Wenn Emotionen früh Feierabend haben

Von: Bernd Schneiders
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In dieser Szene hat Christoph Kramer Glück, dass er nicht vom Platz fliegt: Mit seinem rechten Bein tritt er „ein bisschen“ gegen den Kölner Kevin Vogt (vorne) nach. Foto: sport/Moritz Müller

Köln. Nein, Lucien Favre mag keine Derbys. Die Emotionen nivellieren zu sehr Qualitätsunterschiede. Borussias Trainer ist ein Kontroll-Freak, ebenso wie sein Kölner Gegenüber Peter Stöger. Das sah man vor allem der ersten Halbzeit an. Taktische Disziplin, wenig Risiko, Fehlervermeidung auf beiden Seiten.

66 Prozent Ballbesitz der Gladbacher, die reifere Spielanlage – doch „es hat das Tempo, das technische Tempo gefehlt“, definierte der Schweizer einen Baustein zum 0:0. Und fast trotzig oder entschuldigend versicherte er tapfer: „Wir wollten unbedingt gewinnen.“

Das sah man nicht übermäßig deutlich. Fast noch mehr bei den Kölnern ab der 58. Minute, als sie einen Zahn zulegten, endlich Derbystimmung kreierten, aber dann doch letztlich an ihren Unzulänglichkeiten scheiterten. Favre hatte wie wohl die meisten der 50.000 Zuschauer zu diesem Zeitpunkt das torlose Unentschieden als Maximum für die Gäste an diesem Sonntagabend erkannt.

Er stand bei Kölns von eigenen Fehlern durchlöcherter Drangphase am Spielfeldrand und streckte immer wieder die Arme mit den Handflächen nach unten: Ruhig bleiben, zurück zur Spielkontrolle lautete das Signal. Das gelang ansatzweise erst wenige Minuten vor dem Schlusspfiff. Und so blieb es Geburtstagskind Max Eberl überlassen, ein würdiges Fazit zu ziehen: „Das 0:0 geht in Ordnung – auch in der Höhe.“

Spaß hatte der Gladbacher Spordirektor dennoch. „Ich habe schon rund 26 Derbys erlebt, aber heute herrschte eine atemberaubende Stimmung.“ Auf den Rängen, auf dem Spielfeld „ging es relativ unaufgeregt zu“.

Ausgerechnet einer der ruhigsten Borussen sorgte für eine Ausnahme. Der bereits in der ersten Hälfte verwarnte Christoph Kramer reagierte nach einem Foul von Kevin Vogt auf dessen Provokation mit einer Beinbewegung (72.). Schiedsrichter Felix Zwayer nahm die Kontrahenten zur Seite und redete lediglich auf sie ein. Die Gelbe Karte blieb zur Überraschung vieler stecken. Kramer honorierte diesen Glücksmoment. „Ein schlechter Schiedsrichter hätte uns Beiden Gelb gezeigt – und ich wäre runter gewesen. Aber er hat das gut gesehen.“

Favre auch, blitzschnell wechselte der Gladbacher Coach den Mittelfeldspieler gegen Havard Nordtveit aus (78.). Durch die Fernsehbilder fühlte sich Kramer im Nachhinein bestätigt, dass die Milde Zwayers kein Weltmeister-Bonus war. „Wenn einer eine halbe Stunde mein Bein festhält, so dass ich fast einen Krampf bekomme, ist es natürlich, dass ich mein Bein etwas bewege.“

Diese „Lösung“ funktionierte, sogar ungesühnt. In anderen Szenen aber hatten die Favre-Zöglinge sie nicht parat, wie Neu-Schüler André Hahn feststellte. „Köln stand sehr kompakt. Und wir haben zu wenig Lösungen gefunden. Der letzte Pass, die letzten Wege haben gefehlt.“

Der Ex-Augsburger wurde von Jonas Hector gut zugestellt. Der abschlussstarke Stürmer kam nie in eine Schussposition. Schon früh konnte man den Verdacht haben, dass nur Raffael den entscheidenden Punch setzen könnte. Doch der Brasilianer verzettelte sich eben regelmäßig bei der letzten Aktion. Kollege Granit Xhaka schilderte das Problem recht schmucklos: „Wir müssen schießen.“ Kölns Torhüter Timo Horn zu beschäftigen oder gar ernsthaft dessen saubere Weste (noch kein Gegentor) zu besudeln, gelang nicht. Zur Gladbacher Depression taugte das dennoch nicht.

André Hahn fand sein erstes Derby „einfach nur phantastisch“. Geburtstagskind Eberl blieb in Feierstimmung, und Xhaka meißelte das in Granit, was zählt: „Der Tabellenerste hat acht und wir sechs Punkte.“

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