Stiller Dirigent mit einem Kampforchester

Von: Bernd Schneiders
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Zeit für Zärtlichkeiten: Vater und Sohn des Sieges in Gestalt von Torhüter Yann Sommer und Spielmacher Mo Dahoud genießen nach dem Schlusspfiff den Derby-Erfolg gegen Köln. Foto: sport/Moritz Müller

Mönchengladbach. Die Menschen wollen Helden. Im wirklichen Leben, aber auch im Fußball. Und erst recht in einem Derby. Das hat auch etwas damit zu tun, dass die Personalisierung das Verstehen eines eher komplexen Geschehens erleichtert. Mahmoud Dahoud also, genannt Mo. Borussia Mönchengladbachs junger Mittelfeldspieler erzielte den einzigen Treffer, der das Duell mit dem 1. FC Köln entschied.

Doch der 20-jährige Syrer entzieht sich mit Unterstützung seines Arbeitgebers dem Medienrummel komplett. Und so passierte Dahoud durchaus beglückt und aufgeräumt die Journalistenmenge in der Mixed-Zone und warf den lobenden Aufforderungen, sich zum Interview hinzuzugesellen, ein schlichtes „Danke schön“ entgegen. Dass er dabei das n von schön fast verschluckte, unterstrich den rheinischen Abschiedscharakter der Erwiderung.

Dahoud flüchtet: vor der Vereinnahmung der Öffentlichkeit und des organisierten Hypes durch die Medien, aber auch vor den Nachfragen zu seiner privaten Geschichte als Flüchtlingskind. „Das ist kein böser Wille, aber er möchte das ganze Ballyhoo nicht so haben, er will einfach nur Fußball spielen“, erklärte Max Eberl das reservierte Verhalten seines Schützlings. Auch wenn Borussias Sportdirektor weiß, dass die Interviewfreiheit auf Dauer nicht durchzuhalten ist. „Das ganze Drumherum wird er noch lernen müssen.“

Aber auch so liefert Mo Dahoud genug Gesprächs- und Schreibstoff für ein Heldenepos: der stille Dirigent. Und in der Tat verzauberte der Jüngling vor allem in der ersten Halbzeit das Publikum mit einem fast perfekten Vortrag. Beinah jeden Ball fordernd schwang sich der der junge „Sechser“ zum wahren Orchesterleiter auf und spielte mit in ihrer Schlichtheit genialen Flachpässen seinen Schweizer Nebenmann Granit Xhaka in den Schatten. Ein Zuspiel von Raffael überlegt mit dem Außenrist zum 1:0 ins untere Toreck zu zirkeln, krönte seine Leistung (9.).

Doch es war kein Soloauftritt, auch Dirigent Dahoud war nur ein Teil des Ensembles. Getroffen hatten zuvor – wie etwa bei der Niederlage in Hamburg – auch andere (Stindl, Raffael), ohne dass Zählbares dabei herausgesprungen war. Neu und grundlegend war, dass die Null hinten stand. Das hatte die Elf von Trainer André Schubert zuletzt am 7. November beim torlosen Remis zu Hause gegen Ingolstadt geschafft.

Und so beschrieb eine Szene tief in der zweiten Halbzeit, warum Mönchengladbach diesmal als unbefleckter Sieger vom Platz gegangen ist: Als sich Kölns Sturm-Wuchtbrumme Anthony Modeste geschickt um Innenverteidiger Havard Nordtveit geschlängelt hatte, preschte Oscar Wendt von hinten heran, und verhinderte im letzten Moment, dass der Fehler seines norwegischen Kumpels zum Ausgleich führte. Sich nicht nur in der Offensive zu helfen, sondern auch bereit zu sein, in der Defensivarbeit zu assistieren und „Klöpse“ seiner Kollegen auszumerzen, das war die neue Partitur. „Es war unheimlich wichtig, dass wir nicht mit Fußball gewonnen haben, sondern durch Kampf“, urteilte der schwedische Nothelfer.

Und auch Schubert war erfreut über die Besonderheit des Sieges. Gegen den nach der Pause aufdrehenden FC mutierte sein Team nicht zum Panikorchester, sondern erarbeitete sich – inklusive der Paraden von Torhüter Yann Sommer (gegen Lehmann, Jojic) – den Erfolg. „Es ist wichtig zu wissen, dass wir so ein Spiel auch runterspielen können.“ Nicht souverän, und auch nicht mit überzeugender Organisation, aber mit „viel Herz und Leidenschaft“, wie Schubert anmerkte. Es war ein besonderes Spiel, auch weil es einen weiteren stummen Dirigenten gab. Die Gladbacher Ultras, sonst verantwortlich für das Anstimmen der Unterstützungsgesänge, verweigerten die phonetische Unterstützung.

Die anderen Anhänger und Fangruppen in der Nordkurve versuchten, den „schwarzen“ Boykott zu kompensieren. Die Emanzipation gelang nur begrenzt. Doch ein Trauerspiel wurde verhindert. Noch ein knapper Erfolg für den Eberls Fazit gilt: „ Der Sieg war verdient – auch in der Höhe.“

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