Vom Abgrund in die Champions League

Von: Heribert Förster
Letzte Aktualisierung:
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Am 16. Mai 2015 macht der Klub mit dem 2:0-Erfolg in Bremen den Einzug in die Gruppenphase der Champions League perfekt, und jubelnde Borussen lassen in dieser Rückrunde mal wieder einen gegnerischen Spieler deprimiert zurück. Fotos: sport/osnapix/Team2/Revierfoto/Martin Hoffmann/Lackovic
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Der Grundstein für die so nie zu erwartende Entwicklung wurde im Mai 2011 gelegt, als gegen den VfL Bochum in der Relegation der Klassenerhalt perfekt gemacht wurde (Bild rechts). Fotos: sport/osnapix/Team2/Revierfoto/Martin Hoffmann/Lackovic
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Torwart Yann Sommer flog nicht nur schön durch den Strafraum, sondern auch effizient. Fotos: sport/osnapix/Team2/Revierfoto/Martin Hoffmann/Lackovic
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Lächeln statt Sorgenfalten: Trainer Lucien Favre (von links), Sportdirektor Max Eberl und Geschäftsführer Stephan Schippers. Fotos: sport/osnapix/Team2/Revierfoto/Martin Hoffmann/Lackovic

Mönchengladbach. Der sportliche Beitrag von Roel Brouwers, 33, an den wegweisenden Spielen Richtung Champions League ist eher gering. Ganze 38 Sekunden steht er auf dem Platz, eingewechselt in der dritten Minute der Nachspielzeit.

Es ist der 25. Mai 2011, und an diesem Tag beendet Borussia Mönchengladbach mit dem 1:1 beim Zweitliga-Dritten VfL Bochum im Relegationsspiel um den Klassenerhalt in der Fußball-Bundesliga eine jahrzehntelange Durststrecke.

Dieses 1:1, aber noch mehr der späte 1:0-Sieg im Hinspiel durch Igor de Camargos Treffer nach zwei Minuten und 14 Sekunden der Nachspielzeit am 19. Mai 2011, haben beim Traditionsverein vom Niederrhein eine Entwicklung in Gang gesetzt, die bundesweit mit größtem Respekt verfolgt wird. Und die mit der erstmaligen Teilnahme an der Champions League in der kommenden Saison ihre vorläufige Krönung erfährt.

Zusammengeschweißt

Defensivspezialist Tony Jantschke, Mönchengladbachs Mr. Zuverlässig und als 16-Jähriger 2006 aus Hoyerswerda in den Borussia-Park gewechselt, hat es im Interview mit unserer Zeitung auf den Punkt gebracht. Noch heute bekomme er Gänsehaut, „die Relegationsspiele waren meine zwei schönsten Spiele für Gladbach“.

Schöner etwa als die folgende Saison mit dem sensationellen vierten Platz? „Alles schön und gut, aber diese beiden Relegationsspiele sind unbeschreiblich.“ Und vor allen Dingen: „In diesen beiden Spielen hat eine Entwicklung stattgefunden im Verhältnis zwischen Fans, Mannschaft und Verein, mit der Mönchengladbach auch für negative Zeiten sehr gut gerüstet ist. Das hat unglaublich zusammengeschweißt. Darauf wirst du heute noch auf der Straße von den Fans angesprochen.“

Es gab einmal eine Initiative...

Kein Wunder, denn in der Winterpause der Saison 2010/11 lag die Borussia am Boden, sportlich mausetot, mal wieder drohte der Abstieg, der dritte nach 1999 und 2007. Letzter war die Mannschaft nach der Hinrunde, zehn Pünktchen standen nach 17 Spielen auf der Habenseite (und übrigens 47 Gegentore, aktuell unvorstellbar!) Ein Traum war der Klassenerhalt – mehr nicht.

Und abseits des Rasens versuchte sich eine „Initiative Borussia“ an der Machtübernahme. Es scheint so lange her zu sein. Und doch ist es gerade einmal vier Jahre her, dass diese Gruppierung um den ehemaligen Starspieler Stefan Effenberg den Verantwortlichen Vorwürfe machte: Unprofessionelle Strukturen und fehlender Fußballsachverstand in der Vereinsführung seien der Grund, warum Anspruch und Wirklichkeit in Mönchengladbach schon seit Jahren auseinanderklaffen würden.

Das alles muss man noch einmal erzählen, denn in diesem halben Jahr Anfang 2011 begann der wundersame Aufstieg des VfL Borussia Mönchengladbach, der doch so wenig mit einem Wunder zu tun hat. Vielmehr ist er das Produkt ehrlicher, kontinuierlicher, effektiver Arbeit – in allen Bereichen.

Die zunächst skeptisch beäugte Verpflichtung von Lucien Favre als Trainer erwies sich als Glücksgriff von Sportdirektor Max Eberl, am 14.Februar 2011 löste der heute 57-jährige Schweizer Michael Frontzeck ab. Mit Favre kehrte Spielkultur zurück, der potenzielle Absteiger Borussia Mönchengladbach agierte nicht mit der in solchen Fällen gerne angewandten „Hinten-dicht-und-vorne-hilft-der-liebe-Gott-Taktik“ eines „Feuerwehrmanns“. Mit fußballerischen, spielerischen Lösungen ging Favre die Mission Klassenerhalt an.

Relegation als Gewinn

Roel Brouwers war in dieser denkwürdigen Saison nicht mehr Stammspieler, 15 Einsätze standen für den Innenverteidiger zu Buche – und eben diese 38 Sekunden in Bochum. „27 Punkte haben wir in der Rückrunde geholt“, erinnert sich der Niederländer, „das war schon nicht schlecht. Und das wir überhaupt die Relegation erreicht hatten, war schon ein Gewinn für uns, kein Verlust.

Jeder hatte doch gedacht: Die steigen sowieso ab.“ Der Klassenerhalt, „dass wir drin geblieben sind, das war sehr, sehr wichtig, sonst wäre es ein herber Rückschlag für den Verein gewesen.“ Und jetzt kann man den Publikumsliebling, nur vier Jahre später, tatsächlich fragen, ob er lieber gegen Lionel Messi oder gegen Cristiano Ronaldo spielen würde!

Seit 2007 ist Brouwers, der von den Fans stets mit einem langgezogenen „Rooooooooel“ gefeiert wird, im Verein, kommende Saison wird er nach dem Abschied des langjährigen Kapitäns Filip Daems (35, seit 2005 im Verein) hinter Ersatztorwart Christopher Heimeroth (34, seit 2006) der dienstälteste Borusse im Aufgebot sein (lässt man die als Jugendliche 2006 nach Mönchengladbach gewechselten Janis Blaswich, Tony Jantschke und Julian Korb einmal außen vor). Von der Zweiten Liga in die Champions League – das Beispiel Roel Brouwers zeigt, dass Geld nicht alles sein muss im Big Business Fußball.

Jeden einzelnen Spieler weiterentwickeln ist eine der Favre’schen Stärken. Dazu gesellt sich das unaufgeregte, zielführende Arbeiten des Managers Max Eberl, ligaweit gerühmt für sein feines Näschen bei Transfers. Und die hochprofessionelle Arbeitsweise abseits des sportlichen Tagesgeschäfts durch Geschäftsführer Stephan Schippers.

Borussia hat sich zu einem Vorzeigeklub entwickelt, der längst als Vorbild dient für Klubs wie Mainz 05 und den FC Augsburg, für Werder Bremen und sogar den rheinischen Rivalen 1. FC Köln. Dessen Trainer Peter Stöger sagte jüngst dem „kicker“: „Jetzt kann ich in Köln nicht laut sagen, dass Gladbach ein Vorbild ist, aber von der Art und Weise, wie sie spielen, ist das schon ein kompaktes, gutes Team. Und es ist kein Zufall, dass die da oben stehen.“

Über 20 Millionen Euro Schulden

Sportlich ein Vorbild, und auch wirtschaftlich. 1999, im Jahr des ersten Abstiegs, drohte dem Verein bei umgerechnet über 20 Millionen Euro Schulden das Aus, und auch heute sagt Stephan Schippers nicht, dass der Verein gesund sei. „Wir sind kerngesund!“ Besonders wichtig für die Verantwortlichen: Borussia Mönchengladbach ist wirtschaftlich total unabhängig, kann ohne jegliche Beeinflussung seine Pläne durchziehen, ist völlig frei in seinen Entscheidungen.

Schippers konnte auf der Jahreshauptversammlung für das Jahr 2014 ein Eigenkapital von 40 Millionen Euro und eine Eigenkapitalquote von knapp 30 Prozent verkünden (2011 waren es knapp elf Prozent) – herausragende Zahlen. Schalke 04 zum Beispiel hatte laut der „Rating Agentur Creditreform“ für das Jahr 2013 eine Eigenkapitalquote (sie gibt den Anteil des Eigenkapitals am Gesamtkapital an) von -41,6 Prozent. Die Regel sagt, dass ein Unternehmen mit einer 15-prozentigen Quote als gesund gilt.

Gesunde Borussia, gute Borussia: Diese Rechnung stimmt in dieser herausragenden Saison, und auch für die Zukunft scheint der Verein für Leibesübungen bestens aufgestellt. Seiner Maxime wird der Klub treu bleiben, sich nur das leisten, was er sich auch leisten kann. Nachhaltigkeit ist das Gebot. Bescheidenheit und Demut gehören nach wie vor unabdingbar zum Wortschatz aller Borussen.

Mit Max Eberls Worten ausgedrückt: „Wir machen keine verrückten Sachen.“ Auch wenn man bald gegen Messi oder Ronaldo spielt. Roel Brouwers würde übrigens am liebsten gegen Real Madrids Cristiano Ronaldo spielen, „groß gewachsene Gegenspieler sind mir lieber“. In der Champions League. Gerade einmal vier Jahre und ein paar Monate nach seinem 38-Sekunden-Einsatz in der Relegation in Bochum.

Yann Sommer fliegt nicht nur schön, sondern auch effizient

Von rauschhaftem Fußball seiner Borussia würde Trainer Lucien Favre nie sprechen, egal ob nach einem 2:0 beim FC Bayern, dem 1:0 gegen Wolfsburg, einem 3:0 gegen Leverkusen oder diesem die Champions-League-Teilnahme bringenden 2:0-Erfolg in Bremen. Der Schweizer findet immer noch ein Härchen in der Erfolgssuppe. Zufriedenheit ist für ihn Stillstand, und das widerspricht einer steten Entwicklung.

Niemals würde der Pedant (was in diesem Fall einmal außerordentlich lobend gemeint sein soll) seine Bedeutung für den Erfolg herauskehren. Aber dafür gibt es ja andere. Zum Beispiel Max Eberl, der sich mit zunehmenden Erfolgen und abnehmenden Spielen immer ein bisschen, nun ja, euphorischer zeigte in den vergangenen Wochen. „Wir haben eine sehr, sehr gute Truppe mit einem herausragenden Trainer“, lobte der Sportdirektor, als die Königsklassen-Teilnahme gebucht war, „diese Mischung macht es aus.“

Die Mischung macht‘s: Und da fällt es speziell nach der Rückrunde schwer, Favre bei der Härchensuche zu unterstützen. Torwart Yann Sommer flog nicht nur schön durch den Strafraum, sondern auch effizient. So effizient wie kein anderer in der Liga. Die Abwehr stand, egal in welcher Formation – bislang erst sieben Gegentörchen im Jahr 2015. Und wo gab es ein besseres Mittelfeld-Paar als Granit Xhaka und Christoph Kramer? Auch im Angriff: alles bestens.

Letztmals war es irgendwann in den 1970er Jahren, dass gleich drei Spieler eine zweistellige Trefferquote aufweisen konnten. Mal schauen, ob sich aus dem Trio Patrick Hermann, Max Kruse oder Raffael (alle elf Treffer bisher) gegen den FC Augsburg noch einer die vereinsinterne Torjägerkrone aufsetzen darf.

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