Viel Elend und ein Schuss Moral

Von: Bernd Schneiders
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Reingekämpft: André Hahn lässt Augsburgs Keeper Marwin Hitz beim 1:1 keine Chance. Foto: Wiechmann

Mönchengladbach. Es war ein Fußballnachmittag der späten Momente, und das sollte mit dem Abpfiff der Partie zwischen Borussia Mönchengladbach und Augsburg noch nicht sein Ende haben. Mehr als zwei Stunden später wartete André Hahn immer noch auf seinen hochverdienten Feierabend.

Gemeinsam mit Söhnchen Julien versuchte er in den Katakomben des Borussia-Parks die Zwangsverlängerung möglichst kurzweilig zu gestalten. „Komm her, Du Rakete“, lockte der 28-Jährige, als der gerade mal 16 Monate alte Knirps im persönlichen Gladbach-Trikot und kaum größer als der Ball diesen Richtung Ausgang dribbelte.

Nun ist auch Vater Hahn nicht gerade der Langsamste, auch wenn er es an diesem Nachmittag gegen seinen Ex-Klub nicht so häufig beweisen konnte. Aber davon später. Jetzt erst mal erwies sich André Hahn als Anti-Rakete: Ausgerechnet der Mann, der buchstäblich in letzter Sekunde der Nachspielzeit mit dem 1:1 seinem immer noch europäisch denkenden Verein einen Punkt gerettet hatte, musste zur Dopingprobe. Und es wollte nicht klappen, so wenig, wie zuvor für seine Borussia mit dem Chancen-Kreieren und -Nutzen.

Die sich ziehende Pinkelpause nutzte schnell noch ein süddeutsches Kamerateam für ein Blitz-Interview – mächtig bemüht, aus dem ehemaligen Augsburger möglichst etwas Lokalpatriotisches rauszuquetschen. Doch mit dem Rausquetschen hatte es Hahn an diesem Tag nicht. Und fast verzweifelt beendete er die verbalen Steilvorlagen des TV-Senders zum Thema „schlechtes Gewissen“ mit der Gegenfrage: „Soll ich den Ball etwa danebenschießen?“

Das hätte rein fußballerisch gut zum Auftreten seiner Mannschaft gepasst. Denn gegen die erbittert gegen den Abstieg kämpfenden Augsburger ließen Stindl & Co. Esprit und Durchschlagskraft vermissen. Dabei begann die Hecking-Elf ihren Vortrag ganz nett. Hübsche Kombinationen visualisierten den fußballerischen Abstand zu den extrem tief stehenden Gästen, die ihr defensives Heil in einer Fünferkette suchten. Allein – raus kam nichts dabei, obwohl Patrick Herrmann und Nico Elvedi etliche Male auf der rechten Seite in die Nähe der Grundlinie kamen, doch die Reingaben fanden jeweils mit verblüffender Hartnäckigkeit einen gegnerischen Abnehmer.

Die mangelnde Effektivität und das Verschludern des finalen Passes war nicht das erste Mal im Gladbacher Spiel zu entdecken. Zur Halbzeitpause konnte der geneigte Zuschauer noch darauf hoffen, dass die bayrischen Schwaben im eigenen, defensiven Saft gar gebraten würden. Irgendwann würde dann schon der verdiente Treffer fallen. Stattdessen aber nutzte Alfred Finnbogason ein Instinkt- oder Zufallszuspiel von Halil Altintop zur Führung der Augsburger (57.). Die Verwertung des Isländers war dagegen kein Zufall: Der FCA-Stürmer war der beste Angreifer auf dem Platz.

„Da ging die Klappe runter“

„Mit dem 0:1 ging die Klappe bei meinen Spielern runter“, schilderte Dieter Hecking das, was folgte. Nun fehlte seinen Gladbachern nicht nur die Tiefe, sondern auch das Selbstvertrauen. Jetzt bekamen die Baum-Schüler durch die sich mehrenden Fehlpässe die Chancen, die sie vor der Pause eigentlich gar nicht wollten. Sinnbildlich für das untaugliche Bemühen der Offensivkollegen, das nun weder in Torchancen und erst recht nicht in Tore mündete, war der verzweifelte Versuch des Gladbacher Abwehrhünen Jannik Vestergaard, zu einem Sololauf in den Augsburger Strafraum zu starten (82.).

Dass sich zu guter Letzt eine Flanke des eingewechselten Ibrahima Traoré einmal nicht ins Nirwana, sondern Richtung langen Pfosten und zu dem reinsprintenden Hahn verirrte, versetzte Gladbachs Sportdirektor Max Eberl in die Lage, dem schrecklichen Geschehen ein Hauch Positives abzugewinnen. „Ein schöner Punkt, der weniger mit Fußball, mehr mit Moral zu tun hat.“ Dieter Hecking vermisste jegliche „Leichtigkeit“.

Dafür ist Punktretter André Hahn nicht zuständig, auch nicht bei der Dopingprobe.

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