliga, bot umfangreiche Kost, und höchst schmackhafte obendrein. Die 94 Minuten erzählten gleich mehrere Geschichten.

Die Abteilung Rosamunde Pilcher konnte sich ergötzen an der Glücksstory des Fabian Johnson. Am Morgen zuvor Vater geworden, erlebte der US-Amerikaner am Samstagabend gleich zwei weitere Glücksmomente – auch ohne Zwillingsgeburt.

„Meiner Frau und meinem Sohn Sean geht es gut, und wir sind überglücklich“, erklärte der 29-Jährige. Seiner Konzentration schienen die Ereignisse nicht geschadet zu haben. Im Gegenteil, sie waren für den US-Nationalspieler grundlegend für seine Leistungsexplosion: „Jeder, der Vater geworden ist, weiß, wie schön das ist. Das habe ich irgendwie mitgenommen ins Spiel.“ Auf jeden der mehr als 12 Kilometer, die er bewältigte. „Die Partie heute war zum Glück ein Abendspiel, da konnte ich vorher noch ein bisschen schlafen“, sagte Johnson.

Einen eher sportlichen Ansatz boten die vier Treffer, die seine Mannschaft auf Platz neun hievten. Alle äußerst ansehnlich, doch das 2:1 (64.) durch Johnson stellte sein Erstlingswerk (28.) und das 3:1 und 4:1 (67./76.) von Oscar Wendt und Raffael in den Schatten. Die Kombination Raffael-Johnson-Stindl-Johnson lieferte für rund 48.000 Rauten-Anhänger einen „Booooah-Effekt“: eine Traum-Passfolge, die selbst dem Perfektionisten Lucien Favre höchste Bewunderung abgerungen hätte.

Sein Nach-Nachfolger Dieter Hecking kam aus dem Beifallklatschen kaum raus, denn auch das 3:1 durch Wendt nur zwei Minuten später war aus der Abteilung Fußball-Feinkost. Das Schwärmen aber überließ er anderen, wie Patrick Herrmann, der auf der rechten Außenbahn eine famose Leistung bot. „Was wir in der Rückrunde spielen, ist großer Fußball“, sagte der Flügelflitzer.

Doch sein Trainer versuchte das Augenmerk der Beurteiler auch auf ein anderes Phänomen zu lenken. „Die erste Halbzeit geht in der Betrachtung etwas unter. Von der taktischen Disziplin her war das sehr gut.“ Weniger spektakulär als die zweite Halbzeit, aber in der Tat lag hier die Basis für die späteren Höhepunkte, die Tony Jantschke umschrieb: „Am Ende war es eine Party im Borussia-Park. Wir haben die Schalker eine halbe Stunde lang richtig an die Wand gespielt.“

Hecking besitzt nicht den Anspruch, das auch über 90 Minuten zu versuchen. Er hat mit seinem Primat der defensiven Stabilität aus Borussia wieder einen unangenehmen Gegner gemacht. „Gladbach wollte nur auf Konter spielen, und wir haben sie dummerweise dazu eingeladen“, lautete die Analyse von Schalkes Benedikt Höwedes. Vorbei sind die Zeiten, in denen der Gegner nur auf Fehler der von André Schubert auf Lehrbuch-Niveau getriebenen Borussen lauern musste. Nun schauen sich die Hecking-Schüler das Treiben von Schalke & Co. an, stehen dabei sicher, ohne zu glänzen, und lassen dann ihre Fußballperlen einfließen wie am Samstag oder ihre neuen Standard-Künste wie in Hamburg oder gegen Florenz.

Die Vereinfachung und Solidität können eben auch dazu führen, dass dem anspruchsvollen Beobachter Kreativität oder Genauigkeit im Spiel nach vorne fehlt. Doch Borussia erkauft sich diesen zeitweiligen Mangel mit einer Zu-null-Mentalität: Schalke etwa durfte Yann Sommer vor der Pause nur mit per Strafstoß zum 1:1 bezwingen (Nabil Bentaleb/38.). Goretzkas 2:4 hatte nur noch statistischen Wert (83.). Gladbachs Torhüter musste nicht ein Mal spektakulär parieren wie beim HSV.

Zum Schluss hatte das Spiel auch noch was für Frisur-Interessierte in petto. Die Locken von Fabian Johnson rankten sich nach dem Dauerregen im Borussia-Park noch kunstvoller als sonst um das Haupt des Doppel-Torschützen. Perfekte Treffer, perfekte Frisur, ein Triumph der Natur: Oder sollte der US-Amerikaner etwa doch auf den Minipli-Abwegen einstiger Fußballgrößen wie Norbert Ringels oder Rudi Völler wandeln? Doch ganz im Sinne von Rosamunde Pilcher nehmen wir einfach mal an: Die Haare ringelten sich vor Glückseligkeit und Vergnügen.

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